
Pneumokokken sind Bakterien, die etwa jeder fünfte Mensch im Nasen-Rachenraum trägt. Die meisten bakteriellen Lungenentzündungen bei Erwachsenen gehen auf Pneumokokken zurück. Foto: Dr_Microbe/stock.adobe.com
Angriff auf die Atemwege: Die Grippe ist oft Türöffner für eine Infektion mit Pneumokokken
Es gibt jede Menge Krankheiten, die einem gerade im Herbst und Winter das Leben schwer machen, die zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen mit teilweise langwierigen Folgen führen. Unter diesen Krankheiten gibt es aber welche, die man eigentlich nicht haben müsste, weil es wirksame Impfungen dagegen gibt. Offenbar scheint sich das im Fall der Pneumokokken-Infektion noch nicht überall herumgesprochen zu haben. Und das kann gerade für Senioren gefährlich werden.
Zu den folgenschweren Atemwegserkrankungen in der kälteren Jahreszeit zählt nicht nur die Grippe als bekannte Virusinfektion, sondern auch die durch Bakterien verursachte Pneumokokken-Infektion, eine der Hauptursachen für Lungenentzündungen bei Erwachsenen. Besonders gefährdet sind Menschen über 60 Jahren oder mit chronischen Erkrankungen, die das Immunsystem schwächen können. Was Betroffene über die Pneumokokken-Infektion wissen sollten und wie man sich davor schützen kann, dazu informierten Experten am Lesertelefon von Vital-Region.
Hier die wichtigsten Fragen und Antworten in der Übersicht:
Wie werden Pneumokokken übertragen, welche Erkrankungen verursacht eine Infektion?
Dr. med. Bettina Schraut: Pneumokokken-Infektionen werden durch das Bakterium Streptococcus pneumoniae verursacht. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion, also beim Sprechen, Husten oder Niesen – aus Sicht des Erregers eine äußerst effiziente Form der Verbreitung. Pneumokokken können Krankheiten wie Nasennebenhöhlen-, Mittelohr- oder Lungenentzündungen verursachen, aber auch eine Blutvergiftung oder Hirnhautentzündung.
Warum erkranken manche Menschen, andere aber nicht?
Dr. med. Ulrich Enzel: Bei vielen Menschen ist der Nasen-Rachenraum mit Pneumokokken besiedelt, ohne dass sie Symptome einer Erkrankung zeigen. Gleichwohl können diese Personen den Erreger weiterverbreiten. Dass manche Menschen tatsächlich erkranken, andere wiederum nicht, liegt vor allem an der Immunabwehr. Krank machen die Pneumokokken vor allem ältere Menschen oder Menschen mit einem geschwächten Immunsystem sowie mit bestimmten Grunderkrankungen.
Was sind Anzeichen für eine Lungenentzündung bei Pneumokokken?
Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner: In der Regel verspüren die Patienten ein allgemeines Krankheitsgefühl mit Fieber, Atembeschwerden sowie Husten mit oder ohne Auswurf. Bei älteren Menschen sind die Symptome jedoch auch mitunter unspezifisch und nicht typisch für eine Lungenentzündung. Sie zeigen dann eine ungewohnte Teilnahms- und Orientierungslosigkeit, akute Verwirrtheit (Delir) oder Gangstörungen bis hin zu Stürzen, oftmals aber kein begleitendes Fieber. Die Atemnot kann durch mögliche Begleiterkrankungen bei ihnen noch deutlicher ausgeprägt sein.
Welche Folgen hat eine Lungenentzündung bei Menschen ab 60 Jahren?
Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner: Die große Gefahr einer Lungenentzündung bei älteren Menschen besteht darin, dass sich aufgrund der altersbedingten Immunschwäche – der so genannten Immunseneszenz – die Infektion im gesamten Körper ausbreiten kann. Zusätzlich kommt es in einem hohen Prozentsatz der Fälle dazu, dass nach dem Abklingen der Lungenentzündung dauerhafte Beeinträchtigungen der Funktionalität und Selbsthilfefähigkeit zur Alltagsbewältigung auftreten können. Menschen, die vor der Lungenentzündung einen aktiven Lebensstil geführt haben, müssen ihren Alltag infolge der Erkrankung einschränken und geliebte Hobbys aufgeben oder im Beruf kürzertreten. So kann zum Beispiel schon Treppensteigen nach einer Lungenentzündung eine große Herausforderung darstellen. Dies schränkt die Lebensqualität in der Folge sehr ein.
Was versteht man unter einer gefährlichen invasiven Pneumokokken-Infektion?
Dr. med. Bettina Schraut: Unter einer invasiven Pneumokokken-Infektion versteht man das Eindringen der Bakterien in Körperregionen, die normalerweise keimfrei sind, zum Beispiel der Blutkreislauf oder das Gehirn. Mögliche Folgen einer invasiven Pneumokokken-Infektion sind eine Blutvergiftung (Sepsis) oder eine Hirnhautentzündung (Meningitis). Solche schwerwiegenden Krankheitsverläufe können lebensbedrohend sein und müssen im Krankenhaus behandelt werden.
Kann man eine Pneumokokken-Infektion nicht einfach mit Antibiotika behandeln?
