Lange galt der Darm vor allem als Verdauungsorgan. Heute weiß man: Er ist zugleich ein hochaktives Nerven- und Immunorgan, das über eine Verbindung zum Gehirn maßgeblich Einfluss auf Stimmung, Denken und Verhalten nehmen kann. Symbolbild: Kurtz – KI-generiert

Mikrobiom und Darm-Gehirn-Achse: Was hinter dem Hype um die Darmflora steckt

In unserem Darm spielt sich weit mehr ab als nur die Verdauung von Nahrung. Die Forschung hat gezeigt, wie wichtig das Zusammenspiel der Bakterien im Darm auch für unser Immunsystem und sogar für unser emotionales Gleichgewicht ist. Um die richtigen Gesundheitstipps für ein ausgewogenes Mikrobiom hat sich ein wahrer Hype entwickelt. Was stimmt und was ist übertrieben?

Im Dick- und Dünndarm eines gesunden Menschen existieren bis zu 100 Billionen Bakterien. Ihre Zusammensetzung macht das Mikrobiom, auch Darmflora genannt, aus. „Die Job Description des Mikrobioms ist sehr umfangreich“, sagt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin bei der BARMER, und zählt auf, was das Mikrobiom eines gesunden Menschen alles leisten soll: 

  • den Verdauungsprozess unterstützen und Schadstoffe abbauen,
  • die Darmschleimhaut stärken, um so Krankheitserreger unschädlich zu machen, 
  • sowie entzündungshemmende Stoffe, Vitamine und Botenstoffe bilden, um so das Immunsystem zu regulieren.

Das Mikrobiom als Mitspieler

Diese Gemeinschaft an Mikroorganismen ist individuell so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Gerät sie aus dem Gleichgewicht (etwa durch Antibiotika, Stress oder einseitige Ernährung), kann das Auswirkungen haben auf

  • Stimmung,
  • Stressverarbeitung,
  • Angstempfinden,
  • Konzentration,
  • Schlaf.

Studien zeigen beispielsweise, dass Menschen mit Depressionen oder Angststörungen häufig eine veränderte Zusammensetzung des Darmmikrobioms aufweisen. Ob diese Veränderungen Ursache oder Folge sind, wird intensiv erforscht – wahrscheinlich spielen beide Richtungen eine Rolle.

Darmbakterien bestimmten mit, was im Gehirn passiert

Neueste Forschungsergebnisse weisen außerdem darauf hin, dass im Darm auch mitentschieden wird, in welcher Stimmung wir sind. „Wenn der Volksmund vom Bauchgefühl spricht, steckt da viel Wahrheit drin, denn Darm und Gehirn stehen in ständigem Kontakt zueinander und beeinflussen sich gegenseitig“, erklärt Marschall. 

Zum einen sind Gehirn und Darm durch das parasympathische Nervensystem miteinander verbunden. Zum anderen bildet der Darm Botenstoffe, die über das Blut ins Gehirn gelangen und dort unsere Emotionen und kognitiven Fähigkeiten mit beeinflussen. In diesem Zusammenhang wird häufig von der Darm-Gehirn-Achse gesprochen. Zum Beispiel produzieren einige Darmbakterien das Hormon Oxytocin, das ein besseres Sozialverhalten fördert. Andere Bakterien stellen Substanzen her, die Symptome von Depressionen und Angstzuständen mit verursachen können. 

Der Gesundheitszustand eines Menschen wird auch durch das Mikrobiom des Darmes beeinflusst. In Vergleichsuntersuchungen zeigten Patienten mit Stoffwechselstörungen, psychischen oder neurologischen Erkrankungen deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung und Funktion des Mikrobioms auf als die gesunde Vergleichsgruppe. Inwieweit es sich hier um Folge, Ursache oder irgendetwas dazwischen handelt, wird noch erforscht.

Die Darm-Gehirn-Achse als wichtiger Kommunikationskanal des Körpers

Die Darm-Gehirn-Achse beschreibt das enge Kommunikationssystem zwischen unserem Verdauungstrakt und dem Gehirn. Lange galt der Darm vor allem als Verdauungsorgan – heute weiß man: Er ist zugleich ein hochaktives Nerven- und Immunorgan, das maßgeblich Einfluss auf Stimmung, Denken und Verhalten nehmen kann.

