Bodennahes Ozon ist hochreaktiv und kann beim Einatmen tief in die Lunge eindringen. Schon kurzfristig, innerhalb weniger Stunden, können Husten, Atemnot, Engegefühl in der Brust und eine messbare Einschränkung der Lungenfunktion auftreten. Foto: Animaflora PicsStock/stock.adobe.com

Zehntausende Tote in Deutschland: Bodennahes Ozon – die unterschätzte Gefahr im Sommer

An heißen, windstillen Sommertagen passiert in der Luft über unseren Städten und Landschaften ein unsichtbares, aber folgenreiches Schauspiel: Stickoxide aus dem Straßenverkehr und Industrieabgase sowie flüchtige organische Verbindungen – etwa aus Lösungsmitteln oder auch aus Pflanzen – reagieren unter intensiver Sonneneinstrahlung zu Ozon (O₃). Anders als das „gute“ Ozon hoch oben in der Stratosphäre, das uns vor UV-Strahlung schützt, ist bodennahes Ozon ein Schadstoff, der Reizungen und Erkrankungen verursachen kann und in Deutschland für Tausende Todesfälle verantwortlich ist.

Hochreaktives Ozon dringt tief in die Lunge ein

Ozon ist hochreaktiv und kann beim Einatmen tief in die Lunge eindringen. Schon kurzfristig, innerhalb weniger Stunden, können Husten, Atemnot, Engegefühl in der Brust und eine messbare Einschränkung der Lungenfunktion auftreten. Menschen mit Asthma oder chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) reagieren besonders empfindlich. Auch gesunde, sportlich aktive Menschen bemerken oft eine reduzierte Leistungsfähigkeit bei hohen Ozonwerten.

Langfristig erhöht sich das Risiko für chronische Lungenschäden. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dauerhafter Ozonexposition und einer erhöhten Sterblichkeit an Atemwegserkrankungen, insbesondere COPD. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb sehr niedrige Richtwerte: ein 8-Stunden-Mittel von maximal 100 µg/m³ und einen saisonalen Mittelwert von 60 µg/m³ in den sechs ozonreichsten Monaten des Jahres.

Zehntausende Ozon-Todesfälle in Deutschland

Laut Europäischer Umweltagentur (EEA) sind im Jahr 2022 erschreckende 22.924 Todesfälle auf die Ozon-Belastung in Deutschland zurückzuführen. Insgesamt gab es 2022 in Deutschland 69.865 Todesfälle durch Luftverschmutzung aufgrund von Feinstaub (PM2,5) und 28.464 Todesfälle aufgrund des Dieselabgasgifts Stickstoffdioxid (NO2). Durch die Einhaltung der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO hätten davon 32.628 beziehungsweise 9442 Todesfälle vermieden werden können.

Eine groß angelegte Studie, veröffentlicht in Nature Medicine, kommt für die Jahre 2015 bis 2017 auf rund 114.000 vorzeitige Ozon-Todesfälle in Europa. Auch hier gehört Deutschland zu den am stärksten betroffenen Ländern.

Luftschadstoffe fördern folgenreiche „Low-Level-Entzündungsreaktion“

Aufgrund von Sonneneinstrahlung, Hitze und Trockenheit wird vermehrt Feinstaub und der gasförmige Schadstoff Ozon entwickelt. Feinstaub und gasförmige Schadstoffe gelangen über die Atemwege (Bronchien) in die Lungenbläschen. Diese Fremdgase und Fremdstoffe aktivieren in den unteren Atemwegen Fresszellen, die Fremdkörpermaterial in den Atemwegen beseitigen. Dies führt zu einer Entzündungsreaktion.

Die Fresszellen bilden zudem aus den eingeatmeten Gasen und Partikeln freie Radikale, hochreaktive Moleküle, die körpereigene Stoffe mit Sauerstoff verbinden. Die dadurch verstärkte Entzündungsreaktion greift auf das gesamte Lungengewebe und später auf den gesamten Körper über. Diese „Low-Level-Entzündungsreaktion“ ist die Antwort des Körpers auf einen chronischen Entzündungsreiz und lässt die Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) in allen Gefäßen fortschreiten.

Menschen mit Gefäßschäden von Luftverschmutzung stark gefährdet

„Gerade bei Menschen, die bereits Gefäßschäden aufweisen und die chronischer Luftverschmutzung ausgesetzt sind, kann sich die Situation so verschlechtern, dass es vorzeitig zu Herzinfarkt oder Schlaganfall kommt“, erläuterte der Kardiologe Prof. Dr. Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und fügte hinzu: „Aber auch der akute Kontakt mit stark verschmutzter Luft kann ernsthafte Folgen für das Herz-Kreislauf-System haben. Abgase, insbesondere von Dieseltreibstoff, können die Blutplättchen von Patienten mit koronarer Herzkrankheit, kurz KHK, aktivieren und so zum Entstehen eines Herzinfarktes beitragen.“ Nach Expertenschätzungen ist bei etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland eine KHK bekannt.

