
„Je wärmer es wird, desto wohler fühlen sich invasive Tierarten wie die Asiatische Tigermücke bei uns. Damit einher geht auch eine Gesundheitsgefährdung der Menschen hierzulande“, sagt der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha. Auf der gegenüberliegenden Rheinseite im Elsass hat sich Ende Juni eine Person durch den Stich einer lokalen Mücke mit dem Chikungunya-Virus infiziert. Foto: Pawich Sattalerd/stock.adobe.com
Wann schaffen es Chikungunya-Infektionen durch Asiatische Tigermücken über den Rhein?
Wer weiß, was auf der Gesundheitsministerkonferenz am 11. und 12. Juni in Weimar alles beschlossen worden wäre, hätte sie drei Wochen später stattgefunden. Baden-Württemberg hatte den Vorschlag eingebracht, die Abgabe von Bti-Tabletten zur biologischen Bekämpfung der tagaktiven und stichfreudigen Asiatischen Tigermücke niederschwellig möglich zu machen. Der Vorschlag erhielt die Zustimmung aller Bundesländer. Vielleicht wäre noch mehr gegangen, denn drei Wochen darauf wird im Elsass eine Person von einer mit dem Chikungunya-Virus infizierten Mücke gestochen. Gegenüber auf der baden-württembergischen Rheinseite läuten die Alarmglocken.
Die betroffene Person hatte sich ausschließlich in den südlich von Straßburg gelegenen Gemeinden Lipsheim und Fegersheim aufgehalten. Die Ortschaften liegen nur rund sieben Kilometer Luftlinie vom Rhein entfernt und auch ganz nahe der deutschen Grenze bei Offenburg. Aber während in den vergangenen Wochen sechs weitere Chikungunya-Fälle in Frankreich (meistens in der Mittelmeer-Region) bekannt wurden, bei denen die Mückenstiche im eigenen Land stattfanden und die Infektion herbeiführten, gibt es in Baden-Württemberg bislang nur importierte Chikungunya-Fälle, bei denen Reisende in Afrika oder Asien gestochen und infiziert wurden. 15 solcher Fälle soll es im Musterländle in diesem Jahr gegeben haben.
Aedes albopictus fühlt sich wohl in Baden-Württemberg
Wie sich das ändern kann? Wenn eine Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) das Chikungunya-Virus bei einer Blutmahlzeit auf einem infizierten Patienten aufsaugt, kann sie das Virus auch beim nächsten Mückenstich weitergeben. Je mehr Infizierte es gibt, desto größer wird die Chance, dass die bislang nur lästigen, weil aggressiven Tigermücken zu gefährlichen Virenträgern werden und weitere Menschen zu Chikungunya-Opfern machen. Vom Elsass aus ist es ins Badische nur ein Katzensprung. Es dürfte nicht allzu lange dauern, bis es infizierte Mücken über den Rhein schaffen. Vergleichsweise ungefährliche Artgenossen leben ja schon hier.
Der klimawandelbedingte Temperaturanstieg begünstigt die Ausbreitung der Tigermücke in immer mehr Städten und Gemeinden wärmerer Regionen des Landes Baden-Württemberg, wie entlang des Oberrheingrabens, am Bodensee, am Mittleren Neckar und in der Rhein-Neckar-Region. In Deutschland sind Aedes albopictus nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch im Rhein-Main-Gebiet von Hessen und Rheinland-Pfalz weit verbreitet, darüber hinaus aber auch punktuell in Bayern, Thüringen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Die ersten Tigermücken-Funde gab es im Südbadischen. 2007 wurden in Deutschland auf einer A5-Raststätte bei Bad Bellingen Eier der Mücke entdeckt. Vier Jahre später wurde bei Weil am Rhein ebenfalls nahe einer A5-Raststätte ein erwachsenes Weibchen gefangen. Hotspots sind zum Beispiel Freiburg, Heidelberg oder Karlsruhe.

Bloß keine Tigermücken mit Viren füttern
„Die Asiatische Tigermücke ist nicht nur lästig, sondern stellt auch eine potenzielle Gefahr für die menschliche Gesundheit dar“, so Staatssekretärin Dr. Ute Leidig nach der Gesundheitsministerkonferenz. Baden-Württemberg kämpft seit Jahren aktiv gegen die Tigermücke an und versucht, die Populationen weiter einzudämmen. Kein Wunder, denn die Asiatische Tigermücke kann tropische Infektionserreger wie das Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Virus übertragen.
