Draußen scheint die Sonne, Blumen und Bäume blühen in der Wärme auf und drinnen beginnt das große Gähnen. Das kann natürlich auch daran liegen, dass man sich beim großen Frühjahrsputz zu viel vorgenommen hat. Bei manchen ist es aber auch die klassische Frühjahrsmüdigkeit. Foto: DC Studio/stock.adobe.com

Frühjahrsmüdigkeit: Warum diese Tage jetzt manchen Menschen die Energie rauben

Wenn die Tage länger werden, Blumen blühen und die Temperaturen steigen, erwarten viele Menschen automatisch einen Energieschub. Doch für einen Teil der Bevölkerung passiert genau das Gegenteil: Sie fühlen sich schlapp, antriebslos und ungewöhnlich müde. Dieses Phänomen wird umgangssprachlich Frühjahrsmüdigkeit genannt.

Medizinisch gilt sie allerdings nicht als eigenständige Krankheit. Dennoch beschäftigen sich Ärzte und Wissenschaftler seit Jahrzehnten mit der Frage, warum der Körper gerade in der Übergangsphase vom Winter zum Frühling häufig aus dem Gleichgewicht gerät.

Wird Frühjahrsmüdigkeit als Krankheit anerkannt?

In der medizinischen Klassifikation – etwa der internationalen Krankheitsliste ICD – taucht Frühjahrsmüdigkeit nicht als eigene Diagnose auf. Ärzte betrachten sie eher als vorübergehende Anpassungsreaktion des Körpers. Einen offiziellen lateinischen Fachbegriff gibt es deshalb nicht. In wissenschaftlichen Texten wird meist neutral von „seasonal fatigue“, „seasonal fatigue syndrome“ oder schlicht Frühjahrsmüdigkeit gesprochen.

Ärzte sprechen dabei eher von einer vegetativen Anpassungsstörung: Der Organismus muss sich an veränderte Umweltbedingungen – mehr Licht, höhere Temperaturen und einen veränderten Tagesrhythmus – anpassen. Diese Umstellung gelingt nicht bei jedem sofort.

Was verursacht Frühjahrsmüdigkeit?

Die Forschung geht heute davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken.

Hormone: Melatonin gegen Serotonin

Der wichtigste Auslöser scheint die Umstellung des Hormonhaushalts zu sein. Im Winter produziert der Körper aufgrund der langen Dunkelheit besonders viel Melatonin, ein Hormon, das den Schlaf fördert. Wenn im Frühling die Tage länger werden, sinkt die Melatoninproduktion. Gleichzeitig steigt die Bildung von Serotonin, einem Botenstoff, der Stimmung und Aktivität beeinflusst.

Während dieser hormonellen Übergangsphase entsteht vorübergehend ein Ungleichgewicht – der Körper fühlt sich müde, obwohl mehr Energie verfügbar sein sollte.

Veränderungen im Kreislauf

Mit steigenden Temperaturen erweitern sich die Blutgefäße. Dadurch sinkt der Blutdruck leicht, was viele Menschen als Schwindel oder Mattigkeit wahrnehmen. Menschen mit ohnehin niedrigem Blutdruck reagieren darauf besonders empfindlich.

Anpassung der inneren Uhr

Die innere Uhr des Menschen, gesteuert vom Gehirn im Hypothalamus, reagiert stark auf Licht. Im Frühling verschiebt sich der Tag-Nacht-Rhythmus oft schneller als der Körper sich anpassen kann. Diese Umstellung ähnelt einem milden Jetlag.

Vitaminmangel?

Häufig wird Frühjahrsmüdigkeit mit Vitaminmangel erklärt – vor allem mit Vitamin D. Die Forschung sieht das heute differenzierter. Vitaminmangel kann Müdigkeit verstärken, gilt aber nicht als Hauptursache. Ein leichter Vitamin-D-Mangel ist nach dem Winter zwar verbreitet, erklärt jedoch nicht alle Symptome.

Psychologische Faktoren

Auch die Psyche spielt eine Rolle. Nach Monaten mit wenig Bewegung, wenig Tageslicht und oft schwerer Winterkost befindet sich der Körper in einer Art Wintermodus. Die Umstellung auf Aktivität benötigt Zeit.

Grafik: Kurtz

Typische Symptome der Frühjahrsmüdigkeit

Die Beschwerden sind meist mild und verschwinden nach einigen Wochen. Typische Symptome sind:

•             ungewöhnliche Müdigkeit

•             Konzentrationsprobleme

•             niedriger Blutdruck

•             Schwindel oder Kopfschmerzen

•             Reizbarkeit

•             Antriebslosigkeit

•             Kreislaufprobleme

Viele Betroffene berichten außerdem über ein paradoxes Gefühl: Obwohl die Umgebung lebendiger wird, fühlen sie sich selbst eher erschöpft.

