
Deutschland hinkt bei der Tabakkontrolle und dem Nichtraucherschutz anderen Ländern der EU hinterher. Das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) fordern eine konsequente Tabakprävention – und das mit Blick auf die vielen Nikotinopfer möglichst schnell. Foto: Rumkugel/stock.adobe.com
Krebspräventionswoche: Gesundheitsexperten fordern mehr Dampf im Kampf gegen das Rauchen
Eigentlich ist doch alles bekannt. Dass Rauchen tödlich ist, steht sogar deutlich auf der Zigarettenpackung. Dazu gibt es ein unappetitliches Bild aus dem medizinischen Horrorkabinett. Dass Tabak und Krebs eineiige Zwillinge sind, weiß jeder. Und trotzdem hinkt Deutschland bei der Tabakkontrolle und dem Nichtraucherschutz hinterher. Der Preis für eine Packung Zigaretten ist vergleichsweise günstig, der Tabaksteuersatz ist der zweitniedrigste in der EU. Gesetzliche Regelungen zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens an öffentlichen Orten? Da liegt Deutschland am Ende der EU-Skala. Krebs-Organisationen pochen auf ein schnelles, striktes Gegensteuern.
Rauchen ist der wichtigste vermeidbare Krebsrisikofaktor
Zum Start der Nationalen Krebspräventionswoche 2025 mit dem Schwerpunktthema „Fakten gegen Dampf und Rauch“ fordern das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) eine konsequente Tabakprävention. Allein 2023 starben in Deutschland rund 131.000 Menschen an den gesundheitlichen Folgen des Rauchens. Daten aus dem Tabakatlas 2025 zeigen, dass Krebserkrankungen mit 42 Prozent den größten Anteil an tabakbedingten Todesfällen ausmachen.
Fast jede fünfte Krebsdiagnose in Deutschland ist durch das Rauchen bedingt. Rauchen ist damit der wichtigste vermeidbare Krebsrisikofaktor. Es verursacht neben Lungenkrebs mindestens weitere 16 Krebsarten, wie etwa Tumoren im Mund, Rachen und Kehlkopf, Darm-, Magen- sowie Speiseröhrenkrebs. Darüber hinaus haben Rauchende ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein doppelt so hohes Risiko für Schlaganfälle.
Das Potenzial der Krebsprävention konsequent umsetzen
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken macht zum Start der Nationalen Krebspräventionswoche auf das Potenzial der Krebsprävention aufmerksam. „Ein gesunder Lebensstil, Prävention und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig. Deshalb lautet mein Appell: Leben Sie bewusst und nutzen Sie die Check-Ups! Damit kann rund die Hälfte aller Krebstodesfälle verhindert werden. Eine Hauptursache für Lungenkrebs ist das Rauchen, das auch andere Krebsarten begünstigen kann. Gleichzeitig ist es das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland. Wer nicht raucht oder mit dem Rauchen aufhört, ergreift bereits die wichtigste Vorbeugungsmaßnahme gegen die Entstehung von Lungenkrebs“, sagt Warken.
So weit, so richtig, aber: Um das Nichtrauchen zur einfachen Wahl zu machen, muss die Bundesregierung Maßnahmen der Tabakkontrolle konsequent umsetzen, fordern die Initiatoren der Nationalen Krebspräventionswoche. Und da gilt es offenbar noch viele dicke Bretter zu bohren.
Tabaksteuer erhöhen
Auch wenn die Gesundheitsgefahren vielen bekannt sind, raucht in Deutschland mehr als jede vierte erwachsene Person. Bei Kindern und Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren sind es sieben Prozent. „Die wirksamste Maßnahme, um Jugendliche vom Rauchen abzuhalten und Raucher zum Rauchstopp zu motivieren, sind regelmäßige und deutliche Erhöhungen der Tabaksteuer“, sagt dazu DKFZ-Vorstand Prof. Dr. med. Dr. h.c. Michael Baumann. So bewirkt in Industrieländern eine Steuererhöhung von 10 Prozent einen Rückgang des Tabakkonsums um 4 Prozent.
