Hüftgold? Schwabbelbauch? Weiße oder braune Fettzellen? Nicht jedes Gramm Fett ist schädlich. Kleine Speckröllchen sind bei Normalgewichtigen nicht gesundheitsschädlich. Nur zu viel vom falschen Fett an den falschen Stellen macht krank. Foto: Racle Fotodesign/stock.adobe.com

Hüftgold ist nicht gleich gefährliches Bauchfett: Warum ein kleines Polster harmlos sein kann

Fett macht krank, und je weniger davon ein Mensch besitzt, desto besser? So einfach ist es nicht. Unser Körper braucht Fett sogar dringend. Entscheidend für die Gesundheit ist nicht nur, wie viel davon vorhanden ist, sondern vor allem, wo es sitzt. Ein weiches Polster an Hüfte oder Po kann dabei etwas völlig anderes bedeuten als Fett tief im Bauch. Und selbst schlanke Menschen können davon überraschend viel besitzen.

Ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften, ein kleiner Bauch über dem Hosenbund: Schnell fällt das wenig schmeichelhafte Wort „Hüftgold“. Medizinisch betrachtet hat der Körper aber keinen Grund, sich für jedes Fettpolster zu schämen. Fettgewebe ist kein nutzloser Ballast. Es speichert Energie, isoliert gegen Kälte, polstert den Körper und produziert zahlreiche Botenstoffe. Problematisch wird Fett vor allem dann, wenn seine Menge stark zunimmt und es sich an ungünstigen Stellen ansammelt. Die vielleicht wichtigste Unterscheidung lautet deshalb: Unterhautfett ist nicht dasselbe wie tiefes Bauchfett.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Das Fett, das wir kneifen können

Das sogenannte subkutane Fett liegt direkt unter der Haut. Es ist das weiche Fett, das wir beispielsweise an Bauch, Hüften, Oberschenkeln oder Po mit den Fingern greifen können. Es dient unter anderem als Energiespeicher, Wärmeisolierung und mechanischer Schutz. Ein gewisses Maß davon gehört zu einem gesunden Körper.

Das heißt allerdings nicht, dass beliebig viel Unterhautfett harmlos wäre. Stark erhöhte Fettmasse und insbesondere Adipositas erhöhen langfristig das Risiko zahlreicher Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt unter anderem Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Doch für das individuelle Stoffwechselrisiko spielt die Verteilung des Fetts eine erhebliche Rolle.

Birne ist häufig günstiger als Apfel

Zwei Menschen können denselben Body-Mass-Index (BMI) besitzen und trotzdem ein unterschiedliches Gesundheitsrisiko haben. Menschen mit sogenannter Birnenform speichern einen größeren Anteil ihres Fetts unter der Haut an Hüften, Gesäß und Oberschenkeln. Bei der Apfelform konzentriert sich dagegen mehr Fett auf den Bauch.

Stoffwechselmedizinisch ist die Birne häufig im Vorteil. Studien zeigen, dass peripheres Unterhautfett – insbesondere an Beinen und Hüften – mit einem günstigeren Stoffwechselprofil verbunden sein kann. Das bedeutet nicht, dass Hüftfett automatisch „gesund“ ist. Aber es verhält sich anders als größere Fettdepots tief im Bauch.

Der unsichtbare Gegner sitzt hinter der Bauchdecke

Besonders interessant wird es dort, wo wir das Fett nicht einfach mit den Fingern greifen können. Viszerales Fett liegt innerhalb der Bauchhöhle und umgibt Organe wie Darm, Leber und Nieren. In normaler Menge erfüllt auch dieses Fett wichtige Funktionen. Zu viel davon gilt jedoch als besonders ungünstig.

Viszerales Fett ist stoffwechselaktiv. Bei einer krankhaften Vermehrung können Fettzellen größer werden, Sauerstoffmangel und entzündliche Prozesse entstehen und vermehrt freie Fettsäuren sowie Botenstoffe freigesetzt werden.

