Bei schweren, großflächigen Verbrennungen müssen die Patienten nach der Wundreinigung oft sterile Ganzkörperverbände tragen. Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass es zu Infektionen durch Toxine oder Krankheitserreger kommt, denn sonst folgen schnell eine tödliche Sepsis oder lebensbedrohliche Organschäden. Foto: Rungruedee/stock.adobe.com

Brandopfer von Crans-Montana: Wie Schwerverletzte behandelt werden und welche Chancen sie haben

Schon als die Flammen an der Decke züngelten und sich rasch ausdehnten, zückten manche Partygäste in der Bar „Le Constellation“ im Schweizer Skiort Crans-Montana noch die Smartphones und filmten das Feuer, das kurz darauf so heftig brannte, dass es wohl zu einem Flashover kam. Das ist eine Durchzündung beziehungsweise Explosion von sich im Raum ansammelnden Rauch- und Schwelgasen, die schlagartig alles in Flammen hüllt. Nach dem Brand meldeten Behörden mindestens 40 Tote und mehr als 110 Verletzte – viele mit schwersten Verbrennungen. 11 Patienten wurden inzwischen zur weiteren Behandlung in spezialisierte Verbrennungszentren nach Deutschland verlegt.

Wie werden Brandverletzungen kategorisiert?

Medizinisch werden Brandverletzungen in erster Linie nach der Tiefe (Verbrennungsgrad) und nach der Ausdehnung in Prozent der verbrannten Körperoberfläche (TBSA/VKOF) eingeteilt. Beides zusammen bestimmt, wie gefährlich die Verletzung ist und welche Therapie nötig wird. Zusätzlich beeinflussen Alter, Vorerkrankungen, Begleitverletzungen und insbesondere ein mögliches Inhalationstrauma (Rauchgas/heiße Gase) die Prognose.

Für die Ausdehnung wird die verbrannte Körperoberfläche in Prozent angegeben (TBSA/VKOF). Bei Erwachsenen dient die „Neunerregel“ zur schnellen Orientierung: Kopf 9 %, jeder Arm 9 %, Vorder- und Rückseite des Rumpfes je 18 %, jedes Bein 18 %, Genitalregion 1 %. Als weitere Faustregel gilt: Die Handfläche der betroffenen Person (inklusive Finger) entspricht etwa 1 % TBSA. Bei Kindern werden die Proportionen altersabhängig angepasst (Lund-Browder-Tabellen).

Verbrennungsgrade (Tiefe): typische Zeichen und Heilungstendenz

GradBetroffene SchichtenTypische ZeichenSchmerzHeilung
Grad 1EpidermisRötung, Schwellung, keine BlasenstarkHeilt in der Regel ohne Narben
Grad 2aEpidermis und oberflächliche DermisBlasen, feucht, rosig/rotstarkMeist spontan, geringe Narbengefahr
Grad 2bEpidermis und tiefe Dermisblass/weißlich, teils trockenwenigerOft operativ, Narben/Kontrakturen möglich
Grad 3Gesamte Dermis zerstört, gegebenenfalls Subkutislederartig, weiß/braun/schwarz (Schorf)oft wenigOhne OP keine Heilung – Transplantation
Grad 4bis Muskel/Sehne/KnochenVerkohlung, tiefe GewebeschädenRekonstruktion/Amputation möglich

 

Je nach Verbrennungsart entstehen unterschiedliche Schäden

Nicht jede ‚Verbrennung‘ entsteht gleich: Flammen und Explosionen verursachen oft tiefere, unregelmäßige Verletzungen und gehen häufiger mit Inhalationsschäden einher. Verbrühungen (heiße Flüssigkeiten oder Dampf) treffen häufiger Kinder und sind je nach Temperatur und Einwirkzeit unterschiedlich tief.

Chemische Verätzungen können auch nach dem Kontakt weiter ‚nachbrennen‘, elektrische Verletzungen schädigen häufig vor allem tiefes Gewebe (Muskeln und Nerven) bei vergleichsweise kleiner Hautfläche.