Die WHO-Empfehlung: Die Tabaksteuer soll einen Gesamtsteueranteil von 75 Prozent des Verkaufspreises einer Schachtel Zigaretten betragen. Diesen Wert erreichen in Europa nur Finnland und Estland mit knapp über 70 Prozent. Deutschland liegt mit 48,5 Prozent am Ende der Länderliste. Nur Schweden hat noch einen etwas geringeren Tabaksteuersatz.
Keine indirekte Werbung zulassen
Besonders beliebt sind bei jungen Menschen E-Zigaretten – auch aufgrund des bunten Designs und der Geschmacksstoffe. Während etwa zwei Prozent der Erwachsenen E-Zigaretten verwenden, liegt der Anteil bei den 12- bis 17-Jährigen bei acht Prozent. Der Dampf enthält Stoffe, die als krebserregend gelten. Zudem enthalten einige Produkte einen hohen Anteil des Suchtstoffs Nikotin.
„Durch die E-Zigarette entsteht gerade eine neue Generation Nikotinabhängiger – mit gesundheitlichen Folgen, die wir heute nicht absehen können. Ein Grund für die Beliebtheit der Produkte: Trotz geltendem Werbeverbot werden sie in den sozialen Medien und in Musikvideos angepriesen und als harmlose Lifestyle-Produkte dargestellt. Wir fordern deshalb die konsequente Umsetzung von Werbeverboten insbesondere in den sozialen Medien“, fordert Dr. Franz Kohlhuber, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe.
Kinder und Schwangere vor Passivrauch schützen
Rauchende schaden nicht nur ihrer eigenen Gesundheit, sondern auch der ihrer Mitmenschen. Passivrauchende haben ein gesteigertes Risiko für Lungenkrebs, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen. Für Kleinkinder ist Passivrauchen aufgrund der höheren Atemfrequenz besonders gefährlich. 7 Prozent der nichtrauchenden Erwachsenen sind regelmäßig Tabakrauch in geschlossenen Räumen ausgesetzt. Bei nichtrauchenden Kindern und Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren sind es sogar 16 Prozent.
„Im Gegensatz zu Rauchenden können sich Passivrauchende nicht frei entscheiden, ob sie sich den gesundheitlichen Gefahren aussetzen. Gerade Kinder und Schwangere sind eine besonders schützenswerte Gruppe. Daher fordern wir einen verstärkten Nichtraucherschutz in Autos und an Orten, wo sich verstärkt Kinder aufhalten, etwa an Spielplätzen, um Kitas und Schulen“, so Dr. Johannes Bruns, DKG-Generalsekretär. „Dies sollte im Übrigen auch für E-Zigaretten gelten, deren Dampf zahlreiche Schadstoffe enthält.“ Bislang sind die meisten EU-Länder in Sachen Passivraucher-Schutz viel weiter als Deutschland.
So giftig sind Tabakrauch und Aerosole
Tabakrauch von Zigaretten, Zigarren & Co. ist giftig. Er ist ein Gemisch aus über 7000 Substanzen, darunter rund 250 gesundheitsschädliche Stoffe von denen über 90 krebserzeugend oder möglicherweise krebserzeugend sind, wie beispielsweise Cadmium, Blei und Formaldehyd. Es gibt keinen Grenzwert für Tabakrauch, unterhalb dessen er keine Gefährdung für die Gesundheit darstellt. Die Substanzen im Tabakrauch können sich in ihrer Schadwirkung gegenseitig verstärken.
Im Aerosol von E-Zigaretten wurden bislang über 280 verschiedene Substanzen identifiziert, darunter über 100, die krebserzeugend, erbgutverändernd, die Fortpflanzung schädigend oder giftig sind oder das körpereigene Hormonsystem stören (endokrine Disruptoren). Die Substanzen können miteinander reagieren und weitere Substanzen bilden. Die Menge an gesundheitsschädlichen Substanzen im E-Zigaretten-Aerosol ist wesentlich geringer als in Tabakrauch.
Der Tabak in Tabaksticks ist stark komprimiert und verarbeitet, um die Aerosolbildung zu fördern. Charakteristische Aromen, zum Beispiel Fruchtaromen, dürfen den tabakhaltigen Sticks in Europa seit 2023 nicht mehr zugesetzt werden. Es gibt auch tabakfreie, nikotinhaltige Sticks. Sie basieren auf pflanzlichen Inhaltsstoffen, zum Beispiel Rooibos, die mit Nikotin und Aromen angereichert sind. Das Aerosol von Tabakerhitzern enthält ähnlich viel Nikotin wie der Rauch von Zigaretten. Daher ist von einem ähnlichen Abhängigkeitspotenzial auszugehen.
