
Meist ist Schluckauf harmlos und schnell vorbei. Hält er jedoch länger an oder tritt immer wieder auf, sollte er ernst genommen werden. In seltenen Fällen kann er ein Frühwarnsignal für ernsthafte Erkrankungen sein. Foto: nicoletaionescu/stock.adobe.com
Wenn der Schluckauf nicht aufhört: Warnzeichen für ernsthafte medizinische Probleme
Ein Schluckauf ist fast jedem Menschen vertraut. Meist ist er harmlos, oft lästig, in seltenen Fällen jedoch ein ernst zu nehmendes medizinisches Problem. Aktuell wird gerade viel über das Thema gesprochen, spätestens seit Jair Bolsonaro, Brasiliens rechtsextremer und im Gefängnis einsitzender Ex-Präsident, vor kurzem mit großer Polizeieskorte ins Krankenhaus gefahren wurde. Bei ihm wurde ein chronischer Schluckauf diagnostiziert. Nach einer ersten Operation folgte nun eine zweite. Wie groß ist der Leidensdruck bei einem chronischen Schluckauf, wie gefährlich kann das werden?
Ein Reflex mit Geschichte: Was beim Schluckauf im Körper passiert
Medizinisch wird der Schluckauf Singultus genannt. Er entsteht durch einen komplexen Reflex, an dem Atemmuskulatur, Nerven und Gehirn beteiligt sind. Schon Ärzte der Antike kannten das Phänomen: Hippokrates beschrieb Schluckauf als „krampfartige Atemstörung“, Plinius der Ältere widmete ihm eigene medizinische Beobachtungen. Beim Schluckauf zieht sich das Zwerchfell, der wichtigste Atemmuskel, ruckartig zusammen. Gleichzeitig schließt sich reflexartig die Stimmritze im Kehlkopf. Der Luftstrom wird abrupt gestoppt und das charakteristische „Hicks“-Geräusch entsteht.
Gesteuert wird dieser Ablauf über einen sogenannten Schluckauf-Reflexbogen. Beteiligt sind:
- der Nervus phrenicus, der das Zwerchfell versorgt
- der Nervus vagus, ein zentraler Hirnnerv für Atmung, Herzschlag und Verdauung
- der Hirnstamm, in dem der Reflex verarbeitet wird
Typische Auslöser und warum fast jeder betroffen ist
Die meisten Schluckauf-Attacken entstehen durch banale Reize, etwa:
- hastiges Essen oder Trinken
- sehr kalte oder heiße Getränke
- Kohlensäure
- Alkohol
- scharf gewürzte Speisen
- plötzliche Temperaturwechsel
- emotionale Aufregung oder Stress
Der Körper reagiert dabei überempfindlich auf Reize im Magen-Darm-Trakt oder im Brustraum – besonders häufig nach üppigen Mahlzeiten.
Ursachen eines chronischen Schluckaufs
Medizinisch häufige Auslöser sind:
- schwere Refluxkrankheit
- Magenschleimhautentzündungen
- Operationen im Bauchraum
- Reizungen oder Schädigungen von Hirnnerven
- bestimmte Medikamente (z. B. Kortison, Chemotherapie)
- Angststörungen oder chronischer Stress
Schluckauf stoppen: Was wirklich hilft
Viele klassische Hausmittel haben tatsächlich eine physiologische Grundlage. Sie zielen darauf ab, den Vagusnerv zu stimulieren oder den Atemrhythmus zu verändern:
- Luft anhalten
- langsam kaltes Wasser trinken
- in eine Papiertüte atmen
- Zucker oder Zitrone auf die Zunge legen
- bewusst tief und ruhig atmen
In den meisten Fällen verschwindet der Schluckauf innerhalb kurzer Zeit von selbst.
Typisch ist ein schleichender Verlauf: Zunächst treten kurze Episoden auf, später hält der Schluckauf über Tage oder Wochen an.
Behandlung: Von Medikamenten bis zu seltenen Eingriffen
Bei chronischem Schluckauf steht die Ursachenbehandlung im Vordergrund. Zusätzlich kommen Medikamente zum Einsatz, darunter:
- Baclofen (Muskelrelaxans)
- Gabapentin (wirkt auf Nervenreize)
- Chlorpromazin (klassisches Mittel bei hartnäckigem Schluckauf)
Nur in extremen Ausnahmefällen werden operative Maßnahmen erwogen, etwa eine gezielte Blockade des Nervus phrenicus.
Meist ist Schluckauf harmlos und schnell vorbei. Hält er jedoch länger an oder tritt immer wieder auf, sollte er ernst genommen werden. In seltenen Fällen kann er ein Frühwarnsignal für ernsthafte Erkrankungen sein – wie prominente Beispiele zeigen.
Varianten des Schluckaufs
Medizinisch wird unterschieden zwischen:
- Akuter Schluckauf: Minuten bis wenige Stunden
- Persistierender Schluckauf: länger als 48 Stunden
- Chronischer Schluckauf: länger als zwei Monate
Je länger der Schluckauf anhält, desto eher vermuten Ärzte organische oder neurologische Ursachen.
Wenn der Schluckauf nicht mehr aufhört: Risiken und Folgen
Ein gelegentlicher Schluckauf ist harmlos. Ein häufig wiederkehrender oder anhaltender Schluckauf kann jedoch:
- den Schlaf massiv stören
- zu Erschöpfung und Gewichtsverlust führen
- soziale Situationen belasten
- depressive Verstimmungen begünstigen
Zudem kann er ein Hinweis auf andere Erkrankungen sein, etwa:
- Refluxkrankheit
- Magengeschwüre
- Entzündungen der Speiseröhre
- Schlaganfälle oder andere neurologische Erkrankungen
- Tumoren im Brust- oder Bauchraum
- schwere Stoffwechselstörungen
Chronischer Schluckauf – prominente Fälle und medizinische Ursachen
Aktuelle öffentliche Aufmerksamkeit erhielt das Thema unter anderem, als bei Brasiliens rechtsextremem Ex-Präsident Jair Bolsonaro, der gerade wegen eines Staatsstreiches im Gefängnis sitzt, ein chronischer Schluckauf diagnostiziert wurde. Ärzte führten ihn auf eine starke Reizung des Magen-Darm-Trakts zurück, vermutlich begünstigt durch frühere Operationen und Reflux.
Weitere bekannte oder historisch belegte Fälle:
- Charles Osborne (USA) hatte von 1922 bis 1990 ununterbrochen Schluckauf: über 68 Jahre. Er gilt als medizinischer Rekordfall mit schätzungsweise 430 Millionen Hicks.
- Papst Pius XII. soll zeitweise unter hartnäckigem Schluckauf gelitten haben, der seine öffentlichen Auftritte erschwerte.
- Winston Churchill klagte laut Biografen gelegentlich über stressbedingten Schluckauf während des Zweiten Weltkriegs.
- In der Unterhaltungsbranche berichten Künstler immer wieder von Schluckauf vor Auftritten, etwa als Folge von Lampenfieber oder Adrenalin.
Diese Fälle zeigen: Schluckauf kann auch Ausdruck körperlicher oder psychischer Belastung sein. tok
Gut zu wissen…
- Babys haben im Mutterleib regelmäßig Schluckauf.
- Männer sind häufiger von chronischem Schluckauf betroffen.
- Schluckauf kann sogar im Schlaf auftreten.
- Der Rekord-Schluckauf dauerte länger als viele Menschen leben.