
Ein tödlicher E-Scooter-Unfall in Knittlingen lässt wieder die Diskussion um eine Helmpflicht aufleben. In einigen Regionen in Australien wurde eine Helmpflicht für E-Roller eingeführt, wodurch die Zahl der Verletzungen reduziert werden konnte. Foto: glebcallfives/stock.adobe.com
Tödlicher E-Scooter-Unfall in Knittlingen weckt erneut die Diskussion um eine Helmpflicht
Mal eben in der Innenstadt den Bus verpasst und keine Lust darauf, in der Kälte zu warten? Oder gleich die Busfahrt sparen und direkt vor die Haustüre rollen? Mit den überall geparkten E-Scootern genießt man ein hohes Maß an Mobilität und Flexibilität. Diese Roller sind eigentlich ein ideales und obendrein abgasloses Fahrzeug für den innerstädtischen Verkehr. Doch die Risiken im Straßenverkehr sind hoch, wie der tödliche Unfall eines 39-jährigen Mannes belegt, der am 20. Dezember kurz vor Mitternacht in Knittlingen neben seinem E-Scooter liegend gefunden wurde.
Nach Auskunft der Polizei soll der Mann bei der Fahrt mit dem E-Scooter gestürzt sein, wobei er lebensgefährliche Kopfverletzungen erlitten hat. Am Abend des 22. Dezember ist er dann im Krankenhaus gestorben. Die Polizei hatte bis dahin keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden an dem Sturz oder für die Beteiligung weiterer Personen. In 2024 war die Zahl der E-Scooter-Unfälle weiter stark angestiegen. An den hohen Unfallzahlen, hinter denen viele Menschen mit schweren Verletzungen stehen, dürfte sich auch 2025 nicht viel geändert haben.
Allein 2024 meldete die Polizei in Deutschland knapp 12.000 E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden, etwa 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders auffällig: Fast die Hälfte der Verunglückten war jünger als 25 Jahre, über 80 Prozent waren unter 45 Jahre alt. Alkohol spielte dabei in etwa 12,4 Prozent der Fälle eine Rolle, und häufig führte eine falsche Nutzung von Gehweg oder Fahrbahnen zum Unfall. Ebenso wird eine unangepasste Geschwindigkeit immer wieder als Unfallgrund genannt.
Unfälle zeigen ein klares Muster
Eine aktuelle Studie der Technischen Universität München (TUM) zeigt, dass diese Unfälle deutschlandweit klare Muster aufweisen: Sie finden oft nachts und am Wochenende statt, die Verletzten sind häufig männlich und alkoholisiert. Die Autoren fordern daher Schutzmaßnahmen, die darauf abgestimmt sind.
Seit 2020 werden E-Scooter-Unfälle mit Schwerverletzten im TraumaRegister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie erfasst. Diese Daten wurden jetzt von der Forschungsgruppe für Verkehrssicherheit am TUM Klinikum analysiert. In den ersten drei Jahren nach Beginn der Erfassung wurden demnach 538 Menschen bei E-Scooter-Unfällen schwer verletzt. Die weitaus häufigsten Verletzungen betrafen den Kopf und das Gesicht. Mehr als 80 Prozent der Schwerverletzen wurden auf der Intensivstation behandelt. 26 Personen starben an ihren Verletzungen.
Hoher Männeranteil, häufig Alkohol im Spiel
Das Durchschnittsalter der Betroffenen betrug 44,3 Jahre, gut 78 Prozent waren männlich. „Jüngere Männer sind deutlich häufiger betroffen, wenn man die Daten mit Informationen zu Unfällen mit Fahrrädern, Autos oder zu Fuß vergleicht“, sagt Privatdozent Dr. Dr. Michael Zyskowski, Mitautor, Leiter der Forschungsgruppe und Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie der TUM. Bei vergleichbar schweren Unfällen mit Fahrrädern lag der Altersdurchschnitt beispielsweise bei 54,5 Jahren, der Männeranteil bei 72 Prozent.
