
Von der Erhöhung bereits bestehender Mindestmengen an bestimmten schwierigen Operationen sind in den nächsten Jahren zusätzliche Bündelungsprozesse in weniger, aber dafür spezialisierteren Kliniken zu erwarten. Diese Entwicklung soll die Behandlungsergebnisse verbessern und die Patientensicherheit erhöhen. Foto: Gorodenkoff/stock.adobe.com
AOK-Qualitätsmonitor: Mehr Sicherheit durch Bündelung von schwierigen Operationen in Spezialkliniken
Die Einführung neuer Mindestmengen und die Anhebung bestehender Mindestmengen für bestimmte Operationen haben bundesweit zu einer weiteren Reduzierung der Krankenhaus-Standorte beigetragen, die die betreffenden Eingriffe vornehmen. Gleichzeitig erhöhten sich dort die durchschnittlichen Fallzahlen. Das zeigt das Online-Portal „Qualitätsmonitor“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), das jetzt mit Daten für das Jahr 2024 aktualisiert wurde.
Mehr Operationen an einem Ort = mehr Expertise fürs Patientenwohl
Auch in Baden-Württemberg setzt sich dieser Konzentrationsprozess bei komplexen und planbaren Operationen fort. Weniger eindeutige Entwicklungen gibt es dagegen mit Blick auf die Zielsetzung, Krebs-Operationen in Kliniken zu bündeln, die von der Deutschen Krebsgesellschaft als Krebszentren zertifiziert sind. Aber was haben Patienten davon, wenn sie in weniger, aber spezialisierten Kliniken behandelt werden?
„Die Datenreihen des Qualitätsmonitors zeigen eindrucksvoll: Das Instrument der Mindestmengen wirkt. Von der weiteren Erhöhung bereits bestehender Mindestmengen und der erstmaligen Einführung von Mindestmengen für neue Leistungen sind in den nächsten Jahren zusätzliche Bündelungsprozesse zu erwarten. Diese Entwicklung wird die Behandlungsergebnisse verbessern und die Patientensicherheit bei diesen besonders komplexen Eingriffen erhöhen – ohne dass es deswegen in Baden-Württemberg zu unzumutbaren Entfernungen zu den operierenden Kliniken kommt“, so Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg.
Bündelungseffekte nicht bei jeder Art von Operationen gleich hoch
Ein deutlicher Bündelungseffekt infolge der Mindestmengenregelungen ist bei den Brustkrebs-Operationen zu erkennen: Wurden 2020 in Baden-Württemberg noch 1395 Frauen mit Brustkrebs (15 Prozent aller Fälle) in Kliniken mit weniger als 100 Fällen pro Jahr operiert, waren es 2024 nur noch 1265 Frauen (12,4 Prozent der Fälle). Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die durchschnittliche jährliche Fallzahl je operierender Klinik im Südwesten von rund 141 auf rund 170. Dabei sank die Zahl der operierenden Kliniken moderat von 66 auf 60. Von der seit 2025 geltenden Anhebung der Mindestmenge von 50 auf 100 Fälle ist eine Fortsetzung dieser Trends zu erwarten.
Noch stärker ausgeprägt ist der Konzentrationsprozess durch die Mindestmengenregelungen bei Lungenkrebs-Operationen. Für die thoraxchirurgische Behandlung des Lungenkarzinoms bei Erwachsenen wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss GBA 2024 eine Mindestmenge von 40 Fällen pro Jahr festgelegt. So wurden 2020 noch circa ein Drittel aller Fälle (671 Patienten) an Klinik-Standorten operiert, die weniger als 75 Fälle pro Jahr vorweisen konnten. 2024 waren es nur noch 13,5 Prozent (337 Patienten). Die durchschnittliche Fallzahl je operierender Klinik stieg im gleichen Zeitraum deutlich von 60 auf 78 Fälle pro Jahr.
