
Nach stundenlangem Konsum von Italian Brainrot kommt es bei Kindern und Jugendlichen zur geistigen Erschöpfung, zum Abbau der Konzentration und zu einer verminderten Kontrolle der Aufmerksamkeit und einer mangelhaften Impulssteuerung. Foto: sementsova321/stock.adobe.com
Riskante Meme-Sprache „Italian Brainrot“: Wenn Sinn durch die Sucht nach Reizen ersetzt wird
Bizarre Krokodile oder Garnelen mit Katzenkopf: Seit etwa einem Jahr hält „Italian Brainrot“ („italienische Hirnfäule“) Kinder auf TikTok und anderen Social-Media-Plattformen wortwörtlich gefangen. Kurze, absurde Videos mit KI-generierten Fantasiefiguren, die seltsame pseudo-italienische Namen haben. Dazu meist Texte einer künstlichen Erzählerstimme. „Die Kids kommen oft kaum los von diesen Inhalten“, so Florian Buschmann, Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht.
Der Unsinn setzt sich im Gehirn fest und überfordert es
In immer mehr seiner Workshops an Schulen höre er von den Kindern Sätze wie „Das hat sich einfach in meinem Kopf festgesetzt“ oder „Ich habe das einmal gesehen – und es geht nicht mehr weg“, sagt Buschmann, Gründer der Initiative „OFFLINE HELDEN“. In seinen bisher über 1500 Veranstaltungen mit über 50.000 Teilnehmern ist Italian Brainrot häufig ein Thema. Auf den ersten Blick harmloser Nonsens, würde diese digitale Meme-Sprache gezielt die Aufmerksamkeit der Kinder von anderem abziehen.
Von Zufall oder dem bloßen Ausleben von Kreativität könne bei Italian Brainrot keine Rede sein, betont der Psychologe (B.A.). Dass die rhythmischen, manchmal gesungenen Wortfolgen keinen Sinn ergeben, sei Teil der Strategie. An die Stelle natürlicher Sprache tritt eine künstliche Klangkulisse. Ergebnis: Das Gehirn versucht, eine Bedeutung in dem Wirrwarr zu finden, scheitert dabei und bleibt genau deshalb bei den Animationen hängen. Buschmann: „Es will sozusagen nicht kapitulieren und ist eben auch fasziniert.“
KI-optimierter Reizcontent mit teils aggressiver Note
Bildgeneratoren, vorgefertigte Stimmen und Vorlagen für die Video-Produktion erlauben die Herstellung von Filmchen in wenigen Minuten. Einzelne Figuren werden wieder und wieder aufgegriffen, abgewandelt und neu kombiniert. So entstand eine Meme-Welt, die sich permanent selbst reproduziert und gleichzeitig wächst. Buschmann spricht von einem mit Hilfe von Algorithmen optimierten Reizcontent, der sich extrem leicht vervielfältigen lässt. „Vom Jugendjargon früherer Jahrzehnte ist das weit entfernt.“
Problematisch ist auch der Inhalt, obwohl der insgesamt keinen Sinn ergibt. Die Macher der Videos beziehungsweise die KI verwenden Sprachfetzen aus den unterschiedlichsten Quellen – auch auf Beleidigungen, Gewaltfantasien oder respektlosen Äußerungen zur Religion eines Menschen. Kinder und Jugendliche tragen das weiter, ohne zu wissen, was die einzelnen Wörter genau bedeuten. Dieses Nachplappern habe es zwar auch früher schon gegeben, weiß Buschmann, „nur passiert das heute viel verdichteter und aggressiver“.

Vier Erfolgsfaktoren
Warum aber wirkt Italian Brainrot geradezu magnetisch auf Kinder? Das lässt sich laut Buschmann psychologisch gut erklären. Er nennt vier Dinge:
- Durch Wiederholung und Rhythmus wirken die Videos wie Ohrwürmer.
- Die Tier-Objekt-Hybride wirkenzugleich fremd und vertraut. Das maximiert die Aufmerksamkeit.
- Der Mangel an Sinn zwingt das Gehirn, immer wieder hinzuschauen.
- Die rasche Abfolge an Videos sorgt für ständige Ausschüttung von Dopamin.
Das Gehirn liebe Neuheit und hasse Unklarheit, erläutert Buschmann. „Italian Brainrot kombiniert beides und das lässt den Nutzer dranbleiben.“ Nach stundenlangem Konsum kommt es zur
- geistigen Erschöpfung,
- Abbau der Konzentration,
- verminderten Kontrolle der Aufmerksamkeit und mangelhaften Impulssteuerung insbesondere bei jungen Menschen, deren Gehirn noch nicht ausgereift ist.
Klare Nutzungsregeln und Aufklärung statt einem Verbot
Also den Reizmüll einfach verbieten. Wie bei digitalen Medien allgemein würde ein Verbot das Problem nicht lösen, sondern die Inhalte sogar noch attraktiver machen, warnt Buschmann. Das geschehe vor allem dann, wenn Kinder nicht verstehen, warum sie von etwas die Finger lassen sollen. Nötig sei deshalb ein zweigleisiger Ansatz, nämlich klare Regeln für die Nutzung sowie konsequente Aufklärung.
In seinen Workshops erlebt der Experte, wie rasch sich etwas ändert, wenn man den Kindern die Mechanismen hinter Phänomen wie Italian Brainrot erklärt. Wissen nehme diesen den Großteil ihrer Macht. Eltern empfiehlt Buschmann: „Schauen Sie genau hin, fragen Sie nach, ordnen sie ein, statt reflexartig zu verbieten oder aber zu bagatellisieren.“
Info
Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei. pm