62 Prozent der schwerverletzten E-Scooter-Fahrenden, die getestet wurden, hatten Alkohol im Blut. Bei einem Drittel lag der Alkoholpegel über dem gesetzlichen Grenzwert. 54 Prozent der Unfälle ereigneten sich nachts, die Hälfte am Wochenende.

Mehr Schutz durch bessere Regeln und Helm-Pflicht
„Die Zahl der schweren Verletzungen nach E-Scooter-Unfällen müsste nicht so hoch sein“, sagt Dr. Frederik Hartz Mitautor der Studie. Die verfügbaren Daten liefern zwar keine Informationen dazu, ob die Verletzten einen Helm trugen oder ob sie mit einem privaten E-Scooter oder mit einem Leihgerät unterwegs waren. Zumindest ein Beispiel aus Australien zeigt jedoch positive Auswirkungen von gesetzlichen Regelungen: In einigen Regionen wurde eine Helmpflicht für E-Roller eingeführt, wodurch die Zahl der Verletzungen reduziert werden konnte. Studien zu den Auswirkungen von anderen Maßnahmen, etwa von Nachtfahrverboten oder Geschwindigkeitsbegrenzungen am Wochenende, stehen allerdings noch aus.
Michael Zyskowski ist überzeugt: „Durch Prävention können wir viel erreichen. Das beginnt mit gezielter Aufklärungsarbeit über die Folgen von schweren Kopfverletzungen für die Risikogruppen.“ Gerade Leih-E-Scooter sind aus Sicht der Forschenden auch für ganz konkrete Schutzmaßnahmen geeignet: Da die Geräte digital verwaltet und freigeben werden, könnten Anbieter ohne größere technische Hürden für mehr Verkehrssicherheit sorgen. „Für mehr Verkehrssicherheit wäre es sinnvoll, die Verfügbarkeit der Scooter nachts und an Unfallhotspots zu reduzieren und die Höchstgeschwindigkeit ab einer bestimmten Uhrzeit zu drosseln“, sagt Michael Zyskowski. „Außerdem könnte man Reaktionstests zu einem festen Teil des Ausleihprozesses machen, um Alkoholfahrten zu minimieren. Zusätzlich sollten wir die Machbarkeit einer Helmpflicht prüfen, wie Italien sie vor kurzem eingeführt hat.“
Im norwegischen Oslo existiert ein Fahrverbot für Mietroller zwischen 23 Uhr und 5 Uhr, im finnischen Helsinki wurde die zugelassene Höchstgeschwindigkeit für E-Scooter am Wochenende von 25 auf 15 Stundenkilometer reduziert. „E-Scooter sind keine Spielzeuge und die Statistik zeigt klar: Junge Menschen haben ein erhöhtes Unfallrisiko. Mehr Regelbewusstsein und Sicherheit im Verkehr sind nötig“, so Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin der BARMER.
Helm tragen – auch ohne Pflicht. Dazu rät die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) E-Scooter-Fahrern. Wird ein E-Scooter-Fahrer bei einem Unfall schwer verletzt, dann ist am häufigsten der Kopf betroffen. „Die schweren Schädel-Hirn-Traumata, die wir regelmäßig in unserer Klinik sehen und behandeln, spiegeln sich nun auch in der Statistik wider. Daraus ergibt sich eindeutig: Wer mit dem E-Scooter unterwegs ist, sollte einen Helm tragen“, sagt Prof. Dr. Ulrich Stöckle, stellvertretender Präsident der DGOU sowie Präsident der DGU anlässlich des Aktionstages „Tag der Verkehrssicherheit“ in 2025. „Ein Helm bleibt der wichtigste Schutz für den Kopf – aber auch andere einfache Maßnahmen erhöhen die Sicherheit: langsam fahren statt die 20 km/h auszureizen, nüchtern unterwegs sein wie beim Auto- oder Radfahren, und vor allem nachts gut sichtbar bleiben“, sagt PD Dr. Christopher Spering, DGOU-Sektionsleiter Prävention und Vorsitzender des Vorstandsausschusses Verkehrsmedizin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats.
