
2022 erkrankten in Deutschland 4388 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Ein weiteres Zurückdrängen von Gebärmutterhalskrebs und weiteren durch HPV verursachten Krebsarten wie Penis- und Analkarzinome sowie Kopf-Hals-Tumoren könnte durch eine deutliche Erhöhung der Impfrate erreicht werden. Foto: airborne77/stock.adobe.com
Niedrige Impfquote: Warum fast alle mit HPV infiziert werden und sich bei einigen Krebs daraus entwickelt
Zum „Tag der Krebsvorsorge“ machen die AOK Baden-Württemberg und der Krebsverband Baden-Württemberg auf aktuelle Auswertungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aufmerksam, die die positiven Effekte der HPV-Impfung zur Vermeidung von Gebärmutterhalskrebs bestätigen. Das Humane Papillomvirus (HPV) mit seinen über 200 Typen ist weltweit einer der verbreitetsten Erreger überhaupt. Schätzungen gehen davon aus, dass sich 80 bis 90 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit HPV anstecken. Die meisten merken davon nichts. Andere müssen mit Krebs rechnen.
„Wir rufen weiterhin dazu auf, die HPV-Impfquote bei Mädchen und Jungen zu steigern und weisen gleichzeitig auf die anhaltende Bedeutung der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen hin.“
Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg.
HPV-Impfungen sind effektiv – weniger belastende operative Eingriffe
Der zum Aktionstag veröffentlichte Früherkennungsmonitor 2025 des WIdO hat in diesem Jahr die Erkrankung Gebärmutterhalskrebs als Themenschwerpunkt. Die Auswertung des WIdO zeigt: Bei Frauen, die in ihrer Jugend gegen HPV geimpft wurden, muss eine Konisation fast nur halb so häufig durchgeführt werden wie bei Ungeimpften. Als Konisation bezeichnen Mediziner das chirurgische Entfernen von auffälligem Gewebe am Gebärmutterhals – vorrangig von Krebsvorstufen, die durch anhaltende HPV-Infektionen entstehen können. Grundlage für die Analyse bildeten die Daten von AOK-Versicherten der ersten drei Jahrgänge, die bei Einführung der Impfung im Jahr 2007 zwischen 13 und 15 Jahre alt waren und Ende 2024 ein Alter von 30 Jahren erreicht hatten.
Das Ergebnis ist eindeutig: Bis zum Alter von 30 Jahren wurden bei 10.000 geimpften AOK-Versicherten 100 Konisationen durchgeführt – bei Ungeimpften waren es 184 Eingriffe. „Die WIdO-Auswertung gibt eindrucksvolle Hinweise darauf, wie effektiv die HPV-Impfung im Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs ist“, so Bauernfeind. „Sie kann jungen Frauen einen belastenden Eingriff ersparen, der bei späteren Schwangerschaften das Risiko für Frühgeburten erhöht.“
Deutschland hinkt bei Impfquoten hinterher
Trotz der nachgewiesenen Wirksamkeit bleibt Deutschland bei den Impfquoten weit hinter den Möglichkeiten zurück. Den Daten des Robert Koch-Instituts zufolge sind bundesweit nur 54,6 Prozent der 15-jährigen Mädchen vollständig gegen HPV geimpft – bei den gleichaltrigen Jungen sind es lediglich 34 Prozent. Auch bei seit dem 10. Lebensjahr durchgängig bei der AOK versicherten 19-jährigen Frauen zeigt sich bundesweit eine unbefriedigende Situation: Nur knapp 60 Prozent haben mindestens zwei Impfdosen erhalten, 70 Prozent mindestens eine Dosis.
In Baden-Württemberg liegt die Quote der mindestens einmal geimpften 19-jährigen weiblichen AOK-Versicherten bei rund 65 Prozent, mindestens zweimal geimpft sind etwa 56 Prozent. Damit belegt das Land im bundesweiten Vergleich einen der hinteren Plätze: Während Mecklenburg-Vorpommern mit 85,41 Prozent (mindestens einmal geimpft) und 74,91 Prozent (mindestens zweimal geimpft) Spitzenreiter ist, liegt Baden-Württemberg knapp vor den Schlusslichtern wie unter anderem Hessen mit 53,85 Prozent bei der Einmalimpfung. „Die Auswertung zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, die Impfrate weiter zu steigern. Hier gibt es in Deutschland und ganz besonders hier im Land immer noch viel Luft nach oben“, betont Bauernfeind.