Einige der schädlichen Substanzen aus dem Tabak sind im Wasserpfeifenrauch in größerer Menge enthalten als in Zigarettenrauch. Außerdem wird pro Zug ein deutlich größeres Rauchvolumen inhaliert und eine Wasserpfeifensitzung setzt Rauchende einer deutlich größeren Schadstoffmenge aus als das Rauchen einer Zigarette. Schadstoffe des Wasserpfeifenrauchs in der Raumluft gefährden auch anwesende Nichtrauchende. Der hohe Kohlenmonoxidgehalt des Wasserpfeifenrauchs kann bei Rauchenden und im Raum anwesenden Nichtrauchenden zu akuten, lebensbedrohlichen Vergiftungen führen. Keine Variante des Wasserpfeifenkonsums ist harmlos.
Kampagne: „Fakten gegen Dampf und Rauch“
Anlässlich der Nationalen Krebspräventionswoche 2025 vom 1. bis 7. September informieren die drei Organisationen DKFZ, Krebshilfe und DKG mit der Kampagne „Fakten gegen Dampf und Rauch“ über Gesundheitsgefahren des Konsums von Tabakprodukten sowie alternativer Nikotinabgabesysteme. Die Zahlen und Fakten stammen aus dem neu erschienen Tabakatlas 2025 und aus Interviews mit Expertinnen und Experten, die als Podcasts auf der Website zur Nationalen Krebspräventionswoche bereitgestellt sind. Nachzulesen und zu hören sind die Interviews auf www.krebspraeventionswoche.de.
Unter dem Hashtag #FaktenUnvernebelt sind die Informationen zudem auf Instagram, Facebook, X oder LinkedIn zu finden.
Pünktlich zur Krebspräventionswoche 2025 erscheint die Neuauflage des vom DKFZ erstellten und von der Deutschen Krebshilfe finanziell geförderten Tabakatlas Deutschland 2025. Der Atlas fasst aktuelle Daten zum Tabakkonsum und seinen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen in einem umfassenden übersichtlichen Grundlagenwerk zusammen und zeigt auf, welche gesundheitspolitischen Maßnahmen dazu beitragen können, den Tabakkonsum in der Gesellschaft zu verringern. Hier können Sie den Tabakatlas 2025 herunterladen. pm/tok
Weniger Raucher in Baden-Württemberg
Mehr als jede vierte erwachsene Person in Deutschland raucht. In allen Altersgruppen ist der Anteil Rauchender bei Männern größer als bei Frauen. Unter jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 29 Jahren gibt es die meisten rauchenden Personen: Über 40 Prozent der Männer und rund 30 Prozent der Frauen rauchen in dieser Altersgruppe. Mit zunehmendem Alter sinken die Anteile von Rauchenden.
Im Norden und Osten Deutschlands rauchen tendenziell mehr Menschen als im Süden und Westen: Die Anteile Rauchender sind in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Berlin, Sachsen und Thüringen größer als in Bayern, Baden-Württemberg, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. Diese regionalen Unterschiede im Rauchverhalten bestehen sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
Das Rauchverhalten ist stark sozial geprägt
Am weitesten ist Rauchen in sozial benachteiligten Gruppen verbreitet. Neben der beruflichen Stellung und der Einkommenssituation ist das Bildungsniveau ein wichtiger sozioökonomischer Faktor für Unterschiede im Rauchverhalten Erwachsener. Mit steigender Bildung sinken die Anteile rauchender Männer und Frauen in allen Altersgruppen.
Je höher der Schulabschluss, desto niedriger ist der Anteil der Rauchenden. 2023 war der Anteil Rauchender bei 18- bis 25-Jährigen unter Personen ohne Schulabschluss mehr als doppelt so hoch wie unter Personen mit Abitur. Das Lebensumfeld von Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status ist offenbar stärker durch Marketingmaßnahmen der Tabakindustrie geprägt.