Behandlung, Komplikationen, Heilungschancen und sichtbare Folgen – nach Schweregrad

Für die Praxis werden Schweregrade oft als Kombination aus Tiefe (Grad) und Ausdehnung (TBSA/VKOF) betrachtet. Unten sind die typischen Behandlungsschritte und Risiken je nach Tiefe und beispielhaften Flächenanteilen dargestellt.

Leicht: Grad 1–2a, meist < 5 % TBSA

Behandlung
  • Kühlen nur kurz und maßvoll (Unterkühlung vermeiden), Schmerztherapie, sterile nicht-haftende Verbände.
  • Feuchte Wundheilung und Salbenverbände; Blasenmanagement je nach Lokalisation/Größe.
  • Ambulant möglich, wenn keine Risikolokalisation (Gesicht/Hände/Gelenke/Genital) und keine Vorerkrankung.
Komplikationen
  • Infektion selten, aber möglich; bei großen Blasen und Schmutz ist das Risiko erhöht.
  • Überwärmung oder Unterkühlung bei falscher Ersthilfe (zu lange kühlen).
Heilung und Prognose
  • Grad 1: Tage; Grad 2a: häufig ein bis zwei Wochen.
  • Narben meist gering; bei 2a gelegentlich Pigmentverschiebungen.
Sichtbare Folgen
  • Vorübergehende Rötung, Trockenheit; mögliche Hyper-/Hypopigmentierung.
  • Bei ungünstiger Wundheilung: kleine hypertrophe Narben.

Mittel: Grad 2a/2b, ca. 5–15 % TBSA

Behandlung
  • Schmerzkontrolle, sterile Ganzkörper- oder Teilkörperverbände; regelmäßige Wundkontrollen.
  • Bei 2b oft frühzeitiges Debridement/Nekrosektomie und Deckung mit Spalthaut.
  • Bei kritischen Arealen (Hände, Gesicht, große Gelenke): frühe Plastische/Verbrennungschirurgie, Schienen, Ergo/Physio.
Komplikationen
  • Wundinfektionen und verzögerte Heilung; Gefahr von Kontrakturen an Gelenken.
  • Beginnende systemische Entzündungsreaktion möglich; Flüssigkeitsverlust über die Wunde steigt.
Heilung und Prognose
  • Bei überwiegend 2a oft ohne OP; bei 2b häufig OP nötig.
  • Prognose meist gut, wenn keine Inhalationsverletzung und schnelle spezialisierte Versorgung.
Sichtbare Folgen
  • Häufiger Narbenbildung, teils hypertroph; Pigmentstörungen.
  • Funktionseinschränkungen möglich (zum Beispiel Fingerstreckung), wenn Narben nicht konsequent behandelt werden.

Schwer: Grad 2b/3, ab ca. 15 % TBSA (oder tiefer schon ab 10 %)

Behandlung
  • Behandlung in spezialisierten Zentren: Intensivtherapie, Flüssigkeitsresuscitation, Temperaturmanagement.
  • Frühes chirurgisches Vorgehen: Nekrosektomie, Spalthauttransplantation, gegebenenfalls Dermisersatz.
  • Temporäre Wunddeckung (zum Beispiel allogene Haut/Alloplastika) möglich; konsequente Infektionsprophylaxe.
Komplikationen
  • Massiver Flüssigkeits- und Wärmeverlust führt zu Schockgefahr; Elektrolytverschiebungen.
  • Hohe Infektionsgefahr bis Sepsis; Organversagen (Niere/Lunge) möglich.
  • Inhalationstrauma verschlechtert Prognose deutlich.
Heilung und Prognose
  • Überlebenschancen hängen stark von Alter, TBSA, Tiefe und Inhalationstrauma ab.
  • Es gibt Scoring-Systeme (zum Beispiel ABSI) zur Risikoabschätzung; kritische Schwellen können individuell variieren.
Sichtbare Folgen
  • Ausgeprägte Narben und Kontrakturen möglich; oft lange Nachbehandlung (Kompression, Silikon, gegebenenfalls Korrektur-Operationen).
  • Psychische Folgen (Trauma, Depression) häufig – frühe psychosoziale Unterstützung wichtig.

