Menschen mit schwerer Beeinträchtigung sowohl des Seh- als auch des Hörvermögens haben es bislang nicht leicht, eine ganzheitliche Versorgung sowie eine interdisziplinäre zu erhalten. Foto: br.illu/stock.adobe.com

GaVid-Sinne: interdisziplinäre Diagnostik für AOK-Mitglieder mit schwerer Hör- und Sehbeeinträchtigung

Aktuelle Daten der AOK Baden-Württemberg machen das Ausmaß eines oft unterschätzten Problems sichtbar: Im Jahr 2024 hatten insgesamt 227.854 Versicherte eine diagnostizierte schwere Beeinträchtigung sowohl des Seh- als auch des Hörvermögens in ihrer Krankengeschichte – die Dunkelziffer ist noch deutlich höher. Für diese Menschen gibt es im Gesundheitssystem bislang keine passenden Anlaufstellen, an denen Sehen und Hören gemeinsam betrachtet werden, um eine adäquate Diagnostik und Versorgung zu ermöglichen. Das soll sich jetzt ändern.

Dieses Video zeigt, was sich hinter GaViD-Sinne verbirgt, nämlich ganzheitliche Versorgungsstützpunkte und interdisziplinäre Diagnostik für Menschen mit Sinnesbehinderungen. Unter https://gavid-sinne.de/ finden Sie weitere Informationen und eine Anmeldung für das neue, von der AOK Baden-Württemberg geförderte Versorgungsprojekt GaViD-Sinne, das Menschen mit schwerer Hör- und Sehbeeinträchtigung eine kostenfreie interdisziplinäre Diagnostik bietet.

Jahrelange Odyssee durch Praxen und Kliniken

Wer mit einer kombinierten Hör- und Sehbehinderung medizinische Hilfe sucht, trifft im Versorgungsalltag auf viele Akteure – Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, weitere Fachdisziplinen, Beratung und Hilfsmittelversorgung greifen selten systematisch ineinander. Für viele Betroffene bedeutet eine jahrelange Odyssee durch Praxen und Kliniken, mit Folgen für Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe. Darüber hinaus ist von einem großen Personenkreis auszugehen, bei dem aufgrund komplexer Behinderungen Seh- und Hörvermögen schwer einzuschätzen sind. Bei diesen Menschen werden Beeinträchtigungen der Fernsinne häufig nicht oder zu spät erkannt und dementsprechend versorgt.

„Wir sehen bei Menschen mit kombinierter Sinnesbehinderung eine klare Versorgungslücke“, sagt Linda Imelio, Versorgungsinnovatorin bei der AOK Baden-Württemberg. „Mit GaViD-Sinne testen wir ein Versorgungsmodell, das Barrieren abbaut und Zeit für angemessene Diagnostik schafft. Unsere Erwartung ist, dass sich erfolgreiche Elemente in die Regelversorgung überführen lassen.“

GaViD-Sinne: Sehen und Hören gemeinsam betrachten

Hier setzt das vom Innovationsfonds geförderte Projekt GaViD-Sinne (Förderkennzeichen: 01NVF23101) an. Es arbeitet bundesweit in vier interdisziplinären Diagnostik- und Versorgungsstützpunkten – in Hannover und Berlin (Deutsches Taubblindenwerk), in Würzburg (Blindeninstitutsstiftung) und in Stuttgart (Nikolauspflege – Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen). Dort treffen Betroffene auf Fachkräfte der Augen- und HNO-Heilkunde, die gemeinsam beraten und eng mit weiteren Akteuren zusammenarbeiten. Sehen und Hören werden zusammen betrachtet, Befunde, Beratung und Begleitung werden verzahnt.

Die AOK Baden-Württemberg ist Konsortialpartnerin des Projekts und hat für die Leistungen an den Stützpunkten einen Selektivvertrag abgeschlossen. Das Ziel ist eine verlässliche Struktur für Menschen aller Altersgruppen – von Kindern bis zu älteren Menschen.

Nicht mehr durchs Raster fallen

Auch aus medizinischer Sicht wird der Ansatz begrüßt: „Viele Betroffene fallen durch das Raster, weil unser System auf einzelne Fachdisziplinen ausgerichtet ist“, sagt Christoph Kernstock, Oberarzt an der Universitätsaugenklinik Tübingen. „Aus augenärztlicher Sicht fehlen feste Strukturen, in denen Sehen, Hören und Kommunikation gemeinsam bewertet werden.“

Den Ansatz der festen Teams und klaren Abläufe hält er für besonders tragfähig: „Interdisziplinäre Diagnostik an einem Ort und verbindliche Versorgungswege sind geeignet, dauerhaft Teil der Regelversorgung zu werden.“

Kostenfreie Teilnahme – keine Überweisung nötig

Menschen mit Hör- und Sehbeeinträchtigung oder mit entsprechendem Verdacht können sich direkt an die Stützpunkte wenden – eine ärztliche Überweisung ist nicht erforderlich, die Teilnahme ist kostenfrei. Der Stützpunkt für Baden-Württemberg befindet sich am Rotebühlplatz in Stuttgart und wird von der Nikolauspflege betrieben.

Ob das Modell wirkt, prüft eine wissenschaftliche Studie mit rund 400 Teilnehmenden. Neben der gesundheitsbezogenen Lebensqualität werden Akzeptanz, Prozesse und Kosten untersucht. Gelingt der Ansatz, könnte GaViD-Sinne zeigen, wie eine interdisziplinäre sowie intersektorale Zusammenarbeit eine unterversorgte Gruppe verlässlich versorgen kann.     pm

Info

Fast 230.000 AOK-Versicherte mit schwerer Hör- und Sehbeeinträchtigung haben jetzt die Chance, bei GaViD-Sinne, den neuen ganzheitlichen Versorgungsstützpunkten mit interdisziplinärer Diagnostik für Menschen mit Sinnesbehinderungen, eine kostenfreie Diagnose zu erhalten und damit eventuell neue Therapie-Wege zu finden. Hier finden Sie mehr Informationen und die Anmeldung zu GaViD-Sinne.