Bleibt die Multiple Sklerose unbehandelt, führt das zu immer schwerwiegenderen Behinderungen, die auch schon bei jüngeren Patienten nicht ohne Rollstuhl auskommen. Die Hälfte der Patienten ist vor Erreichen des Rentenalters teilweise oder vollständig arbeitsunfähig, schwere Fälle werden häufig pflegebedürftig. Foto: DDRockstar/stock.adobe.com

Wie Innovation Krankheit besiegt: Multiple Sklerose – Fortschritte bremsen drohende Immobilität ab

Der Fortschritt in der medikamentösen Behandlung der Nervenerkrankung Multiple Sklerose (MS) ist so rasant, dass die Wissenschaft hofft, sie eines Tages heilen zu können. Seit dem ersten wirksamen Medikament vor über 30 Jahren stehen Menschen mit MS heute rund 20 krankheitsmodifizierende Substanzen zur Verfügung. Und die Forschungspipelines der Pharmaunternehmen sind gut gefüllt.

Erstes Medikament gegen uralte Krankheit kam erst 1993

Die ersten Berichte über die MS stammen aus dem Mittelalter, aber vermutlich gibt es die Erkrankung schon immer. Bis 1993 dauerte es, bis Ärzte ein wirksames Medikament verschreiben konnten: Es war Beta-Interferon-1b – ein Meilenstein, da es damit erstmals gelang, die Anzahl der Krankheitsschübe deutlich zu reduzieren und das Fortschreiten der Krankheit hinauszuzögern.

Heute stehen rund 20 verschiedene Substanzen für die verschiedenen Ausprägungen der Krankheit zur Verfügung. Außerdem wird intensiv nach neuen Therapieansätzen gefahndet – wie beispielsweise in Form so genannter CAR-T-Zelltherapien. Diese habe man sich aus der Onkologie „entliehen“, wie Chefarzt und MS-Experte Professor Dr. Mathias Mäurer sagt. Sie sind in der Behandlung verschiedener Blutkrebsarten schon seit einigen Jahren im Einsatz und werden zunehmend für Autoimmunerkrankungen erforscht, zu denen die MS gehört.

Quelle: LAWG Deutschland e. V./Vintura / Grafik: Pharma Fakten e. V.

„Krankheit der 1000 Gesichter“

„Als ,Krankheit der 1000 Gesichter´ entwickelt sich die MS bei jedem Patienten und jeder Patientin unterschiedlich“, sagt Ulrika Fröbel, Leitung Neurologie beim forschenden Pharmaunternehmen Novartis Deutschland. „Die gute Nachricht ist, dass die Erforschung und Therapie dieser entzündlichen Erkrankung in den vergangen zwei Jahrzehnten wesentliche Fortschritte gemacht haben. Daten belegen mittlerweile, dass es für Patienten mit schubförmiger MS langfristig von Vorteil sein kann, wenn rechtzeitig im frühen Stadium der MS hochwirksam therapiert wird.“

Enorme Fortschritte

Und in der Tat: Der Nutzen der Forschung für die Menschen mit MS ist enorm. Das geht aus Daten hervor, die LAWG Deutschland – ein Verein, in dem 17 weltweit agierende Pharmaunternehmen organisiert sind – in dem Report „Der Wert medizinischer Innovationen“ zusammengetragen hat:

  • MS-Erkrankte haben heute eine gleich hohe Lebenserwartung wie diejenigen ohne die Krankheit. Das war nicht immer so: Vor der Einführung der in den Krankheitsprozess eingreifenden Arzneimittel zeigten Studien, dass bei älteren Menschen bis zu sieben Lebensjahre verloren gehen können.
  • Die Schubrate, ein wichtiger, allerdings nicht der einzige Indikator über das Fortschreiten der Erkrankung, konnte mit Arzneimittelinnovationen deutlich gesenkt werden. Immer besser kann auch die schleichende MS behandelt werden; neue Wirkstoffe zielen darauf ab, chronische Entzündungsprozesse zu bremsen und die Neurodegeneration zu verlangsamen. Ein so genannter Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi) wird vielleicht noch dieses Jahr zugelassen und wird von der Fachwelt als möglicher Durchbruch in der Therapie der schleichenden MS gehandelt.