Sehr schwer/lebensbedrohlich: Grad 3–4, großflächig (oft >30–40 % TBSA) oder + Inhalationstrauma

Behandlung
  • Intensivmedizinische Maximaltherapie: Beatmung, Kreislaufunterstützung, Nierenersatzverfahren möglich.
  • Serielle Operationen: großflächige Nekrosektomien, Mesh-Grafts, Dermisersatz, gegebenenfalls künstliche Haut.
  • Kultivierte Keratinozyten/Cell-based Therapien in ausgewählten Zentren; Reha beginnt früh (Mobilisation, Schienen).
Komplikationen
  • Sepsis, SIRS, Multiorganversagen; schwere Narbenkontrakturen; chronische Schmerzen und Juckreiz.
  • Hypermetabolismus und massiver Eiweiß-/Energiebedarf; Risiko von Thrombosen.
  • Atemwegsverlegung/ARDS bei Inhalationstrauma, CO-/Zyanidintoxikation bei Rauchgas.
Heilung und Prognose
  • Sterberisiko steigt mit TBSA, Alter und Inhalationsverletzung. Bei sehr großen Flächen kann trotz moderner Medizin ein tödlicher Verlauf wahrscheinlich werden, insbesondere bei älteren Patienten oder zusätzlichem Inhalationstrauma und Organversagen.
Sichtbare Folgen
  • Dauerhafte Narbenlandschaften, Pigment- und Sensibilitätsstörungen; Funktionsverluste bis Amputationen möglich.
  • Oft jahrelange Narbenpflege und rekonstruktive Eingriffe; soziale und psychische Langzeitfolgen relevant.

Zentren für Schwerbrandverletzte in Deutschland

Schwerbrandverletzte sollten in spezialisierten Zentren behandelt werden. Die aktuelle S2k-Leitlinie nennt Kriterien für die Vorstellung im Brandverletztenzentrum (unter anderem Grad-2-Verbrennungen ab 15 % TBSA oder Grad-3-Verbrennungen ab 10 % TBSA sowie spezielle Lokalisationen oder Inhalationstrauma).

Der Vorteil von diesen Fachkliniken ist neben der Expertise der Ärzte und Pfleger die Spezialausrüstung, die Brandverletztenzentren  vorhalten müssen. Hier ist eine Auswahl der Anforderungen:

  • Schleusensysteme (Personen-, Material- und Bettenschleusen) und strenge Hygienestrukturen.
  • Heizbarer Aufnahme- und Schockraum mit Reanimations-/Intensivgeräten (Beatmung, Monitoring, Bronchoskopie, Ultraschall).
  • Direkt angegliederte Verbrennungs-Intensivstation mit mindestens 4 Betten in Einzelzimmern.
  • Möglichkeit zur kontinuierlichen Nierenersatztherapie (Dialyse/CRRT).
  • Zugang zu einem Gewebelabor (zum Beispiel für Diagnostik/Gewebeprozesse) und strukturierte Fotodokumentation.
  • OP-Kapazitäten für serielle Nekrosektomien, Transplantationen und rekonstruktive Verfahren; Lagerung/Instrumente für großflächige Wundversorgung.

Eine bundesweite, laufend aktualisierte Übersicht zu den Brandverletztenzentren in Deutschland stellt unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin (DGV) bereit. In Baden-Württemberg gibt es laut DGV-Übersicht diese Brandverletztenzentren:

  • Stuttgart (Erwachsene): Marienhospital Stuttgart, Zentrum für Schwerbrandverletzte – 3 Erwachsenen-Betten.
  • Stuttgart (Kinder): Klinikum Stuttgart (Olgahospital), Kinderchirurgie – 1 Kinderbett.
  • Tübingen (Erwachsene): BG Unfallklinik Tübingen, Verbrennungschirurgie – 4 Erwachsenen-Betten.
  • Mannheim (Kinder): Universitätsklinikum Mannheim, Kinder- und Jugendchirurgie – 4 Kinder-Betten.

