
Ein Placebo ist eine Scheinbehandlung, etwa mittels Tablette ohne pharmakologisch wirksamen Stoff. Wer damit Hoffnungen verbindet, kann eine positive Wirkung verspüren. Der Nocebo-Effekt ist die negative Kehrseite: Allein die Erwartung von Nebenwirkungen kann tatsächlich Beschwerden auslösen oder Therapien schwächen. Foto: kmls/stock.adobe.com
Placebo & Nocebo: Was der Placebo-Effekt wirklich kann und wo seine Grenzen liegen
Handystrahlung? Ungesund. WLAN? Gefährlich. Und der Mobilfunkstandard 5G? Teufelszeug. Für etliche Verschwörungstheoretiker ist das eine beängstigende Realität. Für das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zum Beispiel sind das grundlose Behauptungen, die bereits mehrfach wissenschaftlich widerlegt wurden. Doch warum glauben Menschen an „Elektrosensibilität“ und fühlen sich real krank? Es könnte am Nocebo-Effekt liegen, quasi dem Gegenteil des Placebo-Effekts. Beides hat übrigens nichts mit Esoterik zu tun, sondern beruht auf einem messbaren Zusammenspiel von Erwartung, Kontext und Hirnchemie.
Verschwörungstheorien machen krank
Angst vor den kleinen schwarzen Strichen der Barcodes auf den Verpackungen im Supermarkt? Millionen von Kassiererinnen ziehen täglich diese Barcodes tausendfach über einen Laser-Scanner – und es sieht nicht so aus, als würde sie das massenhaft krank machen. Dabei würde das Einscannen an der Kasse eine ungesunde Strahlung oder Energie aussenden und Gift im Körper freisetzten, wenn man Verschwörungstheoretikern Glauben schenken will. Die scheinen bereit zu sein, für einen Hildegard Orgon-Akkumulator, der in Aussehen, Größe und Materialqualität Ähnlichkeit mit einem hölzernen Tablett hat, über 1800 Euro auszugeben. Wenn sich die Menschen mit dieser irrationalen Strichcode-Phobie durch die simple, aber teure Holzablage sicher und gesünder fühlen, dann liegt das am Placebo-Effekt.
Weder Handystrahlung noch Barcodes sind für den Menschen gefährlich, nur die irreale Angst davor, kann die Psyche belasten und am Ende zu gesundheitlichen Problemen wie Kopfschmerzen oder innerer Unruhe und anderes mehr führen. Dabei kann man mit positiven Gedanken, mit dem Glauben an eine segensreiche Wirkung, an einen heilenden Effekt diverse Gesundheitsprobleme lindern oder sogar ganz verdrängen. Das hat nichts mit unbekannten Energien oder kosmischen Einflüssen zu tun, sondern mit den medizinisch erklärbaren Effekten von Placebos. Sie können Schmerzen lindern, Nebenwirkungen dämpfen – und in manchen Situationen die Wirkung echter Therapien verstärken. Ihr dunkles Gegenstück, der Nocebo-Effekt, macht dagegen krank, wenn negative Erwartungen den Körper in Alarm versetzen.
Placebo: Scheinbehandlung mit Wirkung
Unter einem Placebo versteht man eine Scheinbehandlung – etwa eine Tablette ohne pharmakologisch wirksamen Stoff oder eine Schein-Injektion. Der Placebo-Effekt beschreibt die messbaren, positiven Veränderungen, die allein durch Erwartung, Bedeutung und den Behandlungsrahmen entstehen: Das Gehirn aktiviert körpereigene Systeme wie Endorphine und dämpft Schmerzsignale bereits auf Rückenmarks- und Hirnebene. „Das Gehirn aktiviert die körpereigene Apotheke und zieht die Schmerzbremse an“, berichtet Neurologin Ulrike Bingel in einem Interview in der Onlineausgabe von „Der Spiegel“.
Nocebo: Der „böse Bruder“
Der Nocebo-Effekt ist die negative Kehrseite: Allein die Erwartung von Nebenwirkungen oder Verschlechterung kann tatsächlich Beschwerden auslösen oder Therapien schwächen – von Kopfschmerz und Übelkeit bis zu messbaren Veränderungen in Blutwerten und der Schmerzverarbeitung. „Egal wie sehr wir uns bemühen und wie gut die Medikamente sind – letztlich können negative Erwartungen und Emotionen den Therapieerfolg völlig sabotieren“, erklärt Ulrike Bingel im „Spiegel“-Interview.
Wie lässt sich das Placebo-Phänomen erklären?
