
Antibiotika sind Lebensretter, aber leider nur im Kampf gegen Bakterien. Doch resistente Erreger bedrohen weltweit und zunehmend den Erfolg dieser Medikamente. Wer eine Viren-Infektion hat, kann mit Antibiotika nichts dagegen ausrichten. Foto: Ansar – KI-generiert/stock.adobe.com
Antibiotika: Wann sie Leben retten und wann sie überflüssig sind
Sie sind oft das letzte oder einzige Mittel gegen schwerste, potenziell tödliche Infektionskrankheiten: Antibiotika retten Leben. Doch sie wirken nur gegen Bakterien, nicht gegen virale Erkältungen. Wer sie unnötig einnimmt, riskiert Nebenwirkungen und fördert Resistenzen. Dieser Ratgeber zeigt, wann Antibiotika unverzichtbar sind, und wann man bewusst darauf verzichten sollte.
Antibiotika gehören zu den größten Errungenschaften der modernen Medizin. Sie können bakterielle Infektionen stoppen, bevor sie sich ausbreiten oder lebensbedrohlich werden. Dennoch werden sie im Alltag häufig überschätzt oder vorschnell eingesetzt. Viele Infekte, vor allem Husten, Schnupfen, Halsschmerzen oder grippale Symptome, beruhen auf Viren und dagegen sind Antibiotika vollkommen wirkungslos. „Antibiotika sind kein universelles Heilmittel. Sie wirken nur dort, wo tatsächlich Bakterien am Werk sind, bei Virusinfekten bleibt ihre Wirkung aus“, erklärt Dr. André Breddemann, Arzneimittelexperte der BARMER.
Das bedeutet, dass eine klassische Erkältung in der Regel von allein ausheilen wird. Antibiotika verkürzen die Krankheitsdauer nicht, können aber Nebenwirkungen wie Durchfall, Pilzinfektionen oder allergische Reaktionen auslösen.
Die Besonderheit von Antibiotika
Antibiotika greifen gezielt Strukturen oder Stoffwechselprozesse von Bakterien an. Manche hemmen deren Wachstum, andere töten sie direkt ab. Für virale Erreger fehlen solche Angriffspunkte. Gerade diese spezielle Eigenschaft macht Antibiotika wertvoll und zugleich empfindlich gegenüber Fehlgebrauch.
Wenn Antibiotika unnötig oder zu häufig eingesetzt werden, passen sich Bakterien an. Die Folge sind Resistenzen, Erreger, gegen die bisher wirksame Mittel kaum oder gar nicht mehr helfen. Das ist kein theoretisches Problem, sondern eine der größten globalen Gesundheitsgefahren. „Jeder unnötige Einsatz fördert Resistenzen. Damit verlieren wir wertvolle Medikamente, die wir für schwere Infektionen dringend brauchen“, warnt der BARMER-Arzneimittelexperte.
Wann eine Antibiotikatherapie unverzichtbar ist
Es gibt Situationen, in denen Antibiotika ganz eindeutig notwendig sind:
- bakterielle Lungenentzündung,
- schwere Harnwegsinfektionen, besonders mit Fieber oder Nierenbeteiligung,
- eitrige Mandelentzündungen bakteriellen Ursprungs,
- bakterielle Haut- und Wundinfektionen,
- schwere Organinfektionen wie bakteriell bedingte Hirnhautentzündung.
In solchen Fällen überwiegt der Nutzen eindeutig die Risiken. Eine schnelle Behandlung verhindert Komplikationen und kann lebensrettend sein.
Wenn möglich, sollte vorab ein ärztlicher Erregernachweis erfolgen, um das passende Antibiotikum auszuwählen. Dr. Breddemann betont: „Die Auswahl des richtigen Antibiotikums hängt von der Art der Infektion, dem vermuteten oder bestätigten Erreger und von Patientenfaktoren ab, beispielweise von Allergien oder der Nierenfunktion. Außerdem spielt die lokale Resistenzsituation eine wichtige Rolle bei der Wahl des Antibiotikums.“
Wann man besser darauf verzichtet
Bei den meisten Infekten des Alltags empfiehlt sich Zurückhaltung. Virale Atemwegsinfekte, unkomplizierte Erkältungen, grippale Infekte oder leichte Halsbeschwerden heilen meist von allein. Hier sind Ruhe, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und symptomlindernde Maßnahmen sinnvoller als Antibiotika. Auch aus gesellschaftlicher Perspektive lohnt sich der Verzicht. Je weniger Antibiotika unnötig verwendet werden, desto länger bleiben sie wirksam.
„Der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika ist eine Investition in unsere medizinische Zukunft“, sagt Dr. André Breddemann. pm
Wie sieht die Pipeline für neue Antibiotika aus?
Nach neuesten WHO-Analysen befinden sich weltweit etwa 90 antibakterielle Wirkstoffe im klinischen Entwicklungsstadium (Stand 2025). Darunter sind rund 50 traditionelle Antibiotika und weitere rund 40 nicht-traditionelle Ansätze (zum Beispiel Bakteriophagen, Antikörper) – aber nur etwa 15 gelten als wirklich innovativ mit neuen Wirkmechanismen.
Das bedeutet: direkt bevorstehende Zulassungen neuer klassischer Antibiotika sind begrenzter als diese Gesamtzahl suggeriert, denn viele Kandidaten sind noch früh in der Studie oder kombinierte/erweiterte Versionen bestehender Klassen.
Was sagen Prognosen zu potenziell neuen Antibiotika
Prognosen aus Szenarien-Analysen gehen davon aus, dass — wenn Anreize und Investitionen steigen — in den kommenden 10 Jahren möglicherweise etwa 19 neue Antibiotika zugelassen werden könnten. Diese Zahl berücksichtigt, dass viele Projekte die langen Prüf- und Zulassungsphasen durchlaufen müssen. In WHO-Berichten von 2023 waren etwa 97 antibakterielle Wirkstoffe im klinischen Pipeline-Review, aber und nur ein kleiner Teil gilt als „innovativ“.
Was bedeutet das praktisch?
- Zulassungen neuer Antibiotika sind zwar möglich und Teile der Pipeline können in den nächsten Jahren auf den Markt kommen — aber die Zahl wirklich neuartiger Antibiotika bleibt gering ohne signifikanten Anreiz und Investitionsschub.
- Viele Kandidaten in Entwicklung sind Modifikationen bestehender Klassen statt völlig neue Wirkstoffe, und nur ein kleiner Teil adressiert multiresistente und besonders kritische Keime.
- Die Entwicklung neuer Antibiotika bleibt generell langwierig, teuer und riskant, weshalb die pharmazeutische Pipeline trotz eines zunehmenden Resistenzdrucks immer noch hinter dem Bedarf zurückbleibt. tok