Der Biss einer Zecke kann mit einer Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) enden. Dabei attackiert das FSME-Virus die Neuronen im Gehirn. Es kommt zu einer Entzündung des Zentralen Nervensystems, was zu Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung), Myelitis (Rückenmarksentzündung) bin hin zu Atemlähmungen sowie neurologischen Langzeitschäden führen kann. Foto: Dr_Microbe/stock.adobe.com

Hohe Zeckenaktivität, geringe Impfquote: 73 Prozent mehr FSME-Fälle in Baden-Württemberg

Im Jahr 2024 wurden in Baden-Württemberg 73 Prozent mehr Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gemeldet als im Vorjahr. Dieser alarmierende Anstieg unterstreicht die wachsende Bedeutung von Zeckenschutzmaßnahmen, wie Dr. Ralph Bier, Mediziner bei der AOK Baden-Württemberg, erklärt: „Die zunehmende klimatische Erwärmung trägt dazu bei, dass Zecken auch in den Wintermonaten aktiv bleiben können. Besonders aktiv sind sie jedoch im Frühjahr und im Herbst.“

In Deutschland besteht ein Risiko für eine FSME-Infektion vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, in Südhessen, im südöstlichen Thüringen, in Sachsen und seit 2022 auch im südöstlichen Brandenburg. Einzelne Risikogebiete befinden sich zudem in Mittelhessen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen.

Impfung bremst Angriff auf das zentrale Nervensystem aus

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine durch Viren verursachte Erkrankung, die das Zentrale Nervensystem (Gehirn, Rückenmark und Hirnhäute) betrifft. Der Erreger ist das FSME-Virus, ein Flavivirus, das durch Zecken der Art Ixodes ricinus (gemeiner Holzbock) auf den Menschen übertragen wird. Der klassische Übertragungsweg ist ein Zeckenstich. Sehr selten ist die Ansteckung über Rohmilchprodukte infizierter Tiere möglich (vor allem Ziegenmilch). Eine Virus-Weitergabe von Mensch zu Mensch ist nicht möglich.

Die Zahl der gemeldeten FSME-Fälle schwankt jährlich, abhängig von Wetter, Zeckenaktivität und Impfquote. 2020 wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) ganze 704 FSME-Fälle gemeldet. 2022 waren es noch 565 FSME-Erkrankungen. 2023 gab es nur 474 Fälle. Der Zuwachs von FSME-Erkrankungen in 2024 in Baden-Württemberg um 73 Prozent zeigt jedoch, dass klimatische Bedingungen und davon abhängig die Vermehrung der Zecken nicht planbar sind. Der Ansteckungszeitraum hat sich durch die Klimakrise stark ausgedehnt. Die Hauptsaison geht, abhängig von der Zeckenaktivität, von Mai bis Oktober. Folgenschwere Zeckenstich wurden aber auch schon gegen Ende und Anfang des Jahres gemeldet.

Je nach Wetterlage gibt es mehr oder weniger Outdoor-Aktivitäten, was die Chancen auf einen Zeckenstich beeinflusst. Aber den größten Einfluss auf die Zahl der FSME-Fälle hat jedoch die Impfung. Drei Impfdosen sind für die Grundimmunisierung (0, 1 bis 3 Monate, 5 bis 12 Monate nach der zweiten) nötig, alle 3 bis 5 Jahre wird eine Auffrischung empfohlen. Die Impfung bietet einen zuverlässigen, hohen Schutz gegen die Erkrankung des zentralen Nervensystems. Diese ist umso wichtiger, da keine spezifische antivirale Therapie verfügbar ist.

99 Prozent der FSME-Erkrankten ohne passenden Impfschutz

Erschreckend, weil unnötig: 99 Prozent der 2023 übermittelten FSME-Erkrankten waren gar nicht oder unzureichend geimpft, das heißt die Grundimmunisierung war unvollständig oder Auffrischimpfungen fehlten. „Ein hoher Anteil der auftretenden FSME-Erkrankungen könnte wahrscheinlich durch eine Steigerung der Impfquoten insbesondere in Risikogebieten mit hoher FSME-Inzidenz verhindert werden. Es sollte insbesondere in Kreisen mit hoher FSME-Krankheitslast verstärkt über den Nutzen einer FSME-Impfung aufgeklärt werden“, ist im „Epidemiologischen Bulletin“ 9/2024 des RKI nachzulesen.

Symptome und Krankheitsverlauf

Der zweiphasige Verlauf einer FSME-Infektion betrifft etwa 70 bis 80 Prozent der symptomatischen Fälle. Die Inkubationszeit liegt bei 7 bis 14 Tagen nach dem Zeckenstich. Die erste Phase verläuft eher unspezifisch, was eine frühe Diagnose nicht erleichtert. Die ersten Symptome ähneln einem grippalen Infekt. Dazu zählen Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen oder Abgeschlagenheit.