Ein Teil dieser Stoffe gelangt über die Pfortader direkt zur Leber. Damit kann stark vermehrtes viszerales Fett unter anderem Insulinresistenz, Fettstoffwechselstörungen und chronische niedriggradige Entzündungsprozesse begünstigen. Das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Besonders problematisch: Fett in der Leber

Noch einen Schritt weiter geht sogenanntes ektopes Fett. Dabei wird Fett nicht nur in klassischen Fettdepots gespeichert, sondern beispielsweise in Leber oder Muskulatur. Besonders bekannt ist die metabolisch bedingte Fettleber. Solche Fettablagerungen können eng mit Insulinresistenz und Stoffwechselstörungen verbunden sein. Deshalb können zwei Menschen mit gleichem Gewicht gesundheitlich völlig unterschiedlich dastehen.

Der eine besitzt viel Unterhautfett, aber relativ wenig viszerales und ektopes Fett. Beim anderen steckt ein größerer Anteil des Fetts in Bauchraum und Leber. Die Waage erkennt diesen Unterschied nicht.

Kann ein schlanker Mensch zu viel Bauchfett haben?

Ein normaler BMI garantiert nicht automatisch eine günstige Fettverteilung. Auch Menschen, die äußerlich schlank erscheinen, können relativ viel viszerales oder ektopes Fett besitzen.

Umgekehrt gibt es Menschen mit Adipositas, die zumindest zeitweise normale Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettwerte haben. Dafür hat sich der Begriff „metabolisch gesunde Adipositas“ eingebürgert. Er ist allerdings missverständlich. Eine Auswertung von Metaanalysen kam 2024 zu dem Ergebnis, dass auch Menschen mit Adipositas ohne erkennbare Stoffwechselstörungen langfristig erhöhte Risiken beispielsweise für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen können. Der vermeintlich metabolisch gesunde Zustand kann zudem vorübergehend sein.

„Fit und dick“ bedeutet deshalb nicht „ohne Risiko“. Es bedeutet eher: Körpergewicht allein erzählt nicht die ganze Geschichte.

Was sagt der BMI überhaupt noch aus?

Der Body-Mass-Index wird berechnet, indem das Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern geteilt wird. Ab einem BMI von 25 spricht man bei Erwachsenen nach der üblichen WHO-Klassifikation von Übergewicht, ab 30 von Adipositas. Als grobes Maß für größere Bevölkerungsgruppen funktioniert der BMI gut. Beim einzelnen Menschen besitzt er aber Grenzen.

Er unterscheidet beispielsweise nicht zwischen Muskel- und Fettmasse und verrät nicht, wo das Fett sitzt. Ein sehr muskulöser Mensch kann deshalb einen hohen BMI haben, obwohl seine Fettmasse gar nicht außergewöhnlich hoch ist. Für die Einschätzung des individuellen Risikos können deshalb weitere Faktoren wichtig sein: Taillenumfang, Blutdruck, Blutzucker beziehungsweise Langzeitblutzucker HbA1c, Blutfette, körperliche Fitness, Vorerkrankungen und gegebenenfalls Hinweise auf eine Fettleber.

Auch die WHO weist inzwischen ausdrücklich darauf hin, dass zusätzliche Messungen wie der Taillenumfang die Beurteilung ergänzen können.

Das Maßband kann mehr verraten als die Waage

Eine besonders einfache Zusatzinformation liefert der Taillenumfang. Als Orientierung gilt bei Erwachsenen europäischer Herkunft: Ab etwa 94 Zentimetern bei Männern und 80 Zentimetern bei Frauen steigt das Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ab etwa 102 Zentimetern bei Männern beziehungsweise 88 Zentimetern bei Frauen gilt es als deutlich erhöht.

