
Gravierende psychotherapeutische Versorgungsdefizite bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland: 32,5 Wochen vergehen zwischen der ersten Anfrage und dem Beginn einer Psychotherapie. Foto: Photographee.eu/stock.adobe.com
Erschreckend: 32,5 Wochen Wartezeit auf Psychotherapie für Kinder und Jugendliche
Wenn Kinder und Jugendliche mit akuten Problemen psychologische Betreuung benötigen, ist eigentlich Eile angesagt. In einem Alter, in dem noch vieles zum Guten gewendet und Schlechtes sich verfestigen kann, sollten die jungen Menschen schnell Anlaufstationen und schnell die passende Therapie finden. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention und der Diskussionsforum Depression e.V. schauen jedoch mit großer Sorge auf die lange Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz bei Kindern und Jugendlichen. Und die Sorge lässt sich auch in einer wenig hoffnungsvoll stimmenden Zahl ausdrücken.
Aktuelle Ergebnisse des BiPsy-Versorgungsmonitors 2026 zeigen gravierende psychotherapeutische Versorgungsdefizite bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die berichteten durchschnittlichen Wartezeiten sind gegenüber 2025 erneut gestiegen: 32,5 Wochen vergehen zwischen der ersten Anfrage und dem Beginn einer Psychotherapie. Das ist nicht akzeptabel.


Mehr Hilfebedarf, weniger Versorgung
Die Hälfte der psychischen Erkrankungen beginnt vor dem 18. Lebensjahr (Solmi et al., 2021). Ohne frühzeitige Behandlung steigt das Risiko schwerer und chronifizierter Verläufe. Dies kann Studien zufolge Auswirkungen auf die weitere Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben und beispielsweise
- den Schulerfolg gefährden,
- die Wahrscheinlichkeit für spätere Arbeitslosigkeit und Suchterkrankungen erhöhen,
- Familien und Beziehungen beeinträchtigen (Clayborne et al., 2019).
Vergleichbare Engpässe bestehen auch in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung. Fachgesellschaften (zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 2023) sprechen seit Jahren von einer krisenhaften Entwicklung mit
- steigender Nachfrage,
- Fachkräftemangel
- begrenzten Behandlungskapazitäten.
Gesundheitssystem muss schneller und mehr Hilfe ermöglichen
Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention und der Diskussionsforum Depression e.V. betonen: Psychische Erkrankungen sind mit großem Leid für die Betroffenen und ihr Umfeld sowie Folgen für die gesamte Gesellschaft verbunden und dürfen nicht länger als nachrangiges Thema behandelt werden. Die UN-Kinderrechtskonvention garantiert in Artikel 24 das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit – dies schließt die mentale Verfassung ausdrücklich mit ein.
Psychisch gesund aufzuwachsen ist eine zentrale Voraussetzung für Bildungserfolg, gesellschaftliche Teilhabe und Gesundheit über die gesamte Lebensspanne hinweg. Ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem muss diesem Umstand endlich Rechnung tragen und jungen Menschen einen niedrigschwelligen und schnellen Zugang zu professioneller Hilfe ermöglichen.


Hier wird Eltern geholfen
Wenn Sie sich Sorgen um ihr Kind machen, wenden Sie sich zunächst an die behandelnden Kinder- und Jugendärzte. Zur Überbrückung von Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz können Familien- und Erziehungsberatungsstellen helfen. Kinder- und Jugendliche können telefonische oder Online-Beratungsangebote wie zum Beispiel die Nummer gegen Kummer (Telefon 116111), Jugendnotmail oder U25 nutzen. In akuten Krisenfällen sollte die nächstgelegene kinder- und jugendpsychiatrische Klinik kontaktiert werden.
Unter www.fideo.de bietet der Diskussionsforum Depression e.V. für Jugendliche Informationen und die Möglichkeit zum fachlich moderierten Austausch mit anderen jungen Menschen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hält speziell für junge Menschen verschiedene Informationsangebote, Videos und E-Learnings auf www.deutsche-depressionshilfe.de/allesgut bereit. pm/tok

