
43 Prozent der Über-65-Jährigen in Deutschland müssen langfristig oder dauerhaft mindestens fünf Medikamente einnehmen. So ein Medikamentenmix kann dazu führen, dass sich Wirkstoffe gegenseitig in der Heilwirkung beeinträchtigen oder gefährliche Nebenwirkungen entstehen. Foto: Beaunitta Van Wyk/peopleimages.com/stock.adobe.com
Hilfe vom Apotheker: Im Alter wirken Medikamente anders und Nebenwirkungen nehmen zu
Laut Bundesgesundheitsministerium waren im Juli 2024 über 20 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland 65 Jahre alt oder älter. Was viele nicht wissen: Medikamente wirken im Alter anders als bei durchschnittlichen Erwachsenen und können neue Beschwerden oder Nebenwirkungen hervorrufen. Hinzu kommt, dass Ältere oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben, die medikamentös behandelt werden.
Dr. Christian Ude, Präsident der Landesapothekerkammer Hessen, empfiehlt: „Vor allem ältere Patienten, die verschiedene Arzneimittel einnehmen, sollten ihre Medikation regelmäßig in der öffentlichen Apotheke oder Arztpraxis überprüfen und bei Bedarf anpassen lassen.“ So kann die Arzneimitteltherapie besonders sicher gestaltet werden. Viele Apotheken bieten darüber hinaus besondere Medikationsberatungen an, durch die Patienten regelmäßig Anspruch auf eine spezielle Analyse ihrer Medikamente sowie ein individuelles Beratungsgespräch haben.
Jeder siebte Deutsche nimmt regelmäßig mindestens fünf Medikamente
Jeder siebte Deutsche muss langfristig oder dauerhaft mindestens fünf Medikamente einnehmen. Bei den Über-65-Jährigen sind es sogar 43 Prozent. Das heißt, mindestens fünf Mal den Beipackzettel studieren, um dann als Laie bei Wechselwirkungen, Unverträglichkeiten oder Doppelverordnungen zu kapitulieren. Manchmal führt der Medikamentenmix (Polymedikation) dazu, dass sich bestimmte Wirkstoffe gegenseitig so beeinträchtigen, dass sich die gewünschte Heilwirkung nicht einstellt. Dies kann zu einer Einschränkung der Lebensqualität oder sogar zu einer akuten gesundheitlichen Krise führen.
„Die Krankenkassen haben verstanden, dass viele Komplikationen und sogar Krankenhausaufenthalte durch eine fundierte Analyse vermieden werden können. Deshalb hat jeder Versicherte, der fünf und mehr Medikamente dauerhaft einnimmt, Anspruch auf eine solche Polymedikationsberatung in der Apotheke“, sagt der Pforzheimer Apotheker Dr. Holger Isensee von der Pregizer Apotheke.
Nebenwirkungen nehmen zu
Zahlreiche Medikamente können bei älteren Menschen häufiger oder andere Nebenwirkungen auslösen als in jungen Jahren. Die Wirkstoffe werden zum Beispiel langsamer oder schneller aufgenommen oder ausgeschieden. Dadurch wirken sie unter Umständen länger oder stärker. In anderen Fällen ist eine abgeschwächte Wirkung möglich. Auch Nieren und Leber arbeiten anders und der Wassergehalt, die Muskelmasse, der Fettanteil sowie einzelne Blutbestandteile des Körpers verändern sich altersbedingt.
Darüber hinaus können Nebenwirkungen in manchen Fällen weitreichendere Folgen haben. So kann Schwindel schneller zu einem Sturz führen und bei altersbedingter Osteoporose mit einem Knochenbruch enden. Zudem leiden ältere Patienten oft an mehreren Krankheiten wie hohem Blutdruck, Diabetes, erhöhten Blutfettwerten, Gicht, Herzerkrankungen oder rheumatischen Beschwerden zugleich. Je mehr Medikamente sie einnehmen, desto höher ist das Risiko für Neben- und Wechselwirkungen.