Zwischen Darm und Gehirn besteht eine bidirektionale Verbindung – das heißt, beide Seiten senden und empfangen Signale. Dieser Austausch läuft über mehrere Wege:

  1. Parasympathisches Nervensystem und Vagusnerv
    Der wichtigste Kommunikationskanal ist der Vagusnerv, ein Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems. Er leitet Signale vom Darm direkt ins Gehirn – und umgekehrt.
  2. Botenstoffe (Neurotransmitter)
    Im Darm werden zahlreiche chemische Botenstoffe produziert, darunter Serotonin, Dopamin-Vorstufen oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Tatsächlich entstehen rund 90 Prozent des körpereigenen Serotonins im Darm. Diese Stoffe beeinflussen nicht nur die Darmbewegung, sondern auch emotionale Prozesse.
  3. Immunsystem und Entzündungsbotenstoffe
    Etwa 70 Prozent der Immunzellen befinden sich im Darm. Veränderungen im Mikrobiom können Entzündungsreaktionen fördern oder dämpfen – was wiederum Auswirkungen auf das Gehirn haben kann.
  4. Stoffwechselprodukte der Darmbakterien
    Unsere Darmmikroben produzieren sogenannte kurzkettige Fettsäuren (zum Beispiel Butyrat). Diese Stoffe können über das Blut indirekt auf das Gehirn wirken und dort unter anderem Entzündungsprozesse beeinflussen.

Selbsttests dienen meist nur dem Hersteller

Wenn das Mikrobiom im Darm so entscheidend für die Gesundheit ist, sollte es dann regelmäßig untersucht werden? Von Selbsttests rät Marschall ab: „Die Anbieter müssen die Aussagekraft ihrer Tests nicht nachweisen und die auf Basis der Testergebnisse gegebenen Ernährungsempfehlungen sind meist nicht wissenschaftlich fundiert. Oftmals lautet die Empfehlung, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, die meist vom gleichen Hersteller kommen.“ 

Außerdem fehlt bisher eine allgemeingültige Definition eines gesunden Mikrobioms. Es ist individuell sehr unterschiedlich und die Darmflora ändert sich im Tagesablauf je nach Ernährung. Generell gilt eine hohe Diversität als Merkmal für ein stabiles und resilientes Mikrobiom, das sich gut an Veränderungen anpassen kann.

Warum Stress auf den Magen schlägt

Fast jeder kennt das Gefühl: Vor einer Prüfung oder einem wichtigen Termin „rumort“ der Bauch. Das ist ein klassisches Beispiel für die Darm-Gehirn-Achse in Aktion. Psychischer Stress aktiviert das Gehirn – dieses sendet Signale an den Darm. Die Folge können sein:

  • veränderte Darmbewegungen
  • Durchfall oder Verstopfung
  • Magenschmerzen
  • Blähungen

Umgekehrt kann auch ein gereizter Darm Stress- oder Angstreaktionen verstärken.

Die Darm-Gehirn-Achse spielt nach aktuellem Forschungsstand unter anderem eine Rolle bei:

  • Reizdarmsyndrom
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Autismus-Spektrum-Störungen (Forschungsbereich)
  • neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson (Hypothesenlage)

Wichtig ist: Die Forschung steckt in vielen Bereichen noch in der Entwicklung. Es gibt vielversprechende Hinweise, aber nicht für alle Zusammenhänge eindeutige Beweise.

Kann man die Darm-Gehirn-Achse beeinflussen?

Wie kann man die eigene Darm-Gehirn-Achse fördern? Das geht zumindest indirekt. Einflussfaktoren sind unter anderem:

  • Ballaststoffreiche Ernährung (Vollkorn, Gemüse, Hülsenfrüchte)
  • Fermentierte Lebensmittel (z. B. Joghurt, Sauerkraut)
  • Stressreduktion
  • Regelmäßige Bewegung
  • Ausreichender Schlaf

Ein gesunder Lebensstil fördert ein stabiles Mikrobiom – und damit möglicherweise auch psychisches Wohlbefinden.

Wer seine kleinen Mitbewohner im Darm bei ihren komplexen Aufgaben unterstützen möchte, achtet also auf eine ausgewogene Ernährung. „Obst, Gemüse und fermentierte Lebensmittel sind die Leibspeisen unserer Darmbakterien. Was sie außerdem mögen, sind ausreichend Schlaf und regelmäßig Bewegung“, sagt Marschall. Schädlich für die Darmflora sind hingegen viel tierisches Fett, Zucker und Weißmehlprodukte. Wer also sagt, „Das geht mir an die Nieren“ oder „Ich habe so ein Bauchgefühl“, liegt biologisch näher an der Wahrheit, als man früher dachte.   pm/tok