So entsteht Ozon

Die chemische Hauptrolle bei der Entstehung von bodennahem Ozon spielt Stickstoffdioxid (NO₂), das sich bei UV-Licht in Stickstoffmonoxid (NO) und ein Sauerstoffatom spaltet. Dieses reagiert mit dem in der Luft vorhandenen Sauerstoff (O₂) zu Ozon. Flüchtige organische Verbindungen, sogenannte VOCs, wirken als „Katalysatoren“, indem sie NO wieder in NO₂ umwandeln – so kann sich Ozon weiter anreichern.

Besonders effizient läuft dieser Prozess bei hohen Temperaturen, starker Sonneneinstrahlung und geringen Luftaustauschbedingungen ab – genau die Wetterlagen, die in den Sommermonaten zunehmend häufiger werden. Die Auswirkung dieser Wetterlage wird durch viel Autoabgase noch einmal beschleunigt und verschärft.

Klimawandel als Ozon-Turbo

Mit der Klimakrise verändern sich nicht nur Temperaturen und Niederschlagsmuster, sondern auch die chemischen Prozesse in der Atmosphäre. Mehr Hitzetage, längere Trockenperioden und stabile Hochdrucklagen schaffen ideale Bedingungen für Ozonbildung.

Gleichzeitig steigt das globale Hintergrundniveau, unter anderem durch Methan – ein weiterer Vorläuferstoff für Ozon, der in Landwirtschaft, Energiegewinnung und Abfallwirtschaft entsteht. Ohne zusätzliche Klimaschutz- und Luftreinhaltemaßnahmen erwarten Fachleute künftig häufigere und intensivere Ozonepisoden.

Ozon in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg verzeichnet besonders im Mittleren Neckarraum und entlang des Oberrheingrabens regelmäßig hohe Ozonwerte. In der Vergangenheit traten Spitzen über 200 µg/m³ auf, die Informationsschwelle von 180 µg/m³ wird im Sommerhalbjahr immer wieder überschritten.

In Pforzheim zum Beispiel misst die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) an der Station an der Wildbader Straße kontinuierlich Ozonkonzentrationen. Auch hier liegen die Tageshöchstwerte meist am Nachmittag, zwischen 14 und 18 Uhr. In der jüngsten Hitzeperiode lag das Tagesmaximum bei 79 µg/m³ – ein vergleichsweise niedriger Wert. Doch an heißen Sommertagen kann Pforzheim auch deutlich höhere Konzentrationen erleben, oft über dem sogenannten MIK-Wert von 120 µg/m³, von dem an gesundheitliche Effekte wissenschaftlich nachweisbar sind.

So lesen Sie Ozonwerte

MIK-Wert (120 µg/m³): Ab hier ist eine gesundheitlich nachweisbare Wirkung möglich.

Informationsschwelle (180 µg/m³): Die Bevölkerung wird informiert; besonders empfindliche Gruppen sollten körperliche Belastung im Freien meiden.

Alarmschwelle (240 µg/m³): Die Alarmierung wird selten erreicht. Dann werden besondere Vorsichtsmaßnahmen empfohlen.

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Tipps für heiße Ozontage

Sportliche Aktivitäten in Morgen- oder Abendstunden verlegen.

Fenster nachmittags geschlossen halten.

Bei Asthma/COPD ärztliche Rücksprache halten, Medikation bereithalten.

Aktuelle Werte abrufen: www.lubw.baden-wuerttemberg.de
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Wie kann man Ozonwerte senken?

Politisch wirksam sind vor allem Maßnahmen zur Reduktion von Stickoxiden und VOCs: emissionsarmer Verkehr (Diesel- und Verbrennerfahrverbote, Bevorzugung von Elektrofahrzeugen), strengere Abgasnormen, Einschränkungen bei lösemittelhaltigen Produkten, Methanreduktion in Landwirtschaft und Abfallwirtschaft. Kommunen setzen zudem auf Ozonaktionspläne mit Warnsystemen und zeitweiligen Verkehrsbeschränkungen.

Individuell kann man an Tagen mit hohen Ozonwerten körperliche Anstrengung in die Morgen- oder Abendstunden verlegen, Fenster am Nachmittag geschlossen halten und bei Vorerkrankungen die Medikation in Absprache mit dem Arzt anpassen. Für aktuelle Werte lohnt sich ein Blick auf die Webseite der LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg zu werfen, die Ozonprognosen und Live-Messdaten bereitstellt, oder in die Luftqualitäts-Webseite des Umweltbundesamts.

Hohe Ozonwerte treffen alle

Bodennahes Ozon ist kein Abgas, das direkt aus dem Auspuff kommt, sondern das Ergebnis einer komplexen Chemie in der Sommerluft. Dieses Ozon betrifft alle, wird durch die Klimakrise verschärft und erfordert sowohl strukturelle als auch persönliche Schutzmaßnahmen. Seine gesundheitliche Relevanz wird oft unterschätzt – nicht nur für empfindliche Gruppen. Der Klimawandel könnte die Belastung weiter verschärfen. Umso wichtiger sind wirksame Minderungsstrategien auf politischer Ebene – und umsichtiges Verhalten an belasteten Tagen.

Für Menschen in Deutschland gilt: Die Ozon-Werte sind oft moderat – doch an heißen, sonnigen Tagen lohnt der Blick in die aktuellen Messdaten, bevor man draußen tief durchatmet. Vor allem, wenn man ohnehin schon Probleme mit den Atemwegen hat. tok