Dr. med. Ulrich Enzel: Eine solche Behandlung ist grundsätzlich möglich, aber erstens wäre es besser, eine Erkrankung und ihre Folgen durch eine Impfung von vorne herein zu vermeiden und zweitens kann jede Gabe eines Antibiotikums zu einer Ausweitung von Antibiotika-Resistenzen führen. Der Einsatz von Antibiotika sollte, wann immer möglich, vermieden werden, zumal bereits heute Pneumokokken in typischen europäischen Reiseländern vorkommen, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Eine Impfung hilft demnach auch, die Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen einzudämmen.
Wie hoch ist das Risiko, sich mit Pneumokokken zu infizieren?
Dr. med. Bettina Schraut: Pneumokokken sind weltweit verbreitet und die Zahl der Infektionen steigt. Grundsätzlich hat jeder Mensch ein gewisses Risiko, an einer Pneumokokken-Infektion zu erkranken. Betroffen sind vor allem Menschen ab 60 und Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen sowie Säuglinge und Kinder. Im Winter steigt das Risiko noch einmal an, da zum Beispiel zu einer Grippe noch eine bakterielle Infektion mit Pneumokokken hinzukommen kann.
Wie kann man sich vor einer Infektion schützen?
Dr. med. Ulrich Enzel: Die üblichen Hygiene-Maßnahmen wie häufiges und gründliches Händewaschen und das Vermeiden von engem Kontakt mit infizierten Menschen können helfen. Doch gerade weil viele gesunde Menschen unbemerkt ansteckende Pneumokokken in sich tragen können, besteht selbst bei konsequenter Hygiene eine Gefahr, sich anzustecken. Keine Maßnahme schützt effizienter als Impfen – davor, selbst zu erkranken und andere anzustecken.
Wem wird die Impfung gegen Pneumokokken empfohlen?
Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner: Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt aktuell allen Menschen ab dem 60. Lebensjahr die Impfung. Die zweite große Gruppe, an die sich die Impfempfehlung richtet, sind Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen, da sie ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf aufweisen.
Welche Grunderkrankungen sind bei der Impfempfehlung gemeint?
Dr. med. Bettina Schraut: Die Impfempfehlung der STIKO gilt für Menschen mit chronischen Erkrankungen, zum Beispiel des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge, der Nieren oder der Leber sowie für Patienten mit Diabetes, Rheuma oder Multipler Sklerose. Auch Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, zum Beispiel aufgrund angeborener Defekte des Immunsystems, fehlender oder nicht funktionsfähiger Milz, einer HIV-Infektion, einer Knochenmarks- oder Organtransplantation, wird die Impfung empfohlen.
Warum die Altersgrenze von 60 Jahren?
Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner: Es fällt dem Körper mit zunehmendem Alter immer schwerer, sich gegen Krankheitserreger zu wehren. Diesen natürlichen Vorgang nennt die Medizin Immunseneszenz. Zusätzlich liegen im Alter häufig Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Herzerkrankungen oder chronische Lungenerkrankungen wie COPD und Asthma vor. Die Folge: Ältere Menschen sind besonders gefährdet, an Infektionen zu erkranken und einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden. Dies gilt im Übrigen nicht nur für Pneumokokken – auch die Grippeimpfung beispielsweise wird ab dem 60. Lebensjahr empfohlen.
Kann ich mich zeitgleich gegen Grippe und Pneumokokken impfen lassen?
Dr. med. Ulrich Enzel: Da eine Grippe einer Pneumokokken-Infektion häufig erst die Tür öffnet, ist zu einer zeitgleichen Impfung sogar zu raten. Umfangreiche Studien haben gezeigt, dass dabei ein ebenso effizienter Impfschutz erreicht wird wie bei einer Impfung zu getrennten Terminen. Die vorübergehenden Impfreaktionen können etwa vergleichbar häufig auftreten wie bei der getrennten Gabe. Und nicht zuletzt sparen Sie sich einen zweiten Termin bei Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin.
Wie gut ist die Impfung verträglich?
Dr. med. Bettina Schraut: Wenn Impfreaktionen auftreten, handelt es sich meist um harmlose Anzeichen wie eine Rötung, Schwellung oder ein Schmerz an der Einstichstelle. Es kann auch zu Abgeschlagenheit und leichten Kopfschmerzen kommen. All dies deutet auf eine normale Abwehrreaktion des Körpers hin und vergeht meist innerhalb von etwa drei Tagen.
Die Experten in der Telefonaktion SPRECHZEIT waren:
- Dr. med. Bettina Schraut; Fachärztin für Innere Medizin, Zusatzqualifikationen Psychosomatische Grundversorgung, Notfallmedizin, Diabetologie DDG; Aschheim
- Dr. med. Ulrich Enzel; Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Zusatzqualifikation Allergologie; Autor von Fachpublikationen zum Thema Prävention u.a. im Bereich Impfwesen; Heilbronn
- Univ.-Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner, MHBA; Facharzt für Innere Medizin, Zusatzbezeichnungen Klinische Geriatrie, Spezielle Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin; Klinikdirektor Klinikum Bayreuth GmbH, Medizincampus Oberfranken
Info
Mehr zum Thema lesen Sie hier:
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.impfen-info.de
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): www.gesundheitsinformation.de
- Robert Koch Institut: www.rki.de
- Pfizer Pharma GmbH: www.lungeschützen.de