Antibiotikaresistente Erreger in Kliniken sind nicht gänzlich zu vermeiden – und so besteht auch eine latente Gefahr für lebensbedrohliche Infektionen. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) befürchtet, dass die Bundesregierung mit dem geplanten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) die Infektiologie stark schwächen könnte – zum Nachteil der Patienten, die um Qualität von Prävention und Therapie bei solchen Infektionen bangen müssen. Foto: Igor – KI-generiert/stock.adobe.com

DGI warnt: Politik schwächt Kampf gegen Infektionen und antibiotikaresistente Erreger

Weltweit wird bereits jede 6. Infektion durch antibiotikaresistente Erreger verursacht, warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO kürzlich. In der WHO World AMR Awareness Week will die WHO erneut auf das drängende Problem der Antibiotikaresistenzen aufmerksam – unter dem Motto (übersetzt) „Jetzt handeln: Unsere Gegenwart schützen, unsere Zukunft sichern“. Die deutsche Politik allerdings handele aktuell entgegengesetzt, so die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI).

Mit dem geplanten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) droht hierzulande eine deutliche Schwächung im Kampf gegen Infektionskrankheiten. Denn das KHAG sieht unter anderem die Streichung der Leistungsgruppe Infektiologie vor. Zahlreiche Fachgesellschaften und Verbände kritisieren diese Entscheidung scharf: Sie laufe den zentralen Zielen der Krankenhausreform fundamental entgegen und schwäche den Kampf gegen Infektionskrankheiten.

Jährlich 10.000 Tote in Deutschland durch resistente Erreger

Weltweit war im Jahr 2023 jede 6. laborbestätigte bakterielle Infektion resistent gegen Antibiotika – die Resistenzentwicklung verlaufe aktuell schneller als die Fortschritte der modernen Medizin und bedrohe die globale Gesundheit, warnte die WHO im Oktober 2025. Für Deutschland kommt eine aktuelle Studie zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2019 hierzulande etwa 10.000 Menschen aufgrund von Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern gestorben sind.

„Im internationalen Vergleich sind die Zahlen noch relativ niedrig. Aber Krankheitserreger halten sich nicht an nationale Grenzen“, sagt Prof. Dr. med. Maria Vehreschild, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). „Um eine rationale Verordnung von Antibiotika sicherzustellen und der Ausweitung der Resistenzproblematik entgegenzuwirken, ist die fachärztliche infektiologische Expertise und sogenannte Antibiotic Stewardship-Programme in Kliniken unverzichtbar.“

Infektiologische Expertise steigert Behandlungsqualität und spart Kosten

Experten für Infektionskrankheiten werden nicht nur wegen der wachsenden Zahl antibiotikaresistenter Infektionen benötigt. Der zunehmende Anteil älterer Patienten mit geschwächtem Immunsystem, aber auch große operative Eingriffe, komplexe Therapien bei Krebs und chronischen Erkrankungen, und weitere Entwicklungen der modernen Medizin können mitunter komplizierte Infektionen nach sich ziehen.

„Bei schweren Infektionen verbessert die Einbindung von Fachärztinnen und Fachärzten der Infektiologie die Überlebenschancen von Betroffenen um bis zu 20 Prozent, reduziert Komplikationen und senkt den Antibiotikaverbrauch – das belegen zahlreiche wissenschaftliche Daten“, so Vehreschild. „Eine strukturelle Verankerung infektiologischer Kompetenz ist deshalb nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.“

Was bedeutet die Streichung der Leistungsgruppe für Patienten?

Das Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG) sieht aktuell allerdings das Gegenteil vor: Hier sollen nun mehrere Leistungsgruppen, also Kategorien medizinischer Leistungen, in denen spezifische Qualitätskriterien und Vergütungen definiert sind, komplett entfallen – darunter auch die Leistungsgruppe Infektiologie. „Für Kliniken heißt das konkret: Ohne eine Leistungsgruppe lässt sich spezielle Infektiologie kaum finanzieren – entsprechende Stellen zur Weiterbildung des medizinischen Nachwuchses würden wegfallen, Fachärztinnen und Fachärzte ohne Perspektive in andere Gebiete abwandern“, erläutert Prof. Dr. med. Gerd Fätkenheuer, Past-Präsident der DGI.

Für Patienten wiederum bedeutet es: Die Qualität der Versorgung bei schweren Infektionen droht erheblich zu leiden. Die Streichung der Leistungsgruppe hat strukturelle Konsequenzen und bedeutet, dass die Krankenhausplanung der Länder keine Infektiologie vorsieht. Selbst komplizierte Infektionen würden dann in nicht-spezialisierten Kliniken versorgt werden. „Das gefährdet in hohem Maße die Versorgungsqualität und vor allem die Sicherheit der Patientinnen und Patienten“, so Fätkenheuer.

Schwächung der Infektionsmedizin – ein deutsches Phänomen

„Die Leistungsgruppe Infektiologie sollte – so der ursprüngliche Plan – nicht flächendeckend, sondern gezielt und kosteneffizient an spezialisierten Zentren vorgehalten werden, um dort Patienten mit komplexen Infektionen nach optimalen Qualitätsstandards zu versorgen“, erläutert Vehreschild. „Mit dem aktuellen Entwurf des KHAG droht jetzt allerdings eine fundamentale Schwächung der Infektionsmedizin insgesamt. Damit handeln wir komplett entgegengesetzt zu anderen hochentwickelten, effizienten Gesundheitssystemen.“

Als Begründung für die Streichung der Leistungsgruppe werden vor allem technische Argumente, wie die Zuordenbarkeit von Leistungen zu vorhandenen Abrechnungsziffern (DRG), vorgebracht. „Hierfür gibt es jedoch pragmatische Lösungen, die bei anderen Leistungsgruppen auch angewendet werden. Daher ist es überhaupt nicht nachvollziehbar, dass die medizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten gefährdet, und ohne Not die ursprünglichen Reformziele der Krankenhausreform für mehr Qualität und Effizienz geschwächt werden“, kommentiert Prof. Dr. med. Leif Erik Sander, Direktor der Klinik für Infektiologie an der Berliner Charité. Deshalb sein dringender Appell an die Parlamentarier: „Wir dürfen bei Qualität und Patientensicherheit keine Kompromisse machen! Die Leistungsgruppe Infektiologie muss, wie ursprünglich vorgesehen, wieder aufgenommen werden.“

Stellungnahme zahlreicher Fachgesellschaften und Verbände

Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) plädiert gemeinsam mit zahlreichen Fachgesellschaften und Verbänden, darunter die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die Gesellschaft für Virologie (GfV), der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI), die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), die Deutsche AIDS-Gesellschaft sowie die Deutsche Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (dagnä) für die Änderungen des aktuellen Entwurfs des KHAG und die Wiederaufnahme der Leistungsgruppe Infektiologie. Die ausführliche Stellungnahme der Fachgesellschaften und Verbände lesen Sie hier.    pm