Bisher gab es zwar noch keine lokalen Übertragungen tropischer Krankheitserreger in Baden-Württemberg, aber mit dem Klimawandel und der damit verbundenen Temperaturerhöhung steigt das aktuell geringe Risiko für lokale Infektionen. Deshalb weist das Aktionsbündnis Klimawandel und Gesundheit Baden-Württemberg darauf hin, dass Reiserückkehrende aus tropischen und subtropischen Ländern in den ersten 14 Tagen nach ihrer Rückkehr auf Mückenschutz achten sollten, um das Risiko lokaler Übertragungen zu verringern.
Mückennetze, Fliegengitter, Repellentien und bedeckte Haut
Bedeckende Kleidung, Anti-Mücken-Mittel sowie Mückennetze oder engmaschige Fenstergitter bieten einen wirksamen Schutz. „Bei unklarem Fieber mit Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens nach Auslandsreisen, Gelenkschmerzen oder Ausschlag sollte der Hausarzt oder die Hausärztin kontaktiert werden. Durch den Klimawandel müssen wir mit dem Auftreten bisher bei uns nicht vorkommender Erkrankungen rechnen“, erklärt der Klimaschutzbeauftragte der Landesärztekammer, Dr. Robin Maitra.
Entsprechende Sprays oder Lotions, so genannte Repellentien mit den Wirkstoffen DEET (Diethyltoluamid) und Icaridin, schützen effektiv vor Stichen. „Beim Aufenthalt an der frischen Luft sollte darauf geachtet werden, Hautstellen durch Kleidung zu bedecken oder Repellentien anleitungsgerecht aufzutragen. Entsprechende Produkte sowie eine umfassende Beratung erhalten Sie in der Apotheke“, betont Dr. Martin Braun, Präsident der Landesapothekerkammer.
Den Stechmücken das Leben schwer machen
Kann sich die Tigermücke ungestört in Baden-Württemberg ausbreiten, steigt das Risiko für lokale Übertragungen. Deshalb ist die Bekämpfung durch das Vermeiden möglicher Brutstätten und die regelmäßige Wartung von Wasserbehältern wichtig. In betroffenen Gebieten kann jeder dazu beitragen. Die stark an den Menschen angepasste Tigermücke nutzt fast jede kleine Wasseransammlung auf Balkon, Hof oder Garten – etwa in Gießkannen, in Blumentopf-Untersetzern, in herumliegendem Kinderspielzeug oder in Regentonnen. Heimische Mücken bevorzugen dagegen meist offene, fließende Gewässer.
Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, sollten Wasserbehälter im Freien verschlossen, regelmäßig entleert oder entfernt werden. Vogeltränken und Hundenäpfe sollten wöchentlich geleert und mit frischem Wasser gefüllt werden. Wasserbehältnisse, die nicht regelmäßig entleert werden können, sollten alle 14 Tage mit den so genannten Bti-Tabletten behandelt werden. Das baden-württembergische Landesgesundheitsamt hat dazu eine Broschüre erstellt, die hier eingesehen werden kann.
Was ist das Chikungunya-Virus?
Das Chikungunya-Virus (CHIKV) ist ein RNA-Virus aus der Gattung Alphavirus in der Familie der Togaviridae. Es wurde erstmals 1952 in Tansania identifiziert. Der Name Chikungunya stammt aus der Sprache der Makonde und bedeutet übersetzt etwa „der gekrümmt Gehende“, was auf die typische gebückte Körperhaltung infolge starker Gelenkschmerzen hinweist, die viele Patienten entwickeln.
Das Virus verursacht die Chikungunya-Fieberkrankheit, eine nicht lebensbedrohliche, aber schmerzhafte Erkrankung, die sich durch Fieber, Gelenkschmerzen, Hautausschlag und manchmal neurologische oder chronische rheumatische Beschwerden äußert.
Die Übertragung erfolgt durch infizierte Mücken, hauptsächlich Aedes aegypti (Gelbfiebermücke) und Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke). Beide Arten sind auch als Überträger des Dengue- und Zika-Virus bekannt. Die Mücken nehmen das Virus beim Blutsaugen von infizierten Personen auf und können es nach einer kurzen Inkubationszeit auf andere Menschen übertragen.
Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko?
In Deutschland ist das Risiko, an Chikungunya zu erkranken, aktuell sehr gering, weil:
- Es gibt noch keine autochthonen Fälle (lokale Übertragung ohne Auslandsreise), die sich flächendeckend etabliert haben.
