Schon Sechs- bis Zehnjährige leiden an psychischen Erkrankungen, allen voran an Störungen des Sozialverhaltens sowie an akuten Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. Aber auch von Angststörungen sind Grundschüler bereits betroffen. Foto: pegbes/stock.adobe.com

Schon Grundschüler stehen enorm unter Druck – Basis für spätere psychische Erkrankungen

Hohe Erwartungen, Mobbing, Probleme zuhause? Bereits im Grundschulalter sind Kinder gestresst und seelisch angeschlagen. Eine forsa-Umfrage der KKH Kaufmännische Krankenkasse unter rund 1000 Eltern von Sechs- bis Zehnjährigen zeigt: Ein Viertel der Kinder (24 Prozent) hat sich nach Einschätzung der Mütter und Väter in den vergangenen vier Wochen häufig gestresst gefühlt, sei es in der Schule oder im Alltag. Und: Insgesamt 42 Prozent der Eltern geben an, dass der Druck beziehungsweise die psychische Belastung in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen hat.

Doch was ist es, was bereits Grundschulkindern so sehr auf die Seele schlagen kann? Größte Herausforderung ist den befragten Eltern zufolge die Erwartung des eigenen Kindes an sich selbst und damit einhergehende Versagensängste (58 Prozent). Es folgen Probleme mit anderen Kindern wie Mobbing, Streit oder Gruppenzwang (50 Prozent) sowie die Erwartungen an den Nachwuchs von außen, etwa in der Schule oder beim Sport (47 Prozent).

Quelle/Grafik: forsa-Umfrage im Auftrag der KKH – Kaufmännische Krankenkasse
Quelle/Grafik: forsa-Umfrage im Auftrag der KKH – Kaufmännische Krankenkasse
Quelle/Grafik: forsa-Umfrage im Auftrag der KKH – Kaufmännische Krankenkasse

Unerfahren im Umgang mit seelischem Druck

Hinzu kommt: Viele Mädchen und Jungen in diesem Alter wissen noch gar nicht, wie sie seelischem Druck begegnen können. So geben 44 Prozent der Eltern an, ihr Nachwuchs könne weniger gut oder überhaupt nicht mit Stress und psychischen Belastungen umgehen. Genau hier setzt das KKH-Programm „1000 Schätze“ für Schüler der ersten und zweiten Klasse an. „Ziel ist es, psychosoziale Kompetenzen zu fördern und einem riskanten Verhalten vorzubeugen. Die Kinder lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren, Probleme zu lösen, Konflikte zu bewältigen sowie mit eigenen und fremden Gefühlen umzugehen“, erläutert KKH-Chef Dr. Wolfgang Matz.

„Es ist wissenschaftlich belegt, dass eine frühe Förderung dieser entscheidenden Lebenskompetenzen die psychische und körperliche Gesundheit von Kindern nachhaltig stärkt. Wir freuen uns deshalb umso mehr, dass der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck nun die Schirmherrschaft für 1000 Schätze übernommen hat. Das zeigt, dass Kindergesundheit auch in der Politik einen hohen Stellenwert hat.“

Schirmherr Streeck: Mehr Prävention für junge Menschen

Laut Umfrage zählen zu weiteren möglichen Stressfaktoren bei Grundschulkindern auch digitale Medien wie Inhalte von Streaming-Diensten und Online-Spielen mit 32 Prozent sowie Probleme in der Familie, beispielsweise häufiger Streit, Trennung der Eltern oder Geldsorgen (22 Prozent). Besonders kritisch wird es für Kinder, deren Eltern selbst gestresst und überfordert sind, die an einer psychischen Erkrankung leiden oder suchtkrank sind.

„Gerade Kinder, die in belasteten Familien aufwachsen oder selbst unter starkem Druck stehen, profitieren besonders von schulischen Präventionsangeboten wie 1000 Schätze.“, sagt der Sucht- und Drogenbeauftragte Hendrik Streeck. „Wenn wir früh ansetzen, stärken wir nicht nur die emotionale Widerstandskraft von Kindern. Wir verringern auch das Risiko für spätere psychische Erkrankungen und Abhängigkeit. Gleichzeitig sensibilisieren solche Programme das Umfeld der Kinder. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte lernen, Belastungen früher zu erkennen und angemessen zu reagieren. Die Zahlen zeigen, wie dringend das ist. Prävention muss früher beginnen und stärker werden. Wenn wir Kinder mental stärken, investieren wir in ihre Gesundheit und in die Zukunft unserer Gesellschaft.“

