Sexualisierte Gewalt zu den drängendsten sozialen Problemen in Deutschland – und sie betrifft insbesondere junge Menschen. Zwar ist jede sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen strafbar (§ 177 StGB), aber der Justiz fällt es schwer, sexuelle Gewalt im digitalen Raum zu ahnden und so die Opfer zu schützen. Foto: fotogestoeber/stock.adobe.com

„Nein heißt Nein“ reicht nicht? Wie Jugendliche sich vor sexualisierter Gewalt schützen können

Sie galten einst als Traumpaar, pflegten einen lockeren, relaxten Umgang miteinander. Beide standen im Rampenlicht, galten als sympathische, aufgeschlossene Menschen. Und einer davon hat mutmaßlich jahrelang den Ex-Partner mit digitaler sexualisierter Gewalt unter großen psychischen Druck gesetzt, Schamgefühle verletzt und dabei auch Ängste erleben lassen. Was Schauspieler Christian Ulmen seiner Ex-Ehefrau Collien Fernandes angetan haben soll, ist so ekelhaft und schrecklich, dass man sich wundert, dass die deutsche Justiz immer noch kein wirksames Mittel in der Hand hat, um zum Beispiel manipulierte Bilder und Videos („Deepfakes“) als Verbrechen zu ahnden.

Drängendes und lange vernachlässigtes Problem

Dabei gehört sexualisierte Gewalt zu den drängendsten sozialen Problemen in Deutschland – und sie betrifft insbesondere junge Menschen. Aktuelle Daten zeigen: Rund zwei Drittel der 14- bis 25-Jährigen haben bereits Formen sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt erlebt, etwa Beleidigungen oder digitale Belästigung. Fast ein Drittel berichtet sogar von körperlichen Übergriffen. Und wie bei Collien Fernandes stammen die Täter bei jugendlichen Opfern häufig aus dem direkten Umfeld – Mitschüler, Bekannte oder Online-Kontakte. Prävention muss deshalb dort ansetzen, wo junge Menschen leben: im Alltag, im Netz und in Beziehungen.

Der Fall Fernandes/Ulmen beschleunigt gerade die politische Diskussion um neue Gesetze. Mit der gleichen Energie muss die Bundesregierung aber auch Ideen zur Prävention, zur Aufklärung in reale, wirklich hilfreiche Programm umwandeln. Daran wird man in der Öffentlichkeit messen, wie sehr die Politik sich für den Jugendschutz und den Schutz von Mädchen und Frauen einsetzt. Dass sexualisierte Gewalt ein Thema ist, dass keinen Aufschub duldet, erkennt man schon an den Zahlen der aktuellen Sonderauswertung der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).

Was schützt wirklich?  

Forschung und Präventionsprogramme in Deutschland zeigen: Es gibt keine einfache Verhaltensregel, die Übergriffe sicher verhindert. Aber es gibt Faktoren, die das Risiko deutlich senken können.

Wissen über eigene Rechte

Ein zentraler Schutzfaktor ist Aufklärung:

  • Jugendliche müssen wissen, dass jede sexuelle Handlung ohne Zustimmung verboten ist
  • Sie haben das Recht, „Nein“ zu sagen – jederzeit

Programme wie „Trau dich!“ setzen genau hier an: Sie stärken das Bewusstsein für Grenzen und Rechte.

Grenzen erkennen – und benennen

Studien zeigen, dass viele Betroffene Grenzverletzungen zwar spüren, aber nicht eindeutig einordnen können.
Wichtig ist daher:

  • Unwohlsein ernst nehmen
  • Situationen klar benennen („Das ist nicht okay“)

Unterstützungssysteme nutzen

Ein entscheidender Schutzfaktor ist soziale Einbindung:

  • Freunde, Familie oder Vertrauenspersonen einbeziehen
  • Hilfe holen, bevor Situationen eskalieren

Tatsächlich wenden sich über die Hälfte der Betroffenen zunächst an Freunde.