In der Phase 2 zeigt sich dann nach einem symptomfreien Intervall von 1 bis 20 Tagen die Krankheit von ihrer gefährlichen Seite. Es kommt zu einer Entzündung des Zentralen Nervensystems, was zu Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung), Myelitis (Rückenmarksentzündung) und auch zu Lähmungen, Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Sprachstörungen und in seltenen Fällen zu Atemlähmungen führen kann. In etwa 10 bis 30 Prozent der symptomatischen Fälle treten bleibende neurologische Schäden wie können chronische Kopfschmerzen, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen oder Lähmungen auf. Oft ist die Erkrankung nach wenigen Tagen überstanden, sie kann aber auch schwer oder sogar tödlich verlaufen.

Gegen das FSMW-Virus ist bislang keine spezifische antivirale Therapie bekannt. Durch Bettruhe, Schmerztherapie oder Fiebersenkung können Symptome gelindert werden. Bei schweren Verläufen kann eine intensivmedizinische Überwachung nötig sein. Bei neurologischen Ausfällen und Langzeitfolgen ist eine Rehabilitation angesagt.

Anteil der Bevölkerung in Baden-Württemberg, der im Jahr 2022 vollständig gegen FSME geimpft war. Quelle: VacMap des Robert Koch-Instituts

Weniger als jeder Fünfte im Südwesten hat FSME-Impfschutz

Baden-Württemberg gilt als Risikogebiet für das Vorkommen von FSME-Erregern. Entsprechend häufig treten daher in Baden-Württemberg FSME-Erkrankungen auf. Trotzdem ist weniger als jeder Fünfte in Baden-Württemberg vollständig gegen FSME geimpft. Das zeigen Berechnungen, die das Robert Koch-Institut auf Grundlage der Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen erstellt hat. „Eine Erhöhung der Impfquoten ist besonders bei Erwachsenen wichtig, da diese Altersgruppe verstärkt von Erkrankungsfällen und Komplikationen betroffen ist“, sagt Lucha.

FSME ist eine ernstzunehmende Virusinfektion, die das zentrale Nervensystem betreffen kann. Obwohl sie in Deutschland relativ selten ist, kann sie schwere Verläufe nehmen und zu bleibenden Schäden führen. Die beste Schutzmaßnahme ist die Impfung, insbesondere für Menschen in Risikogebieten oder mit häufigem Aufenthalt in der Natur. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung allen Menschen in Risikogebieten oder mit beruflicher Exposition, wie zum Beispiel Forstarbeitern oder Landschaftsgärtnern. Wer sich bei seinen Freizeitaktivitäten gerne im Freien aufhält und oft durchs hohe Gras läuft, sollte sich ebenfalls impfen lassen. Ältere Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem haben ein höheres Risiko für schwere Verläufe, weshalb hier eine Impfung eigentlich ein Muss sein sollte.

So schützt man sich vor Zeckenstichen

„Während Forscher herausgefunden haben, dass Menschen mit einem hohen Anteil an Milchsäure auf ihrer Haut besonders attraktiv für Gelbfiebermücken sind, ist diesbezügliches für heimische Zeckenarten nicht bekannt. Vielmehr dürfte das menschliche Verhalten von weitaus größerer Bedeutung dafür sein, ob er häufig von Zecken gestochen wird oder nicht“, schreibt das RKI. Häufiger Kontakt mit niedriger Vegetation erhöhe die Wahrscheinlichkeit, eine Zecke von Gräsern oder Strauchblättern abzustreifen und einzufangen. Dies treffe, so das RKI, „naturgemäß besonders auf spielende Kinder zu“. Wer abseits von Wanderwegen durchs Gebüsch gehe, besitze ebenfalls ein erhöhtes Risiko.

Um die Natur im Sommer, aber auch zu jeder anderen Jahreszeit, unbeschwert genießen zu können und sich vor einem Zeckenstich und seinen Folgen zu schützen, rät die KKH Kaufmännische Krankenkasse:

  • Bei Aufenthalten im Wald oder in hohem Gras lange Kleidung tragen.
  • Anti-Insektenmittel verwenden.
  • Den Körper zu Hause nach Zecken absuchen, insbesondere Kopf, Hals, Achseln, Armbeugen, Leisten und Kniekehlen.
  • Zecken mit Hilfe einer Zeckenzange, -karte oder spitzen Pinzette dicht über der Haut greifen und langsam vollständig herausziehen, möglichst ohne sie zu quetschen, danach die Einstichstelle desinfizieren.
  • Bei unvollständig entfernter Zecke, grippeähnlichen Beschwerden oder ringförmiger Hautrötung ärztlichen Rat einholen.     pm/tok
Daten und Grafik: Robert Koch-Institut, RKI