
Laut IKK classic stieg der Anteil psychischer Erkrankungen bei Auszubildenden weiter an. Diese liegen nun hinter den Atemwegserkrankungen auf Platz zwei der häufigsten Krankheitsursachen von Azubis. Foto: anon/stock.adobe.com
Psychische Erkrankungen bei Azubis nehmen zu: Handwerk deutlich unter dem Durchschnitt
Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Laut der Studie „Jugend in Deutschland 2024“ sind Stress, Einsamkeit und Angstzustände seit der Corona-Pandemie stark angestiegen. Eine Trendumkehr ist noch nicht zu erkennen. Rund 20 Prozent der unter 30-Jährigen zeigen so starke psychische Belastungen, dass professionelle Hilfe nötig ist.
Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ meldet bei 14- bis 29-Jährigen anhaltend viel Stress (51 Prozent), Erschöpfung (36 Prozent) und Hilflosigkeit (17 Prozent). 11 Prozent geben an, aktuell wegen psychischer Störungen in Behandlung zu sein.
Mehr psychische Erkrankungen bei Auszubildenden
Diese Entwicklung zeigt sich auch bei den Auszubildenden: Laut aktuellen Daten der Krankenversicherung IKK classic stieg der Anteil physischer Erkrankungen am Krankheitsgeschehen bei Azubis von 12,5 Prozent im Jahr 2022 auf 13,6 Prozent im Jahr 2024. Damit liegen diese Erkrankungen mittlerweile auf Platz zwei der häufigsten Krankheitsursachen von Auszubildenden – direkt hinter den Atemwegserkrankungen (35 Prozent).
Eine 2024 veröffentlichte, von der TUM School of Medicine and Health durchgeführte bundesweite Erhebung zur psychischen Gesundheitskompetenz (Mental Health Literacy) hat neben 2000 Erwachsenen zusätzlich 500 Auszubildende befragt. Ergebnis: Vier von fünf Azubis (79,6 Prozent) weisen eine niedrige psychische Gesundheitskompetenz auf. Das ist nur geringfügig besser als die Allgemeinbevölkerung (86,1 Prozent). Positiv klingt aber dieses Ergebnis: 71 bis 76 Prozent der Azubis würden bei eigenen psychischen Problemen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Was belastet Azubis im Alltag? Der DGB-Ausbildungsreport (2024) dokumentiert verbreitete Probleme wie ausbildungsfremde Tätigkeiten, Überstunden, Unsicherheit der Übernahme. Die Zufriedenheit sinkt mit fortschreitender Ausbildungsdauer deutlich. Solche Rahmenbedingungen gelten als Risikofaktoren für psychische Belastungen in der Ausbildung.
Psychische Erkrankungen bei Auszubildenden im Handwerk am geringsten
Ein Blick auf die Branchen zeigt allerdings deutliche Unterschiede. Während in der Industrie rund jeder fünfte Auszubildende (20,2 Prozent) von einer psychischen Erkrankung betroffen ist, ist der Anteil im Handwerk mit 10,7 Prozent deutlich niedriger. Das gilt ebenso im Handel. In der Dienstleistungsbranche liegt der Anteil bei 14,6 Prozent, im Öffentlichen Dienst bei 14,3 Prozent.
Handwerk: Aktuelle IKK-Ergebnisse für Handwerksbeschäftigte (repräsentative Ipsos-CATI-Befragung 2024/25) zeichnen ein gemischtes, aber überraschend robustes Bild: Sehr viele Handwerker schätzen ihren Gesundheitszustand als gut bis sehr gut ein (etwa 85 Prozent), die Resilienzwerte sind überdurchschnittlich, gleichzeitig aber berichten viele über Stress im Alltag. Die Studie bescheinigt dem Handwerk insgesamt „wertvolle Gesundheitsressourcen“.
Dienstleistung/Sozial- und Gesundheitsberufe: Hier sind psychisch bedingte Fehlzeiten am höchsten. Der DAK-Psychreport nennt das Gesundheitswesen (+20 Prozent über Durchschnitt) und Berufe in Kita/Altenpflege an der Spitze der psychischen AU-Tage – ein klares Signal, dass Ausbildungen in diesen Feldern überdurchschnittliche Risiken für mentale Belastungen bergen.
Industrie/produzierendes Gewerbe: In vielen industriellen Bereichen liegen psychisch bedingte AU-Tage unter dem Branchendurchschnitt. Gleichzeitig zeigen Krankenkassendaten, dass körperliche Belastungen dort dominieren, während psychische Diagnosen weniger stark streuen als in sozialen Dienstleistungsberufen.