Konkrete Alltagstipps – praxisnah und legal

Wissenschaftlich fundierte Prävention bedeutet nicht Schuldverschiebung, sondern Stärkung der eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Im persönlichen Umfeld

  • Klare Kommunikation: Grenzen früh und deutlich äußern
  • Situationen einschätzen: Alkohol- oder Gruppendruck kann Risiken erhöhen
  • Auf das Bauchgefühl hören: Unsicherheit ist ein Warnsignal

Im digitalen Raum

  • Privatsphäre schützen (zum Beispiel Accounts sichern, keine intimen Bilder teilen)
  • Unbekannte Kontakte kritisch prüfen
  • Belästigungen dokumentieren und melden

Online-Studien zeigen, dass Täter häufig Vertrauen aufbauen, bevor sie übergriffig werden – sogenannte „Grooming“-Strategien.

Wenn es zu einer Grenzüberschreitung kommt

  • Situation verlassen (wenn möglich)
  • Klare Ablehnung formulieren
  • Beweise sichern (Chats, Screenshots)
  • Unterstützung holen (Freunde, Beratungsstellen, Polizei)

Wichtig: Selbstschutz darf nie zu Selbstgefährdung führen – körperliche Gegenwehr ist nur im Rahmen der Notwehr (§ 32 StGB) erlaubt.

Der Fall Collien Fernandes und Christian Ulmen – warum er relevant ist

Die aktuelle Debatte um die Schauspielerin Collien Fernandes zeigt, wie sehr sich sexualisierte Gewalt verändert hat. Im Zentrum stehen Vorwürfe im Zusammenhang mit digitaler sexualisierter Gewalt, etwa manipulierte Bilder („Deepfakes“).

Der Fall hat eine breite politische Diskussion ausgelöst:

  • Forderungen nach strengeren Gesetzen gegen Deepfakes
  • Demonstrationen für besseren Schutz von Betroffenen
  • geplante Gesetzesinitiativen auf Bundesebene

Wichtig:

  • Der Fall ist juristisch noch umstritten
  • Er zeigt aber exemplarisch, dass sexualisierte Gewalt zunehmend auch digital stattfindet

Für Jugendliche bedeutet das: Prävention muss heute immer auch Medienkompetenz einschließen.

Rechtslage in Deutschland – was gilt aktuell?

Deutschland hat in den letzten Jahren das Sexualstrafrecht deutlich verschärft. Das Grundprinzip: „Nein heißt Nein“´. Seit der Reform 2016 gilt:

  • Jede sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen ist strafbar (§ 177 StGB)
  • Körperliche Gegenwehr ist nicht mehr notwendig

Weitere wichtige Straftatbestände

  • Sexuelle Belästigung (§ 184i StGB)
  • Verbreitung intimer Bilder („Revenge Porn“) (§ 201a StGB)
  • Sexueller Missbrauch von Jugendlichen (§ 182 StGB)

Neue Herausforderungen: digitale Gewalt

Aktuell wird diskutiert:

  • Strafbarkeit von Deepfakes und KI-generierten Nacktbildern
  • stärkere Pflichten für Plattformen
  • bessere Rechte auf Löschung und Täterermittlung

Bewertung der Rechtslage

Die Reformen gelten als Fortschritt, haben aber Grenzen:

Stärken

  • Klare Orientierung am Willen der betroffenen Person
  • Erweiterung auf nicht-körperliche Gewaltformen
  • stärkere Anerkennung psychischer Gewalt

Schwächen

  • Beweisprobleme (Aussage gegen Aussage)
  • digitale Formen oft schwer verfolgbar
  • Prävention und Aufklärung noch nicht flächendeckend

Fachleute betonen deshalb: Recht allein reicht nicht – entscheidend ist Prävention im Alltag und in Bildungseinrichtungen.

Selbstschutz ist wichtig – Verantwortung liegt bei der Gesellschaft

Junge Menschen können viel tun, um sich zu schützen:

  • Wissen über Rechte
  • klare Grenzen
  • Nutzung von Unterstützungssystemen
  • bewusster Umgang mit digitalen Medien

Doch ebenso klar ist: Die Verantwortung liegt immer bei den Tätern – nicht bei den Betroffenen.

Wirksamer Schutz entsteht nur durch ein Zusammenspiel aus:

  • individueller Stärkung
  • gesellschaftlicher Sensibilisierung
  • konsequenter Strafverfolgung

Oder, wie es Präventionsideen zum Beispiel vom Bundesjugendministerium formulieren: „Aufklärung und Stärkung junger Menschen sind zentrale Bausteine gegen sexualisierte Gewalt.“      tok