
Gesundheit und Trennung im Alter: Wie Krankheit das Liebesleben in Europa verändert
In Europa ändern sich nicht nur demografische Strukturen, sondern auch Lebensläufe – inklusive der Partnerschaften im höheren Alter. Trennungen nach dem 50. Geburtstag, sogenannte „Silver Splits“, sind kein Randphänomen mehr, sondern ein zunehmend sichtbarer Teil familiärer Lebensläufe im Alter. Eine neue Studie aus dem Journal of Marriage and Family untersucht nun, wie der Gesundheitszustand von Paaren mit diesen späten Trennungen zusammenhängt – und zeigt überraschend klare Geschlechterunterschiede.
Warum Silver Splits heute relevant sind
Mit steigender Lebenserwartung leben Paare deutlich länger miteinander, aber auch länger mit gesundheitlichen Herausforderungen. Während früher vermeintlich vor allem der Tod das Ende einer Partnerschaft bedeutete, ist heute in vielen reichen Ländern die freiwillige Trennung nach dem 50. Lebensjahr üblich geworden. Allein in Frankreich ist die Scheidungsrate zwischen 50 und 54 Jahren über die letzten Jahrzehnte deutlich gestiegen, und auch in Belgien wächst der Anteil der Scheidungen älterer Paare kontinuierlich.
Diese „Silver Splits“ werfen Fragen auf: Spielt die physische und psychische Gesundheit eines Partners eine Rolle dabei, ob Beziehungen im Alter stabil bleiben oder zerbrechen?
Gesundheit als Beziehungsrisiko – vor allem bei Frauen
Die italienischen Forscher Daniele Vignoli und Giammarco Alderotti analysierten dafür Daten der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) aus mehreren Erhebungswellen zwischen 2004 und 2022. Insgesamt wurden Zehntausende Paarjahre von Menschen über 50 ausgewertet.
Die zentrale Erkenntnis: Gesundheit beeinflusst das Trennungsrisiko – aber vor allem in einer Richtung. Wenn Frauen gesundheitlich stark eingeschränkt sind, aber ihre männlichen Partner vergleichsweise fit bleiben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Paarbeziehung in einer freiwilligen Auflösung endet. Dagegen ist es statistisch kaum relevant, wenn Männer gesundheitlich schlechter gestellt sind, während ihre Partnerinnen gesund bleiben.
Diese Befunde deuten auf eine klare genderbezogene Dynamik hin: Obwohl in der Forschung oft betont wird, wie sehr soziale Bindungen Menschen stützen, scheint ein gesundheitlicher Nachteil der Frau im Paarverband eher destabilisieren zu wirken als umgekehrt. Das Verhältnis zwischen Krankheit, Pflegebelastung und Partnerschaftskonflikten spielt dabei vermutlich eine Rolle – etwa wenn Pflegeaufgaben oder emotionale Belastungen die Beziehung stark beanspruchen.
Alter mildert den Effekt
Interessanterweise lässt sich dieser Zusammenhang nicht uneingeschränkt auf alle Altersgruppen übertragen: Bei Paaren jenseits von etwa 65 Jahren verliert der Gesundheitsstatus an Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Trennung. Mit zunehmendem Alter rücken andere Lebenswirklichkeiten in den Vordergrund – etwa etablierte Routinen, soziale Netzwerke oder die pragmatische Akzeptanz gemeinsamer Herausforderungen im Alter.
Gesellschaftliche Bedeutung
Diese Ergebnisse beleuchten einen oft übersehenen Aspekt familiärer Lebensläufe: Partnerschaftliche Stabilität im Alter hängt nicht nur von finanziellen oder sozialen Ressourcen ab, sondern auch von Gesundheit und Geschlechterrollen. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung in Europa werden solche Erkenntnisse nicht nur für die soziale Forschung, sondern auch für Pflegepolitik, psychosoziale Beratung und familienbezogene Unterstützungsangebote relevant.
Das Forschungsprojekt eröffnet damit mehrere Fragen für die Zukunft: Wie kann Partnerschaftsstabilität im Alter besser unterstützt werden? Welche Rolle spielen unterstützende Netzwerke, Betreuungsangebote oder gesundheitliche Präventionen? Und wie kann man geschlechtsspezifische Belastungsdynamiken entschärfen, wenn eine Partei im Paar erkrankt?