Nach dem Sport ausruhen und beim Warten auf die Massage eine süße Limonade trinken? Keine gute Idee, denn der Zucker im Softdrink regelt den Sympathikus nicht herunter. Der Körper bleibt so trotz möglichem Entspannungsgefühl in einem höheren Erregungszustand. Foto: Microgen/stock.adobe.com

Kein Softdrink vor Massage oder Ausruhen: Zucker wirkt Entspannung entgegen

Zucker kann schnell Energie liefern. Aber wie wirkt sich der süße, von vielen begehrte Stoff auf Entspannungsübungen aus? Eine neue Studie von Forschenden der Universität Konstanz bringt aufschlussreiche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem Blutzucker und dem autonomen Nervensystem. Pech für Naschkatzen und Softdrinkfans: Die Einnahme von Zucker wirkt nach den jüngsten Untersuchungen der Entspannung entgegen.

Zucker und der Stress

Der Traubenzucker vor der Klassenarbeit, das Stück Schokolade vor einer wichtigen Verhandlung, der Müsliriegel vor dem Marathon – manche schwören auf eine positive Wirkung. Dass Zucker ein wichtiger Faktor in der Bewältigung von Stresssituationen ist, gilt mittlerweile als gut erforscht. Bei Zufuhr von Zucker reagiert der Körper stärker auf Stress, indem er mehr Cortisol ausschüttet und auch die Herzrate länger erhöht bleibt. In akuten Gefahrensituationen steht so mehr Energie zur Verfügung.

Die negativen langfristigen Folgen davon sind ebenfalls gut bekannt: ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Mit vollem Magen relaxen?

Bislang weniger erforscht war, wie sich die Einnahme von Zucker auf Entspannung auswirkt. Dem gingen die Forscher aus der Arbeitsgruppe von Jens Pruessner, Professor für Neuropsychologie an der Universität Konstanz, in einer Studie nach, die das International Journal of Psychophysiology nun veröffentlicht. „Entspannungsübungen wirken nicht so gut bei vollem Magen“, fasst Pruessner die Studienergebnisse zusammen.

Die Konstanzer Arbeitsgruppe will verstehen, wie die körperlichen Energiesysteme an Entspannung beteiligt sind und wie sich einzelne stoffwechselbezogene Faktoren darauf auswirken – zum Beispiel der Blutzuckerspiegel. Das autonome Nervensystem, zu dem Sympathikus und Parasympathikus gehören, steuert verschiedene Prozesse in unserem Organismus, wie etwa die Herzfrequenz oder die Atmung. „Unser Herz hat einen internen Taktgeber, der bestimmt, wie schnell es schlägt. Dabei wirkt der Sympathikus in Stressmomenten stimulierend und aktivierend, während der Parasympathikus als sogenannte vagale Bremse den Herzschlag verlangsamt“, erklärt Maria Meier, Erstautorin der Studie und Postdoc in der Arbeitsgruppe von Jens Pruessner.

Süße Entspannung?

An der Studie nahmen 94 gesunde Erwachsene teil. Nüchtern im Labor angekommen trank ein Teil von ihnen ein zuckerhaltiges Getränk, ein anderer Teil Wasser. Die eine Hälfte bekam anschließend eine entspannende Massage, während sich die andere Hälfte ohne direkte Intervention ausruhte. Dabei wurde fortwährend die Herzaktivität gemessen. Später berechneten die Autoren die Herzratenvariabilität, ein Maß für die Aktivität des Parasympathikus. Außerdem ermittelten sie rechnerisch die sogenannte Präejektionsperiode, die als Maß für die Aktivität des Sympathikus gilt.

Welche Wirkung von Zucker ließ sich bei dem Versuch feststellen? Sämtliche Probanden gaben an, dass sie die Massage beziehungsweise die Ruhephase als entspannend empfunden hatten. Dies bestätigte auch die Messung der Herzaktivität: Die Entspannungstechniken aktivierten den Parasympathikus, ob nun zuvor Zucker eingenommen worden war oder nicht. Für tiefere Erholung sorgte dabei die Massage im Vergleich zum bloßen Ausruhen, was die Forscher bereits in früheren Studien gezeigt hatten.

Gleichzeitig aktivierte sich nach Zuckereinnahme der Sympathikus. „Das bedeutet: Obwohl sich die Probanden subjektiv entspannt fühlten, fuhr der Sympathikus nicht herunter, sondern hielt den Körper in einem höheren Erregungszustand. Wir schließen daher aus unseren Testergebnissen, dass Zucker die Entspannungsfähigkeit des Körpers beeinträchtigt“, sagt Neuropsychologin Meier.

Forschende der Universität Konstanz fanden heraus, wie in süßen Getränken enthaltene Glukose die Reaktion des Herzens auf Entspannung beeinflusst. Die Einnahme von Zucker beeinflusst die subjektive und parasympathische Reaktion auf Entspannungsinterventionen nicht, aber bei höherem Blutzuckerspiegel blieb der Sympathikus während der Entspannung auf ähnlichem Niveau wie zuvor aktiv. Copyright/Illustration: Sophie G. Elschner

Forscher raten: Vor der Entspannung nichts Süßes naschen

Also keine Limo, kein Eis vor der Massage? „Etwas Süßes zu naschen wird ja häufig mit entspannenden Situationen in Verbindung gebracht – ein Schokoriegel oder ein Eis zum Kinofilm, ein Stück Torte am Wochenende in gemütlicher Familienrunde. Tatsächlich scheint aber die Fähigkeit, sich zu entspannen, durch die konstante Sympathikusaktivierung nach Zuckergabe eingeschränkt – wenn also bewusst entspannt werden soll, z.B. durch eine Meditationsübung oder progressive Muskelrelaxation, sollte auf die Einnahme eines explizit zuckerhaltigen Nahrungsmittels vorher verzichtet werden“, erklärt Pruessner.

Für die Forschung ergibt sich eine weitere Schlussfolgerung aus der Studie: „Um valide Aussagen treffen zu können, dürfen wir nicht nur ein System – also das sympathische oder das parasympathische – isoliert betrachten, weil man sonst Effekte übersieht“, betont Meier. „Hätten wir nur den Parasympathikus untersucht, wäre uns der wichtige Effekt auf den Sympathikus verborgen geblieben.“

Info

Originalstudie: „The effect of glucose on cardiac reactivity to a standardized massage in healthy adults“ ist erschienen als Open Access Artikel im International Journal of Psychophysiology, DOI: 10.1016/j.ijpsycho.2026.113367
An der Studie beteiligt waren: Psychologin Maria Meier, Erstautorin der Studie und Postdoc in der AG Neuropsychologie an der Universität Konstanz; Jens C. Pruessner, Professor für Neuropsychologie an der Universität Konstanz; Stephanie J. Ashcraft, Universität Konstanz und University of Montana; Eva Unternaehrer, Universität Basel. Weitere Forscherinnen der AG von Jens Pruessner an der Universität Konstanz: Bernadette F. Denk, Raphaela J. Gaertner, Elea S. C. Klink, Stella Wienhold und Nina Volkmer.