Bleibt die MS unbehandelt, führt das im Laufe der Zeit zu immer schwerwiegenderen Behinderungen. Die Hälfte der Patienten ist vor Erreichen des Rentenalters teilweise oder vollständig arbeitsunfähig, schwere Fälle werden häufig pflegebedürftig, wie eine Auswertung des Deutschen MS-Registers aus dem Jahr 2022 zeigt.

Multiple Slerose ist eine schubweise verlaufende Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Impulsübertragung zum und vom Gehirn wird gestört. Grafik: Henrie/stock.adobe.com

MS bedingt hohe gesamtgesellschaftliche Kosten

Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Krankheit sind hoch – rund 23.000 Euro pro Betroffenen und Jahr sind allein die direkten Kosten (Stand: 2016), wobei Arzneimittel den größten Block ausmachen. Bei den indirekten Kosten sind es rund 20.000 Euro pro Jahr und Betroffenen; der größte Teil entsteht durch Erwerbsminderung oder Frühverrentung. Die Ausgaben steigen mit zunehmender Schubaktivität an. Nicht nur medizinisch, auch volkswirtschaftlich macht Forschung und Entwicklung also Sinn.

Hinzu kommt: Die ersten Arzneimittel, die krankheitsmodifizierend wirken, sind bereits generisch oder als Biosimilars verfügbar, denn ihr Patentschutz ist abgelaufen. Sie stehen der Gesellschaft zu deutlich niedrigeren Erstattungsbeträgen zur Verfügung. Das ist Teil des Innovationskreislaufes – die Innovation von heute ist das Generikum von morgen.

Der Nutzen von Innovationen geht weit über das Patientenindividuelle hinaus: Wenn weniger Menschen zu früh sterben, wenn der Grad der Behinderungen vermieden, abgeschwächt oder nach hinten geschoben werden kann, profitiert davon nicht zuletzt der Wirtschaftsstandort. Denn Gesundheit ist der Schlüssel zu einer leistungsfähigen Gesellschaft.

Suche nach immer neuen Therapieansätzen

Die Geschichte der MS wäre ohne die Entwicklung neuartiger Therapieansätze anders verlaufen. Die Suche nach immer neuen Behandlungsansätzen für diese komplexe Nervenerkrankung hat dazu beigetragen, die Einschränkungen und das Leiden der Betroffenen zu verringern, um ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben möglichst lange zu ermöglichen. In den kommenden Jahren sind weitere Verbesserungen zu erwarten – wenn Forschung und Entwicklung in diesem Tempo weitergehen.

Ulrika Fröbel von Novartis Deutschland erklärt: „Die Forschung entwickelt sich derzeit in mehreren vielversprechenden Richtungen weiter – mit dem Ziel, die Erkrankung früher zu erkennen, gezielter zu behandeln und deren Fortschreiten möglichst zu verhindern. Ein zentrales Innovationsfeld sind Biomarker wie das Neurofilament-Leichtkettenprotein (NfL). Ein einfacher Bluttest kann NfL-Werte erfassen und so frühzeitig Krankheitsaktivität anzeigen – oft noch vor sichtbaren MRT-Veränderungen – und damit eine individuellere Therapieüberprüfung ermöglichen.“

Multiple Sklerose: Ein Forderungskatalog an die Politik

Die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) hat vor der Bundestagswahl 2025 zehn Kernpunkte formuliert, um die Situation von Menschen mit MS nachhaltig zu verbessern.

300.000 Menschen leben in Deutschland mit Multipler Sklerose (MS) – und jedes Jahr kommen rund 15.000 hinzu. Die Nervenerkrankung, die zu den Autoimmunerkrankungen gehört, wird auch die „Krankheit der 1000 Gesichter“ genannt, so unterschiedlich und individuell kann sich die MS manifestieren: „Fehlgeleitete Zellen des Immunsystems greifen das zentrale Nervensystem an und lösen so in Gehirn und Rückenmark Entzündungen aus, die zu einer Vielfalt von Symptomen und sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen führen können“, heißt es bei dasGehirn.info, einer Infoseite der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft.