Mehr Verbindlichkeit und Aufklärung gefordert
„Wir brauchen eine höhere Verbindlichkeit für die Impfung bei sämtlichen U- und J-Untersuchungen“, fordert Ulrika Gebhardt, Geschäftsführerin des Krebsverbands Baden-Württemberg. „Auch Schulimpfungen, digitale Impferinnerungssysteme und mehr ärztliche Aufklärung können die Impfquote steigern. Letztere sollte vor allem auch für Jungen verstärkt stattfinden, denn bei diesen ist die Impfrate extrem niedrig.“ In anderen Ländern seien durch konsequente Impfprogramme sehr gute Ergebnisse erzielt worden.
„Wir brauchen eine Herdenimmunität, damit möglichst viel künftiges Leid vermieden werden kann“, so Gebhardt. Auch Jungen können sich mit HPV infizieren oder das Virus übertragen. Eine Infektion kann bei ihnen zu Krebs im Mund- und Rachenraum sowie zu Penis- und Analkrebs führen.
Übertragung bei Hautkontakt – Typisch dafür ist Geschlechtsverkehr
Der Übertragungsweg ist einfach: Überall dort, wo Haut auf Haut trifft, können Humane Papillomviren überspringen. HPV braucht also keinen Geschlechtsverkehr im klassischen Sinne. Laut Medizinern genügt oft schon intimer körperlicher Kontakt:
- Hautkontakt im Intimbereich
- Oral- oder Analverkehr
- Seltener: über gemeinsam genutzte Gegenstände wie Sexspielzeug
- Kondome schützen – aber nur bedingt. Denn sie decken nicht alle Hautflächen ab, über die HPV übertragen wird.
- Das Tückische: HPV macht sich nicht mit typischen Krankheitssymptomen bemerkbar. Wer das Virus trägt, merkt oft nichts und gibt es unbemerkt weiter.
Jeder kann sich anstecken. HPV betrifft Frauen, Männer und nichtbinäre Personen gleichermaßen. Infektionen sind nicht an ein bestimmtes Alter oder einen bestimmten Lebensstil gebunden.
Besonders häufig tritt HPV auf
- zwischen 15 und 30 Jahren, weil in dieser Phase viele Menschen neue sexuelle Kontakte haben
- bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem
- bei Personen, die rauchen (das Immunsystem im Halsbereich reagiert sensibler)
HPV ist kein einzelnes Virus, sondern eine große Familie: Mehr als 200 Typen sind bislang bekannt. Die meisten davon sind harmlos und verursachen höchstens kleine Haut- oder Feigwarzen. Einige wenige Typen jedoch gelten als sogenannte Hochrisiko-HPV. Sie können Zellveränderungen hervorrufen, die sich oft nach vielen Jahren zu Krebs entwickeln können. Der bekannteste Zusammenhang: Gebärmutterhalskrebs. Aber auch Anal-, Penis-, Vaginal- oder bestimmte Hals-Nasen-Ohren-Tumoren können durch HPV begünstigt werden.
Wichtig; HPV ist keine sofortige Krebsdiagnose, sondern zunächst einmal nur eine Infektion, die das Immunsystem in den allermeisten Fällen selbst besiegt.
Impfung ist eine der wirksamsten Krebspräventionsmaßnahmen überhaupt
Da die HPV-Impfung sehr wirksam vor einer Infektion schützt, solange noch kein Kontakt mit den Viren stattgefunden hat, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung daher für Mädchen und Jungen ab dem Alter von 9 Jahren bis zum Alter von 14 Jahren, Nachholimpfungen bis zum Alter von 17 Jahren. Diese Impfungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Die AOK Baden-Württemberg ermöglicht darüber hinaus Nachholimpfungen als Satzungsleistung auch für weibliche und männliche Versicherte nach Vollendung des 18. Lebensjahres und individueller Prüfung von Nutzen und Risiko durch den Arzt.
Früherkennung bleibt unverzichtbar
Der Früherkennungsmonitor des WIdO verdeutlicht zudem: Auch das flächendeckende Screening zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs, das in Westdeutschland im Jahr 1971 eingeführt wurde, ist wirksam. „Jahrelang war Gebärmutterhalskrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Durch eine gute Früherkennung liegt er heute nur noch auf Platz 12“, erklärt Johannes Bauernfeind.