Wer leidet besonders unter Frühjahrsmüdigkeit?

Nicht jeder Mensch reagiert gleich auf die Jahreszeiten. Studien und Beobachtungen zeigen einige typische Risikogruppen.

Menschen mit niedrigem Blutdruck: Sie reagieren empfindlicher auf Gefäßerweiterungen im Frühling.

Frauen: Mehrere Studien zeigen, dass Frauen häufiger über Frühjahrsmüdigkeit berichten. Vermutlich spielt dabei die hormonelle Regulation eine Rolle.

Wetterempfindliche Personen: Menschen mit sogenannter Meteoropathie, also Wetterfühligkeit, reagieren stärker auf Temperatur- und Luftdruckwechsel.

Menschen mit wenig Bewegung: Ein überwiegend sitzender Lebensstil erschwert die Anpassung des Kreislaufs.

Und warum leiden andere Menschen gar nicht darunter? Manche Menschen haben einen sehr stabilen zirkadianen Rhythmus, also eine robuste innere Uhr. Auch regelmäßige Bewegung, viel Tageslicht und gute Schlafgewohnheiten erleichtern die Umstellung.

Gut zu wissen…

Rund 50 bis 60 Prozent der Menschen in Mitteleuropa berichten zumindest gelegentlich über Frühjahrsmüdigkeit.

Das Phänomen wurde bereits im 19. Jahrhundert in medizinischen Texten beschrieben.

Einige Forscher vergleichen die hormonelle Umstellung im Frühling mit einem Mini-Jetlag des Körpers.

Interessanterweise klagen Menschen in sonnenreichen Regionen deutlich seltener über Frühjahrsmüdigkeit.

Tiere kennen das Gegenteil: Viele Arten werden im Frühling besonders aktiv, weil Fortpflanzungs- und Nahrungssaison beginnen.

Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit?

Medizinische Therapien sind normalerweise nicht notwendig. Die Beschwerden verschwinden meist nach zwei bis vier Wochen. Dennoch gibt es mehrere wissenschaftlich empfohlene Strategien.

Tageslicht

Licht ist der wichtigste Taktgeber für die innere Uhr. Schon 30 Minuten Aufenthalt im Freien können die Serotoninproduktion steigern und die Melatoninproduktion senken.

Bewegung

Sport verbessert die Durchblutung und stabilisiert den Kreislauf. Besonders hilfreich sind:

•             Spaziergänge

•             Radfahren

•             moderates Joggen

•             leichte Ausdauersportarten

Wechselbäder und kalte Duschen

Temperaturreize trainieren die Blutgefäße und stabilisieren den Kreislauf. Das Prinzip der Wechselbäder und kalten Duschen wird auch in der Kneipp-Therapie genutzt.

Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung unterstützt die Anpassung des Körpers. Empfohlen werden:

•             frisches Gemüse

•             Obst

•             Vollkornprodukte

•             ausreichend Flüssigkeit

Schwere, sehr fettreiche Winterkost kann Müdigkeit verstärken.

Regelmäßiger Schlafrhythmus

Feste Schlafzeiten helfen der inneren Uhr, sich schneller auf längere Tage einzustellen.

Medikamente

Spezielle Medikamente gegen Frühjahrsmüdigkeit gibt es nicht. Nur bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel oder Eisenmangel kann eine ärztlich empfohlene Supplementierung sinnvoll sein.    

🌱 Frühlingsart📅 Zeitpunkt🌍 Grundlage
🌞 Astronomischer Frühlingmeist 20. oder 21. MärzBeginn der Tag-und-Nacht-Gleiche (Äquinoktium)
🌡 Meteorologischer Frühlingimmer 1. MärzEinteilung der Jahreszeiten für Klimastatistik
🌼 Phänologischer Frühlingje nach Region unterschiedlichBeginn der Naturentwicklung, z. B. Blüte von Forsythien

Drei verschiedene Frühlingsanfänge

Sie wollen wissen, ob Sie an einer Frühjahrsmüdigkeit leiden? Neben all den oben aufgeführten Punkten zu Symptomen und Ursachen könnte auch ein Blick auf den Kalender hilfreich sein. Mehr oder minder fest terminiert sind allerdings nur zwei von drei Frühlingsanfängen, die wir hierzulande kennen.

Der meteorologische Frühlingsanfang ist fix auf den 1. März angesetzt. Der astronomische Frühling beginnt in der Regel am 20. oder 21. März, während der phänologische Frühling nur schwer an einem bestimmten Datum zu fassen ist. Hier prägt die zuweilen launische, überraschende Natur den Kalender. Und auch der jeweilige Standort, der zwischen den Alpen und der Nordsee den phänologischen Frühlingsanfang zu unterschiedlichen Zeiten erleben lässt. So beginnt er in milden Jahren zum Beispiel mehrere Wochen früher als der astronomische Frühlingsstart.  tok