Zwei Hauptpfade gelten als gut belegt:
- Erwartung – was wir glauben, moduliert die Verarbeitung von Schmerzen und Symptomen.
- Konditionierung – gelernte Verknüpfungen (zum Beispiel „Tablette = Linderung“) verstärken Effekte.
Neurobiologisch sind unter anderem endogene Opioide beteiligt (klassisch: Blockade durch Naloxon), außerdem Netzwerke mit rostralem anterioren cingulären Cortex (rACC) und limbischen Strukturen. Neuere Arbeiten zeigen, dass negative Erwartungen teils stärker und nachhaltiger wirken als positive.
Offene Placebos (Open-Label-Placebos, OLP) wirken in mehreren randomisierten Studien, obwohl Patienten wissen, dass sie ein Placebo erhalten – etwa bei Reizdarmsyndrom, chronischen Rückenschmerzen oder funktionellen Bauchschmerzen im Kindes- und Jugendalter. In einer viel zitierten Laborstudie verdoppelte positive Erwartung die Analgesie des starken Opioids Remifentanil – negative Erwartung hob die Wirkung nahezu auf.
2025 berichteten Forscher über Evidenz, dass Nocebo-Effekte stärker und länger anhalten können als Placebo-Effekte. In der Versorgung zeigt sich Nocebo auch im Alltag: Negative Berichterstattung oder Social-Media-Mythen können Nebenwirkungen anfeuern und Adhärenz mindern (Beispiel: Antikonzeptiva).
Wer nutzt den Placebo-Effekt?
Placebo- und Kontextfaktoren wirken immer – auch bei ‚echten‘ Behandlungen. Sinnvoll ist es, diese Effekte gezielt zu stärken: durch eine empathische Kommunikation des behandelnden, Placebos verschreibenden Arztes, durch klare Erklärungen, realistische positive Erwartungen, konsistente Rituale (zum Beispiel Einnahmezeiten) und gemeinsame Zielsetzung von Arzt und Patient.
In Bereichen mit subjektiven Symptomen wie Schmerzen, Übelkeit, Fatigue oder funktionellen Beschwerden ist der Zusatznutzen besonders greifbar. Ansätze mit Open-Label-Placebos können als risikoarme Ergänzung getestet werden, wenn es ethisch vertretbar und transparent geschieht.
Der Placebo-Effekt hat durchaus noch mehr Potenzial, das man gezielt nutzen könnte. Um den Nutzen zu optimieren, kann man verschiedene Wege gehen:
- Systematisch bessere Arzt-Patienten-Kommunikation (Curricula, Trainings).
- Einbindung von Erwartungsmanagement in Leitlinien (Checklisten, Formulierungsbeispiele).
- OLP-Protokolle als Add-on bei ausgewählten Indikationen mit hohen subjektiven Symptomlasten.
- Forschung zu individuellen Prädiktoren, Langzeiteffekten und zu digitalen Kontextfaktoren (zum Beispiel Nocebo durch Falschinformationen).
Medizinische Grenzen: Kein Ersatz, aber Ergänzung
Placeboeffekte heilen keine Infektionen, lassen Tumore nicht verschwinden und ersetzen keine wirksame Standardtherapie. Bakterien und Viren lassen sich bislang noch nicht durch positive Gedanken und Erwartungen auslöschen. Bei einer lebensgefährlichen Sepsis (Blutvergiftung) geht es nicht ohne Breitbandantibiotika. Und nach einer Krebsoperation ist eine Chemotherapie oft der einzige sichere Weg zu einer längeren Lebenserwartung.
Aber: Placebos sind zwar kein Ersatz, wohl aber eine Ergänzung. Wer an die Wirkung glaubt, kann in vielen Fällen einen positiven Effekt spüren.
Besonders wichtig ist es aber, das Gegenteil auszuschließen und Nocebo zu vermeiden. Etwa durch eine nüchterne, verständliche Aufklärung ohne Angstschüren, wie sie in der Social-Media-Welt mit ihren ungeprüft verbreiteten „Erlebnisberichten“ und „Geheiminformationen“ nur selten erfahrbar ist. Oder durch ausgewogene Informationen zu Nebenwirkungen, deren reale Bedrohung sich oft extrem minimiert, wenn man genauer hinschaut und sich vor Augen führt, wie selten es einen Patienten tatsächlich treffen kann. Und auch durch eine Sprache des behandelnden Arztes oder der begleitenden Personen, die Handlungsspielräume betont und positive, realistische Ziele setzt. tok