Im Jahr 2022 erkrankten in Deutschland insgesamt 4.388 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Allerdings ist die Inzidenz seit 2010 kaum noch weiter gesunken. „Ein weiteres Zurückdrängen von Gebärmutterhalskrebs und weiteren durch HPV verursachten Krebsarten wie Penis- und Analkarzinome sowie Kopf-Hals-Tumoren können wir durch eine deutliche Erhöhung der Impfrate erreichen“, betont Ulrika Gebhardt. „Wir haben bei nur wenigen Krebsarten bisher die Chance, die Krankheitslast gegen null zu senken. Beim Gebärmutterhalskrebs gibt es sie, und wir sollten sie durch die Kombination aus Früherkennung und HPV-Impfung unbedingt nutzen.“
Baden-Württemberg bei Vorsorge überdurchschnittlich
Laut Früherkennungsmonitor des WIdO hat das Gebärmutterhalskrebs-Screening in Deutschland von allen Krebs-Früherkennungsuntersuchungen die höchste Inanspruchnahme. GKV-weit wurden circa 14,7 Millionen solcher Screening-Untersuchungen durchgeführt. Bei AOK-Versicherten zwischen 25 und 55 Jahren liegt die Teilnahmerate in einem Zeitraum von vier Jahren (2021 bis 2024) im Bundesdurchschnitt bei mehr als 80 Prozent. Baden-Württemberg erreicht mit einer altersstandardisierten Inanspruchnahmerate von 82,5 Prozent einen überdurchschnittlichen Wert und liegt bundesweit auf Platz drei hinter Sachsen und Thüringen.
Regional variiert die Teilnahmerate innerhalb Baden-Württembergs erheblich: Die höchste Inanspruchnahme verzeichnen die Landkreise Main-Tauber mit 85,8 Prozent, Emmendingen mit 85,2 Prozent und Tübingen mit 84,8 Prozent. Den niedrigsten Wert erreicht der Stadtkreis Sigmaringen mit 76,7 Prozent.
Teilnahme am Screening trotz Impfung wichtig
Nach Einbrüchen in den Pandemiejahren ist die Inanspruchnahme des Screenings zwar wieder gestiegen, sie liegt aber bundesweit immer noch um 1,9 Prozent unter dem Wert von 2019. „Weil die HPV-Impfung zwar gegen viele, aber nicht gegen alle Hochrisikostämme des Virus schützt, bleibt die Teilnahme an der Früherkennung auch für Geimpfte weiterhin wichtig“, unterstreicht Bauernfeind. Positiv hervorzuheben ist, dass die Teilnahmeraten an der Früherkennung bei ungeimpften und geimpften 25- bis 35-jährigen Frauen 2024 laut WIdO-Auswertungen annähernd gleich hoch waren.
„Das sind gute Nachrichten, weil die Kombination von HPV-Impfung – idealerweise vor dem ersten Geschlechtsverkehr – und regelmäßiger Vorsorge zusammen den besten Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs bieten.“
Ulrika Gebhardt, Geschäftsführerin des Krebsverbands Baden-Württemberg
Aktionstag mit umfangreichen Informationsangeboten
Der „Tag der Krebsvorsorge“ findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt. Er wurde 2022 von der AOK und der Deutschen Krebsgesellschaft ins Leben gerufen. Gemeinsam wollen die beteiligten Partner mit dem jährlichen Aktionstag am 28. November die Aufmerksamkeit für die Früherkennungs-Untersuchungen erhöhen. In diesem Jahr bietet die AOK umfassende Informationen zum Themenschwerpunkt „Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs“ und zur HPV-Impfung an. Auf der Website der AOK steht ein neuer Kalender-Reminder zum Download bereit, der Eltern an ausstehende HPV-Impfungen erinnert. Zudem gibt es eine aktualisierte Version des „Vorsorg-O-Mat“. Hier können sich Nutzerinnen und Nutzer nach Eingabe individueller Informationen wie Alter und Geschlecht über die anstehenden Früherkennungsuntersuchungen informieren. Beide Partner informieren rund um den „Tag der Krebsvorsorge“ am 28. November auf ihren Social-Media-Kanälen intensiv über das Thema und werben für die Teilnahme an den vorgesehenen Untersuchungen. pm/tok