11 Brandopfer von Crans-Montana in deutschen Kliniken

Deutschland hat schwerverletzte Patienten nach Brandkatastrophe in Crans-Montana aufgenommen. Die Verteilung erfolgt nach dem sogenannten Kleeblattmechanismus, den Bund und Länder während der Corona-Pandemie entwickelt haben, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Insgesamt wurden 11 Patienten nach Deutschland übernommen und einer spezialisierten Behandlung zugeführt. 4 Patienten wurden im Rahmen bilateraler Vereinbarungen nach Deutschland übernommen – 3 Brandopfer werden in Baden-Württemberg und 1 Patient in Rheinland-Pfalz behandelt. Weitere 7 Schwerverletzte Personen wurden über das EU-Katastrophenschutzverfahren (UCPM) nach Deutschland übernommen. Sie werden in verschiedenen Zentren zwischen Niedersachsen und Bayern behandelt. Die Patienten wurden via Flugzeug und Hubschrauber nach Deutschland transportiert.

Insgesamt wurden über das EU-Katastrophenschutzverfahren 35 Patienten nach Belgien, Deutschland, Frankreich und Italien in spezialisierte Kliniken für Verbrennungsopfer transportiert. Die Transporte wurden dabei durch Frankreich, Italien, Luxemburg, Rumänien und die Schweiz durchgeführt. Unterstützt wurde die Schweiz vor Ort durch spezialisierte Teams zur Behandlung von Verbrennungsopfern aus Frankreich und Italien.  

Was tötet bei Bränden häufiger – Flammen oder Brandrauch?

Bei Wohnungsbränden ist der Brandrauch meist gefährlicher als die Flammen: Rauchgase enthalten unter anderem Kohlenmonoxid und – je nach Material der brennenden Gegenstände – Cyanidverbindungen, die sehr schnell zu Bewusstlosigkeit und Tod führen können. Studien und Übersichtsarbeiten schätzen, dass ein großer Anteil der Todesfälle am Brandort auf Kohlenmonoxid-Intoxikationen zurückgeht.

Aus diesem Grund wird empfohlen, in Wohnräumen genügend Rauchmelder zu installieren und deren Funktionsfähigkeit immer wieder einmal zu kontrollieren. Bei offenen Kaminen und Öfen, in denen im Wohnraum Heizmaterial verbrannt wird, kann es hilfreich sein, Kohlenmonoxid-/CO-Melder zu installieren, die vor hohen Kohlenmonoxidwerten warnen. Oft kann dann das schnelle Öffnen von Fenstern schon eine erste Hilfsmaßnahme sein, mit der man einer Kohlenmonoxidvergiftung entkommen kann. tok

Was bisher über den Brand in der Bar „Le Constellation“ gesichert bekannt ist

Brandort: Bar „Le Constellation“, Crans-Montana (Kanton Wallis, Schweiz)

Zeitpunkt: Nachtstunden (Winterbetrieb, hoher Gästeandrang)

Ereignis: In der Bar bricht ein Feuer aus, das sich rasch ausbreitet. Dichter Rauch und Hitze führen zu Panik.

Opferbilanz: Nach Behördenangaben mindestens 40 Tote und rund 110 Verletzte.

Verletzungsmuster: Viele Betroffene erleiden schwere Verbrennungen sowie Rauchgasvergiftungen; mehrere Opfer weisen großflächige Brandwunden auf.

Rettung und Erstversorgung: Zahlreiche Verletzte werden vor Ort notfallmedizinisch versorgt, mehrere müssen intubiert und beatmet werden.

Verlegung in Spezialkliniken: Aufgrund der Schwere der Verletzungen werden Brandopfer in spezialisierte Verbrennungszentren in der Schweiz und im Ausland verlegt, unter anderem nach Deutschland.

Ermittlungen: Die Ursache des Brandes ist Gegenstand laufender Untersuchungen der Behörden; offizielle Ergebnisse liegen bislang nicht abschließend vor. tok