- Eine Übertragung ist nur möglich, wenn eine infizierte Person (zum Beispiel Rückkehrer aus tropischen Ländern) von lokalen Mücken gestochen wird – und diese dann weitere Menschen infizieren.
- Die Tigermücke ist noch nicht flächendeckend aktiv, sondern nur punktuell etabliert.
Das Infektionsrisiko in Deutschland ist derzeit niedrig, könnte aber mit dem Klimawandel und der Ausweitung der Mückenpopulation rasch zunehmen.
So verläuft eine Chikungunya-Erkrankung
Die Inkubationszeit beträgt zwischen 2 und 12 Tage, liegt meistens bei 4 bis 7 Tagen nach dem Mückenstich.
In der akuten Phase bekommen die Infizierten
- plötzlich hohes Fieber
- starke Gelenk- und Muskelschmerzen
- Hautausschläge (makulopapulös)
- Kopfschmerzen, Konjunktivitis, Müdigkeit
Die Akute Phase dauert meistens 7 bis 10 Tage und kann stark einschränkend sein. Sie ist aber selten tödlich.
In der Chronische Phase stellen sich bei 10 bis 60 Prozent der Patienten chronische Gelenkschmerzen (ähnlich rheumatoider Arthritis) ein. Das kann Monate bis Jahre andauern, wobei besonders ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen davon betroffen sind. Bei schweren Verläufen, die sich aber selten einstellen, kann es zu Enzephalitis (Gehirnentzündung), Myokarditis (Herzmuskelentzündung) und Hepatitis (Leberentzündung) kommen. Das Risiko auf einen schweren Verlauf ist bei Neugeborenen, Senioren, Schwangeren und Personen mit Vorerkrankungen erhöht.
Keine Therapie, aber zwei schützende Impfstoffe
Wer nach einem Mückenstich unter einer Chikungunya-Erkrankung leiden muss, kann nur auf eine Linderung seiner Symptome hoffen, denn es ist keine antivirale Therapie verfügbar. Schmerzmittel wie etwa Paracetamol können helfen. ASS oder Aspirin (Acetylsalicylsäure) fallen als Medikamente wegen der blutverdünnenden Wirkung aus.
Damit man sich nicht erst mit Fieber und Gelenkschmerzen herumplagen muss, empfiehlt die Ständige Impfkommission STIKO einen der beiden verfügbaren Impfstoffe gegen Chikungunya zu nutzen. Da wäre der attenuierte Lebendimpfstoff Ixchiq (mit abgeschwächten, aber vermehrungsfähigen Krankheitserregern) für Personen im Alter von 12 bis 59 Jahren oder der Totimpfstoff Vimkunya für Personen ab 12 Jahren. Die Grundimmunisierung besteht bei beiden Impfstoffen jeweils aus einer Impfstoffdosis.
„Chikungunya ist bislang bei deutschen Reiserückkehrenden sehr selten. Das allgemeine Risiko bei Reisen in Endemiegebiete ist als gering einzustufen, steigt aber entscheidend bei einer Reise in ein aktuelles Ausbruchsgebiet. Daher wird die Impfung bei Reisen in Gebiete empfohlen, für die ein aktuelles Chikungunya-Ausbruchsgeschehen bekannt ist, oder bei wiederholten Aufenthalten in einem Endemiegebiet sowie für Personen, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine Chronifizierung oder einen schweren Krankheitsverlauf besteht“, heißt es im „Epidemiologisches Bulletin 28/2025“des RKI.
Steckbrief
Die Asiatische Tigermücke ist deutlich zierlicher als heimische Stechmücken. Mit einer Körpergröße von nur 3 bis 8 Millimetern ist sie kleiner als eine 1-Cent-Münze. Der Name „Tigermücke“ kann irreführend sein, denn das Insekt ist tiefschwarz mit weißer Musterung am gesamten Körper. Ein auffälliges Erkennungsmerkmal ist der weiße Streifen auf Hinterkopf und Rücken sowie die fünf weißen Streifen an den Hinterbeinen, wobei das letzte Beinglied vollständig weiß ist. Meldungen der Asiatischen Tigermücke können über https://www.kabsev.de/stichts/tigermuecke-melden/einsendewege/ erfolgen, entweder durch Einsendungen von gut erhaltenen Tieren oder gut erkennbaren Fotos.
Weitere Informationen zur Asiatischen Tigermücke, ihren Erkennungsmerkmalen und der Verbreitung in Baden-Württemberg finden Sie hier. pm/tok