Quelle/Grafik: forsa-Umfrage im Auftrag der KKH – Kaufmännische Krankenkasse
Quelle/Grafik: forsa-Umfrage im Auftrag der KKH – Kaufmännische Krankenkasse

Schon früh Störungen bei Grundschülern festgestellt

Wie wichtig es ist, Kinder so früh wie möglich sozial und emotional zu stabilisieren, belegen auch KKH-Daten: Demnach leiden bereits Sechs- bis Zehnjährige an psychischen Erkrankungen – allen voran an Störungen des Sozialverhaltens sowie an akuten Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. Jeweils rund 25 von 1000 Kindern dieses Alters erhielten 2024 eine der beiden Diagnosen. Aber auch von Angststörungen sind Grundschüler bereits betroffen (7 Fälle von 1000).

Hinzu kommt: Viele dieser Diagnosen steigen mit zunehmendem Alter deutlich an, vor allem Angststörungen: Hier erfasste die KKH bei den 11- bis 14-Jährigen bereits rund doppelt so viele Fälle (15 pro 1000) und bei den 15- bis 18-Jährigen fast fünfmal so viele (32 pro 1.000) wie bei Kindern im Grundschulalter. Auch bei Anpassungsstörungen stieg die Zahl der Betroffenen mit dem Alter stark an – um mehr als das Doppelte auf 57 Fälle pro 1000 Versicherte bei den 15- bis 18-Jährigen.

Erst Bauchschmerzen, dann Ängste

Meist entwickeln Kinder bereits erste Symptome, noch lange bevor Ärzte eine psychische Erkrankung diagnostizieren. Das Tückische: „Die Anzeichen sind oft schwer zu deuten, da sie oftmals sehr unspezifisch sind“, erläutert KKH-Psychologin Franziska Klemm. So können sozialer Rückzug, Leistungsabfall in der Schule und körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen auf die alltäglichen Herausforderungen des Aufwachsens wie den Wechsel in eine neue Schule oder Streit mit Freunden hindeuten. Sie können aber auch Anzeichen für eine Belastungsreaktion oder etwa eine Angststörung sein.

„Je früher wir psychische Erkrankungen erkennen, desto eher können wir betroffenen Kindern helfen und vermeiden, dass sich daraus weitere Störungen wie der Missbrauch von Suchtmitteln entwickeln. Unser Ziel ist es deshalb, möglichst allen Kindern eine stabile Basis für ihre Entwicklung zu bieten, unabhängig vom Elternhaus“, sagt Klemm.

In der Regel legen Eltern den Grundstein für die soziale und emotionale Entwicklung eines Kindes. Auch die forsa-Umfrage zeigt: Nahezu alle Befragten (98 Prozent) sehen die Eltern maßgeblich dafür verantwortlich, Kindern Werte wie Respekt, Empathie und Toleranz zu vermitteln. Gut die Hälfte (54 Prozent) sieht aber auch Kitas und Schulen in der Pflicht. Das Programm „1000 Schätze“ bezieht neben den Schulfachkräften auch die Eltern der Kinder mit ein, beispielsweise mit themenbezogenen Elterntreffen und mehrsprachigen Elterninformationen. „Optimal ist eine Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus. Auf diese Weise werden die Kinder am besten unterstützt“, betont Franziska Klemm.

Info

Detaillierte Informationen zum Programm „1000 Schätze“ hält die KKH unter kkh.de/1000schaetze bereit. Das Programm wurde von Dr. Heidi Kuttler, COOPTIMA, in enger Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen entwickelt. Die Bundeskoordination erfolgt durch das „1000 Schätze“-Kompetenzzentrum, angesiedelt bei der Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH. Die KKH fördert und unterstützt das Programm.

Das Marktforschungsinstitut forsa hat im Auftrag der KKH 1005 Eltern von Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren repräsentativ befragt. Die Online-Befragung fand deutschlandweit vom 26. Januar bis 10. Februar 2026 statt.Darüber hinaus hat die KKH Daten ihrer sechs- bis 18-jährigen Versicherten zur Häufigkeit von Angststörungen (F41), Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43), Störungen des Sozialverhaltens (F91) sowie einer kombinierten Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen (F92) für das Jahr 2024 ausgewertet. 2024 erhielten bundesweit rund 18.130 KKH-versicherte Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren eine oder mehrere dieser Diagnosen, darunter 5150 Kinder im Grundschulalter. Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das rund 995.300 Sechs- bis 18-Jährige, davon rund 314.800 Grundschüler (sechs bis zehn Jahre).    pm

Quelle/Grafik: KKH – Kaufmännische Krankenkasse
Quelle/Grafik: KKH – Kaufmännische Krankenkasse