Fahrradhelme gelten in der Unfallforschung seit vielen Jahren als wirksamer Schutz vor schweren Kopfverletzungen. Zahlreiche Studien, unter anderem aus der Unfallforschung der Versicherer, von der Weltgesundheitsorganisation WHO und diversen Universitäten zeigen, dass das Risiko schwerer Kopfverletzungen durch einen Helm im Schnitt um 60 Prozent bis 80 Prozent reduziert werden kann. Auch Schädel-Hirn-Traumata lassen sich deutlich abmildern. Allerdings: Einen vollständigen Schutz gibt es nicht – bei sehr schweren Unfällen mit hohen Geschwindigkeiten oder bei seitlichem Anprall sind Helme begrenzt wirksam.
Das sind die typischen E-Scooter-Verletzungen
Mit dem Smartphone den Code scannen, mit dem Fuß anschieben, Gas geben und los: E Scooter verleiten oft auch zu einem riskanten Fahrstil. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat vor wenigen Jahren die Gründe dafür analysiert und die Arten der Verletzungen untersucht.
Die Erhebung verdeutlicht, dass zu den fahrzeugtypischen Verletzungen beispielsweise Risswunden am oberen Sprunggelenk, Frakturen der oberen Extremitäten und Kopfverletzungen gehören. So erlitten über 54 Prozent der Patienten Kopfverletzungen. Dabei handelte es sich meist um leichte Prellungen mit Schürfwunden. Vier der 24 Patienten wiesen leichte Schädel-Hirn-Traumata auf.
Die gehäuften Weichteilverletzungen an den unteren Extremitäten im Bereich des oberen Sprunggelenks wurden durch das unachtsame Antreten des E Scooters verursacht. „Mit unserer ersten Fallserie wollten wir zeigen, was die für E Scooter typischen Verletzungsmuster sind, mit denen insbesondere Notärzte, Notfallmediziner und Chirurgen zukünftig konfrontiert sind“, fügt Prof. Möckel hinzu.
„Viele Nutzerinnen und Nutzer von E-Scootern ignorieren die Regeln zur Nutzung von Radwegen und Schutzstreifen, aus Mangel an Aufmerksamkeit oder Kenntnis“, weiß Dr. Ursula Marschall. Besonders nachts und an Wochenenden steigen Risiko und Unfallzahlen. Häufig betroffen sind Kopf und Gesicht, aber auch Arme und Hände, da sich viele beim Sturz reflexartig abstützen. „Wir sehen in der Praxis vor allem Kopfverletzungen, darunter Schädel-Hirn-Traumata, sowie Brüche an Unterarmen und Händen. Auch Frakturen der unteren Extremitäten kommen regelmäßig vor. Der fehlende Helm ist dabei der größte Risikofaktor“, erklärt die Medizinerin.
So handelt man bei einem E-Scooter-Unfall richtig
Ist es zu einem schweren Unfall gekommen, empfiehlt die DGOU folgende Erste-Hilfe-Maßnahmen, um schwere Schäden abzuwenden:
In allen Fällen
- Notruf 112 wählen
- Betroffene beruhigen und betreuen, Unfallstelle sichern
- Nicht allein lassen, Sicherheit vermitteln
- Warten, bis der Rettungsdienst eintrifft
Bei Bewusstlosigkeit
- Atmung prüfen
- Stabile Seitenlage, wenn Atmung vorhanden
Verdacht auf Kopfverletzung
- Person nicht bewegen, insbesondere den Kopf stabil halten
- Bei Bewusstlosigkeit: stabile Seitenlage, sofern möglich ohne den Kopf zu drehen
Starke Blutungen
- Blutung stoppen: mit einem sauberen Tuch direkten Druck auf die Wunde ausüben
- Wenn möglich, verletztes Körperteil hochlagern
Sichtbare Knochenbrüche
- Keine Bewegung der betroffenen Gliedmaßen
- Ruhig lagern und nach Möglichkeit stabilisieren
Unklare Reaktionen, Schwindel, Erbrechen
- Person beruhigen und nicht allein lassen
Bei Verschlechterung
- Lage erneut einschätzen und gegebenenfalls stabile Seitenlage. pm/tok