Einordnung: Der Vergleich spricht dafür, dass Arbeitsinhalte und Organisationsbedingungen den Unterschied machen: Team-/Kundenkontakt unter Zeitdruck, Personalmangel, Schicht- und Emotionsarbeit erhöhen das Risiko (Dienstleistung/Soziales). Handwerkliche Arbeitskontexte bieten oft sichtbare Sinn- und Erfolgserlebnisse sowie körperliche Aktivität. Beides gilt als Ressource gegen psychische Belastungen, auch wenn Termindruck und körperliche Beanspruchung Stress erzeugen.
„Damit leiden handwerkliche Auszubildende deutlich seltener unter psychischen Erkrankungen als der Durchschnitt. Mögliche Gründe hierfür könnten sein, dass körperliche Bewegung, feste Tagesstrukturen und ein starkes Wir-Gefühl in den Handwerksbetrieben einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit haben.“
Frank Hippler, Vorstandsvorsitzender der IKK classic.
Frühwarnzeichen erkennen und richtig reagieren
Wichtig für Ausbilder und Betriebe ist das frühzeitige Erkennen psychischer Probleme. Auffälligkeiten können sich auf verschiedene Weisen äußern, beispielweise durch sozialen Rückzug, Stimmungsschwankungen oder häufige Krankmeldungen. „Diese Anzeichen müssen nicht zwangsläufig eine Krankheit bedeuten, sie deuten aber oft auf Überlastung hin. Ausbilder sollten in solchen Fällen aufmerksam sein und frühzeitig ein Gespräch suchen“ so Frank Hippler.
Handlungsempfehlungen für Betriebe, Berufsschulen und Kammern
- Psychische Gesundheitskompetenz bei jungen Menschen systematisch stärken: Das sollte im Idealfall von der Kita-Zeit über die Schulen bis hin zur Ausbildung laufen.
- Ausbildungsqualität als Prävention: Praxisnahe Anleitung statt ausbildungsfremder Tätigkeiten, verlässliche Arbeitszeiten, faire Pausen-/Lernzeiten, Feedback- und Beschwerdewege. Das adressiert belastende Faktoren, die der DGB-Report regelmäßig kritisiert.
- Betriebliches Gesundheitsmanagement auch für Azubis: Resilienz-/Entspannungsangebote, Stressmanagement, Supervision in Sozial- und Gesundheitsberufen; im Handwerk zusätzlich ergonomische Prävention gegen körperlich-bedingten Stress. Krankenkassen bieten hierfür fertige Programme und Beratung.
- Früherkennung und Lotsenfunktion im Betrieb: Ausbilder und Betriebsräte schulen, damit sie Warnsignale erkennen und Gespräche führen können, um dann zu professionellen Hilfsangeboten zu lotsen.
Die Datenlage zeigt: Psychische Belastungen sind in der Ausbildung weit verbreitet, die Kompetenz, mit psychischen Themen gut umzugehen, ist bei vielen Azubis gering. Gleichzeitig variiert das Risiko stark nach Branche: Handwerkliche Kontexte bringen nach IKK-Befunden robuste Ressourcen mit, während Dienstleistungs- und Sozialberufe deutlich höhere psychisch bedingte Ausfälle verzeichnen. Prävention wirkt dann am besten, wenn sie strukturelle Ausbildungsqualität, Mental-Health-Literacy und niedrigschwellige Hilfewege zusammenführt.
Info
Die IKK classic bietet speziell für Auszubildende zahlreiche Programme und Hilfen zum Thema psychische Gesundheit an. Unter dem Label #missionmacher führt die IKK classic bundesweit Gesundheitskurse an Berufsschulen durch. IKK classic betreibt unter „Ausbildung? Machen wir.“ einen Podcast für junge Menschen, in dem Experten und Betroffene zum Beispiel über Stress, Mobbing oder Krisen in der Ausbildung sprechen und Tipps für Hilfsangebote geben. Als spezielles Angebot gibt es für Jugendliche im Alter zwischen 13 und 21 Jahren die App „mentalis CareNow“. Sie bietet Soforthilfe bei akuten psychischen Belastungen. Per App erhalten die Betroffenen telepsychologische Begleitung und Strategien zur Bewältigung, bevor eine schwerere Erkrankung entsteht. Nach einem Klinikaufenthalt wegen einer psychischen Erkrankung fördert die IKK-App „mentalis“ die ambulante Nachsorge. pm/tok