Medikation nie eigenmächtig ändern
Die Arzneimittel, die für ältere Patienten ungeeignet sein können, stammen aus verschiedenen Medikamentenklassen wie Schmerzmittel, Antibiotika oder Beruhigungsmittel. Sogar wenn Patienten ein Medikament bereits seit 20 Jahren einnehmen, kann es sein, dass sie dieses nicht mehr so gut vertragen oder dass sich seine gewohnte Wirkung nicht mehr stark genug entfaltet. Wird der Wirkstoff hingegen mittlerweile zu langsam ausgeschieden, kann die bisherige Einnahme von drei Tabletten am Tag eine Überdosierung bedeuten, sodass eine Anpassung der Dosis nötig ist.
Im Einzelfall kann es sogar sinnvoll sein, ein Arzneimittel ganz abzusetzen, wenn die Nebenwirkungen zu stark sind. Wichtig ist, dass diese Schritte nie eigenmächtig erfolgen dürfen. Betroffene sollten zuvor immer ein Gespräch mit dem Apotheker oder behandelnden Arzt führen.
Potenziell nicht geeignete Medikamente
Wer ernsthafte Nebenwirkungen oder unerwartete Wechselwirkungen so gut wie möglich vermeiden möchte, sollte vor Ort eine Stammapotheke auswählen und sich in die Kundenkartei eintragen lassen. Dann kann das Apothekenteam alle verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Medikamente, die der Patient einnimmt, erfassen und die Medikation prüfen. Erhalten Patienten ein neues Arzneimittel, kann es sinnvoll sein, die Dosierung unter Anleitung des Apothekers oder Arztes erst niedrig anzusetzen und dann langsam zu steigern, bis die gewünschte Wirkung erreicht ist. So können Überdosierungen vermieden und ein sanfter Therapieeinstieg erzielt werden.
Eine wertvolle Unterstützung für Pharmazeuten ist die sogenannte Priscus-2.0-Liste, die mehr als 150 Wirkstoffe umfasst, die für ältere Menschen potenziell ungeeignet sind. Die Einordnung ist anwendungsspezifisch, berücksichtigt also beispielsweise die Therapiedauer oder Dosis bestimmter Medikamente. Es handelt sich jedoch nicht um eine generelle Ausschlussliste. Je nach patientenindividueller Beurteilung durch den behandelnden Arzt kann ein aufgeführtes Medikament dennoch sinnvoll und wichtig sein.
Pharmazeutische Dienstleistungen: besondere Medikationsberatungen
Zahlreiche öffentliche Apotheken bieten sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen an. Dies sind besondere Beratungen, um die Arzneimitteltherapie bei bestimmten Erkrankungen regelmäßig zu kontrollieren, zu verbessern und offene Fragen zu beantworten. So haben zum Beispiel Patienten, denen fünf oder mehr Medikamente verordnet wurden, alle zwölf Monate Anspruch auf eine erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation. „Man muss sich vor Augen führen, dass sich ein Laie schwertut, die Gewichtung von Nebenwirkungen im Beipackzettel vorzunehmen. Bei Wechselwirkungen ist ein Patient eigentlich chancenlos. Da braucht es schon den Apotheker als Arzneimittelfachmann, um eine aussagekräftige Aussage bezüglich der Verträglichkeit zu treffen. Eine Analyse der Medikation stellt nach meiner Erfahrung für die Patienten in vielerlei Hinsicht eine große Hilfe dar“, sagt der Pforzheimer Apotheker Dr. Holger Isensee von der Pregizer Apotheke.
Bei der Polymedikationsberatung prüft der Apotheker das Zusammenwirken aller verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Arzneimittel sowie Nahrungsergänzungsmittel, informiert in einem vertraulichen Gespräch über individuelle Besonderheiten und erstellt einen optimierten Medikationsplan. Weitere pharmazeutische Dienstleistungen werden bei Bluthochdruck, der Einnahme von Krebsmedikamenten, der Anwendung von Medikamenten zum Inhalieren sowie nach einer Organtransplantation angeboten. Diese Services sind für die Betroffenen kostenlos. Wann und wie oft ein Anspruch besteht, hängt von der jeweiligen pharmazeutischen Dienstleistung ab. pm/tok