Erleichterte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Der DMSG „geht es nicht nur um eine bestmögliche medizinische Versorgung, sondern auch um Erleichterungen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, wie die Vorsitzende Professorin Dr. med. Judith Haas und Claudia Schilewski vom Bundesbeirat MS-Erkrankter im Vorwort für das „Forderungspapier der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft zur Bundestagswahl 2025“ schreiben. In der Vision des gemeinnützigen Bundesverbandes heißt es, dass er sich für eine „nach aktuell wissenschaftlich anerkanntem Stand der Medizin entsprechende Versorgung in adäquater Zeit, ganz gleich wo in Deutschland“ einsetzt. „Darüber hinaus muss in allen Lebensbereichen ein selbstbestimmtes und würdiges, gleichberechtigtes Leben möglich sein. Dafür sollten vorhandene Barrieren, die eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen behindern, weiter und zügig abgebaut werden.“

Die Versorgung von Menschen mit MS stärken

Punkt 1 des Katalogs: Die Versorgung von Menschen mit MS stärken. Dafür soll die Diagnose („komplex und nur durch Ausschluss anderer Erkrankungen möglich“) in geeigneten Zentren stattfinden. Ähnlich wie bei den Tumorboards in der Onkologie sollten die Voraussetzungen für interdisziplinäre MS-Konferenzen geschaffen werden. Ausdrücklich begrüßt der Verband die Einführung der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV-MS, seit 2012), die gezielt die Diagnostik und Behandlung von Menschen mit komplexen Krankheitsverläufen übernehmen soll; er beklagt aber, dass regionale Besonderheiten die Umsetzung der ASV verhindern. Außerdem will die DMSG die Rolle der „MS-Schwestern“ gestärkt sehen, um ein „modernes, ganzheitlich orientiertes Krankheits-Management“ zu ermöglichen. Der Verband wünscht sie sich „pharmaunabhängig.“

Ein Punkt im Forderungskatalog ist die Stärkung der Rechte von Patienten, aber auch ihrer pflegenden Angehörigen, deren Absicherung nicht ausreichend sei, „um deren wichtige Care-Arbeit langfristig zu erhalten.“ Dazu brauche es mehr Entlastungsangebote, wie etwa Kurzzeitpflege. „Das sind ganz zentrale Forderungen, um die Lage von pflegenden Angehörigen, aber auch den Betroffenen mit Pflegebedarf, zu verbessern“, so Claudia Schilewski.

Soziale Folgen der MS: ein höheres Armutsrisiko

Menschen mit MS leiden nicht nur an der Krankheit, sondern auch an sozialen Folgen. „Häufiger als im Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung zwingt die Krankheit Betroffene dazu, in Teilzeit zu arbeiten oder früher aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, was mit erheblichen finanziellen Einbußen und einem höheren Armutsrisiko insbesondere im Alter einhergeht“, heißt es in dem Papier. Um gegenzusteuern, fordert die DMSG:

  • Konsequente Umsetzung des Prinzips „Reha vor Rente“ – so sollten Rehabilitationsmaßnahmen flächendeckend zugänglich sein.
  • Stärkung des Inklusiven Arbeitsmarktes – durch neue Förderprogramme für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen bzw. der Anpassung vorhandener Instrumente.
  • Reform des Rentensystems – durch die armutsfeste Gestaltung der Erwerbsminderungsrente, um MS-Erkrankte besser abzusichern.

Außerdem fordert der gemeinnützige Verband mehr geschlechtersensible Forschung, „um den unterschiedlichen Krankheitsverlauf bei Frauen und Männern besser zu verstehen. Präventive Maßnahmen wie Rehasport, Funktionstraining oder Programme, die den Lebensstil positiv beeinflussen, sollten niederschwellig und unbürokratisch auf Dauer zugänglich sein.“

Botschaft an die Politik

Das ist die Botschaft der DMSG in Richtung politisches Berlin: „Menschen mit MS benötigen eine hochwertige, flächendeckende und leitliniengestützte medizinische Versorgung. Daher ist es unverantwortlich, dass der Zugang zu dringend benötigter Therapie wegen fehlender Plätze oder mangels Termine nicht oder nur sehr verzögert möglich ist“, so ihre Vorsitzende Haas.

Info
Hier gelangen Sie online zum Forderungspapier der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft zur Bundestagswahl 2025 – der Download der PDF-Datei beansprucht etwa 5 MB.    pm/Pharma-Fakten.de