
Handverletzungen durch Feuerwerk füllen Kliniken und Ambulanzen in der Silvesternacht. Abgetrennte und zersprengte Hände, Knochen- und Sehnenzerstörungen, Verbrennungen der Finger durch Feuerwerk – die Spezialisten der Hand- und Mikrochirurgie stehen zum Jahreswechsel im Dauerstress. Foto: FajarYogaPrawiranta/stock.adobe.com
Und plötzlich fehlt die Hand: Immer mehr schwerste Verletzungen durch illegale Silvesterböller
Die Silvesternacht 2024 hat erneut gezeigt, wie gefährlich der Jahreswechsel für viele Menschen werden kann. Jedes Jahr versorgen Ärzte eine Vielzahl von Handverletzungen und anderen traumatischen Schäden. Doch 2024/25 standen die Notaufnahmen in Berlin und anderen deutschen Großstädten vor einer neuen Dimension der Belastung: Neben klassischen Feuerwerksverletzungen wurden zunehmend bombenartige Sprengkörper gezündet – mit teils verheerenden Folgen für die Betroffenen.
„Wir erleben in den Notaufnahmen Verletzungsmuster, die weit über das Übliche hinausgehen“, sagt Prof. Dr. Ulrich Stöckle, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Geschäftsführender Direktor des Centrums für Muskuloskelettale Chirurgie Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Sprengkörper erinnern an Wirkung von militärischem Material
„Es ist unerträglich zu sehen, dass inmitten globaler Konflikte und Kriege mit zahlreichen Toten und Schwerstverletzten im privaten Umfeld noch immer Sprengkörper gezündet werden, deren Wirkung an militärisches Material erinnert“, ergänzt DGOU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig. „Auch wenn sich Bürgerinnen und Bürger durch umsichtiges Verhalten vor vielen klassischen Feuerwerksverletzungen schützen können, gilt klar: Gegen die Wirkung illegaler oder bombenartiger Sprengkörper hilft keine Vorsichtsmaßnahme. Hier sind Politik, Behörden und sichere Alternativen gefordert.“
Trotz der gravierenden Ereignisse in 2024 sei das Jahr 2025 nicht ausreichend genutzt worden, um tragfähige Konzepte und Alternativen für mehr Sicherheit zu entwickeln, kritisiert die DGOU.
Enorme Beanspruchung des medizinischen Personals und der Klinik-Kapazitäten
Laut einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) lag die Anzahl der Krankenhausaufnahmen aufgrund von typischen Feuerwerksverletzungen an Neujahr in den vergangenen zehn Jahren mit durchschnittlich rund 530 Fällen etwa 2,6-mal höher als an normalen Wochentagen und sogar etwa 4,4-mal höher als an durchschnittlichen Wochenenden. In die Auswertung einbezogen wurden Verletzungen der Hand, des Auges, am Kopf und an den Ohren sowie Verbrennungen des Kopfes und des Halses.
„Der unsachgemäße Umgang mit Feuerwerk führt rund um den Jahreswechsel zu einer enormen Beanspruchung des medizinischen Personals und der Kapazitäten in den Kliniken“, sagt die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. „Da wirksame politische Maßnahmen zur Eindämmung des Problems zumindest auf der Bundesebene nicht in Sicht sind, können wir nur auf die erheblichen Verletzungsgefahren durch Pyrotechnik hinweisen und an den verantwortungsvollen Umgang mit Feuerwerk appellieren.“
Durch die Beachtung einiger Vorsichtsmaßnahmen könne das Risiko reduziert und auch das medizinische Personal deutlich entlastet werden. „So gehören Böller und Pyrotechnik keinesfalls in die Hände von Kindern“, so AOK-Chefin Reimann. Auch Jugendliche sollten über die Gefahren aufgeklärt werden und nicht unbeaufsichtigt mit Feuerwerk hantieren.
Abgetrennte Hände und verbrannte Finger
„Jede vermeidbare Verletzung ist eine zu viel“, sagt Privatdozent Dr. Martin Lautenbach, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie (DGH) und Chefarzt der Handchirurgie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Waldfriede Berlin. Handverletzungen stehen bei den Feuerwerksverletzungen im besonderen Fokus: Abgetrennte und zersprengte Hände, Knochen- und Sehnenzerstörungen, Verbrennungen der Finger durch Feuerwerk müssten verhindert werden. Auch die Spezialisten der Hand- und Mikrochirurgie könnten verletzungsbedingte Schäden nicht immer ungeschehen machen.
Besonders häufig betroffen sind Hände, Augen und Ohren, mit teils gravierenden Folgen wie Verbrennungen, Amputationen, Sehverlust oder bleibenden Hörschäden. Der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) warnt gemeinsam mit weiteren medizinischen Fachverbänden vor den Gefahren des unachtsamen Umgangs mit privatem Feuerwerk und ruft zu einem bewussten, verantwortungsvollen Einsatz auf.
„Jedes Jahr zu Silvester erleben wir zahlreiche schwere Handverletzungen, die oft gravierende und dauerhafte Einschränkungen nach sich ziehen. Explodierende Feuerwerkskörper können Knochen, Sehnen und Weichteile massiv schädigen – selbst mit modernsten Operationsverfahren lassen sich die Folgen nicht immer vollständig beheben“, betont Dr. Adrian Scale, Leiter des Referats Handchirurgie im BVOU. Besonders tragisch: Viele dieser Verletzungen sind durch umsichtiges Verhalten vermeidbar. Neben jungen Erwachsenen, die sich selbst durch unvorsichtiges Verhalten verletzen, sind auch unbeteiligte Kinder und Zuschauer von solchen Verletzungen und teils bleibenden Schäden betroffen.
Präventionstipps für vermeidbare Verletzungen bei handelsüblichem Feuerwerk
Für vermeidbare Verletzungen durch normales Feuerwerk rufen DGOU und Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie (DGH) sowie BVOU und AOK auch in diesem Jahr zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Feuerwerk auf und geben Tipps für ein sicheres Silvestervergnügen. Mit diesen Tipps vermeiden sie typische Silvester-Verletzungen:
- Kaufen Sie Feuerwerkskörper nur im Fachhandel! Lesen Sie die Gebrauchsanweisung sorgfältig und achten Sie auf das CE-Zeichen und die BAM-Prüfnummer (Bundesamt für Materialprüfung).
- Nur Feuerwerkskörper verwenden, die nicht in der Hand gezündet werden müssen.
- Verwenden Sie keine selbst gebastelten oder manipulierten Feuerwerkskörper. Sie sind besonders gefährlich, da sie zu früh oder viel stärker explodieren können als erwartet.
- Feuerwerkskörper nie auf andere Personen richten.
- Abstand zu gezündeten Feuerwerkskörpern halten und Anweisungen auf den Verpackungen beachten.
- Lagern Sie Feuerwerkskörper verschlossen und in sicherem Abstand, keinesfalls jedoch am Körper.
- Wenn Sie Alkohol getrunken haben: Hände weg von Feuerwerkskörpern. Alkohol macht unvorsichtig.
- Feuerwerkskörper, die nicht explodiert sind, nicht noch einmal zünden.
- Knaller und Böller müssen für Kinder und Jugendliche tabu sein.
- Kinder und Jugendliche besonders schützen und beaufsichtigen. pm/tok