Diese Zahlen sind keine magische Grenze zwischen gesund und krank. Alter, Körperbau, Herkunft, Begleiterkrankungen und andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Trotzdem ist die Taille medizinisch interessant: Die deutsche S3-Leitlinie verweist darauf, dass Maße der abdominalen Fettverteilung das kardiovaskuläre Risiko teilweise besser vorhersagen können als der BMI allein.

Grafik: Kurtz – KI-generiert
Grafik: Kurtz – KI-generiert

Und dann gibt es noch braunes Fett

Nicht jedes Fettgewebe hat überhaupt die Aufgabe, überschüssige Energie einzulagern. Neben dem überwiegend vorhandenen weißen Fettgewebe besitzen Erwachsene kleinere Mengen braunen Fettgewebes. Seine Zellen enthalten besonders viele Mitochondrien – die „Kraftwerke“ der Zellen. Braunes Fett kann Energie in Wärme umwandeln. Dieser Prozess heißt Thermogenese und hilft dem Körper dabei, seine Temperatur aufrechtzuerhalten.

Kälte kann braunes Fett aktivieren. Studien mit wiederholter kontrollierter Kälteexposition zeigen zudem, dass sich seine Aktivität beziehungsweise nachweisbare Menge verändern kann. Daraus entstand die faszinierende Idee, braunes Fett gezielt gegen Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen einzusetzen.

Macht Frieren schlank?

Kälte aktiviert zwar braunes Fett und erhöht den Energieverbrauch. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass kalte Wohnungen, Eisbäder oder kalte Duschen eine wirksame Abnehmtherapie darstellen. Hier sollte man also mit voreiligen Schlussfolgerungen skeptisch werden.

Untersuchungen mit kontrollierter Kälteexposition liefern interessante Stoffwechseleffekte. Ob daraus langfristig ein klinisch relevanter Gewichtsverlust entsteht, ist jedoch nicht ausreichend belegt. Zudem kann der Körper einen erhöhten Energieverbrauch teilweise durch gesteigerten Appetit kompensieren.

Eisbaden ist deshalb kein wissenschaftlich etablierter Fettkiller. Und für Menschen mit bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann plötzliches Eintauchen in sehr kaltes Wasser sogar problematisch sein.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ist übergewichtig

Das Thema Übergewicht betrifft einen großen Teil der Bevölkerung. Nach den bislang verfügbaren Daten der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) 2019/2020 des Robert Koch-Instituts (RKI) hatten nach eigenen Angaben 53,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Übergewicht einschließlich Adipositas. Bei rund 19 Prozent lag eine Adipositas vor.

Dabei waren 60,5 Prozent der Männer und 46,6 Prozent der Frauen übergewichtig oder adipös. Da die Daten auf Selbstangaben zu Größe und Gewicht beruhen und Menschen ihr Gewicht dabei tendenziell unterschätzen, dürfte die tatsächliche Häufigkeit eher höher liegen.

Entscheidend ist nicht die perfekte Figur

Die moderne Adipositasmedizin entfernt sich deshalb zunehmend von der simplen Vorstellung: möglichst dünn gleich möglichst gesund. Ein Mensch besteht nicht aus einer Zahl auf der Waage. Wer sein gesundheitliches Risiko einschätzen möchte, sollte neben dem Gewicht insbesondere auf Fettverteilung, Taillenumfang, Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, körperliche Fitness und bestehende Erkrankungen achten.

Adipositas bleibt eine ernstzunehmende chronische Erkrankung. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie setzt bei ihrer Behandlung weiterhin auf eine multimodale Basistherapie aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Verhaltensänderungen; je nach Situation kommen weitere Therapien hinzu.

Aber ebenso falsch wie eine Verharmlosung von Adipositas ist die Vorstellung, jedes sichtbare Fettpolster sei bereits eine Krankheit. Das kleine Hüftpolster ist möglicherweise weniger interessant als das Fett, das man gar nicht sehen kann. tok