Ähnliche Effekte zeigen sich bei komplexen Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse, für die in der Vergangenheit eine Mindestmenge von 10 Eingriffen pro Jahr galt, die 2024 auf 15 und 2025 auf 20 Operationen pro Jahr angehoben wurde. Im Jahr 2020 wurden in Baden-Württemberg noch 14,1 Prozent aller Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs in Kliniken mit weniger als 20 Fällen pro Jahr operiert, im Jahr 2024 waren es laut Qualitätsmonitor nur noch 4,6 Prozent. Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Fallzahl je operierender Klinik von 35 auf 52. Auch bei dieser Indikation sank die Zahl der beteiligten Kliniken im Land deutlich: Von 55 Standorten im Jahr 2020 auf 36 im Jahr 2024.
Bei komplexen Eingriffen an der Speiseröhre wurde die langjährig geltende Mindestmenge von 10 Eingriffen pro Jahr 2023 auf 26 Eingriffe pro Jahr angehoben. Hier ist in Baden-Württemberg ein besonders deutlicher Konzentrationsprozess zu erkennen: Wurden 2020 noch die Hälfte aller Eingriffe in Kliniken durchgeführt, die die aktuell geltende Mindestmenge von 26 Eingriffen pro Jahr nicht erreichten, waren es 2024 nur noch 12,1 Prozent. Die durchschnittliche Fallzahl je Klinik hat sich zwischen 2020 und 2024 deutlich erhöht: von 19 auf 35 Fälle pro Jahr, während sich die Zahl der Krankenhäuser, die diese Leistung erbringen, mehr als halbierte (von 30 auf 13).
Ziel: Noch mehr Krebs-Patienten in zertifizierten Krebszentren behandeln
Weniger Bewegung gibt es laut Qualitätsmonitor bei der Zielsetzung, onkologische Patienten in Kliniken zu operieren, die als Krebszentren zertifiziert sind. Beispiel Lungenkarzinom: So wurden 2024 im Südwesten 63,2 Prozent der betroffenen Patienten in zertifizierten Lungenkrebszentren operiert – etwas mehr als im Bundesgebiet (57 Prozent). Allerdings konnte in Baden-Württemberg dieser Anteil seit 2020 (59,5 Prozent) nur noch geringfügig gesteigert werden.
„Auch in Baden-Württemberg muss die onkologische Chirurgie noch konsequenter in zertifizierten Kliniken gebündelt werden. Denn die Behandlung in diesen Zentren bietet klar belegte Überlebensvorteile für die Patientinnen und Patienten“, so Johannes Bauernfeind. Die vom Bundestag 2024 beschlossene Krankenhausreform biete hierzu weitere Steuerungsinstrumente. Aber auch die Krankenhausplanung im Land müsse diesen Prozess unterstützen.
Und Kliniken sollten ihrerseits nicht an elektiven und damit planbaren Leistungen festhalten, die sie in ihrem Einzugsgebiet nicht mit einer hinreichend hohen Fallzahl erbringen können. „Neben Fallzahlvorgaben müssen zertifizierte Zentren zahlreiche weitere Kriterien zur Struktur- und Prozessqualität erfüllen und eine leitliniengerechte Behandlung gewährleisten.“
Info
Das Online-Portal „Qualitätsmonitor“ beleuchtet Struktur- und Qualitätsunterschiede in der Krankenhausversorgung. Es ermöglicht Auswertungen nach verschiedenen Qualitäts- und Strukturindikatoren zu den Indikationen Herzinfarkt, Brustkrebs, Lungenkrebs, Versorgung von Schenkelhalsbrüchen sowie zu komplexen chirurgischen Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse und der Speiseröhre. In Zeitreihen lässt sich die Entwicklung bei verschiedenen Qualitätsthemen anzeigen. Zudem sind regionale Vergleiche zwischen den Bundesländern und Daten zu einzelnen Klinik Standorten abrufbar – so auch für Baden-Württemberg. Die Nutzer haben die Möglichkeit, die Qualitätskennzahlen in Karten oder Diagrammen zu visualisieren und herunterzuladen. Die Daten im Qualitätsmonitor werden jährlich aktualisiert, zuletzt wurde das Datenjahr 2024 hinzugefügt. > Hier gelangen Sie zum Qualitätsmonitor. < pm