
Ein Haushaltsbuch zu führen, kann Kaufsüchtigen dabei helfen, wieder mehr Kontrolle zu gewinnen. Foto: Elnur/stock.adobe.com
Einmaliger Kaufrausch oder dauerhafte Kaufsucht? Wenn Shopping krank macht
Im Keller sammeln sich seine unbenutzten Werkzeuge und die neuesten Technik-Gadgets. Im Schlafzimmer quellen die Kleiderschränke über, wobei an ihren Kleidungsstücken teilweise noch die Preisschilder hängen. Einkaufen macht Freude – doch wenn der Kaufrausch und exzessives Shopping zur zwanghaften Gewohnheit wird, kann daraus eine ernsthafte Sucht entstehen.
Fachleute sprechen von pathologischem Kaufen oder Kaufsucht. Sie betrifft Männer wie Frauen und ist eng mit psychischen Faktoren, sozialen Einflüssen und modernen Konsumwelten verknüpft.
Kann exzessives Shopping zur Sucht werden?
Ja. Medizinisch wird die Kaufsucht als Impulskontrollstörung eingeordnet. Betroffene verspüren ein starkes, kaum zu kontrollierendes Verlangen, etwas zu kaufen – oft unabhängig davon, ob sie es wirklich brauchen oder bezahlen können. Die Mechanismen ähneln anderen Suchterkrankungen: kurzfristige Belohnung, gefolgt von Schuldgefühlen und erneuter Anspannung.
Und wie drückt sich eine Kaufsucht aus?Ist die große Freude am Kaufen schon vorbei, wenn die Ware bezahlt ist? Macht selbst das Auspacken keinen Spaß mehr? Dann ist man wohl schon kaufsüchtig. Folgende Symptome sind typisch.
- Häufige, unkontrollierbare Kaufimpulse
- Heimliches Einkaufen oder Verbergen der Einkäufe
- Hohe Ausgaben trotz finanzieller Probleme
- Schuldgefühle und Scham nach dem Kauf
- Vernachlässigung von Arbeit, Beziehungen oder Verpflichtungen
„Pathologisches Kaufen ist eine ernstzunehmende Störung, die ähnliche Mechanismen wie andere Süchte aufweist und nicht einfach nur ‚übertriebenes Shoppen‘ ist.“
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie
Welche Folgen hat eine Kaufsucht?
Manche haben nie richtig gelernt, mit Geld umzugehen oder definieren sich über materielle Dinge, andere wiederum lenken sich durch Shopping ab, belohnen oder trösten sich. Die Konsequenzen reichen von finanziellen Schwierigkeiten bis hin zu schweren Beziehungskonflikten. Betroffene verschulden sich oft, verlieren das Vertrauen ihrer Partner oder Familienangehörigen und leiden unter einem hohen psychischen Druck. Nicht selten treten Depressionen oder Angststörungen begleitend auf.
Eine erfolgreiche Behandlung besteht meist aus einer Psychotherapie, insbesondere einer kognitiven Verhaltenstherapie. Dort lernen Betroffene, ihre Kaufimpulse zu erkennen und alternative Handlungsstrategien zu entwickeln. In schweren Fällen können Selbsthilfegruppen, Schuldnerberatung und medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein.
Was kann man präventiv dagegen tun?
Ein bewusster Umgang mit dem eigenen Konsum, eine klare Budgetplanung und die Reflexion eigener Motive beim Einkaufen sind entscheidende Faktoren. Auch hier kann eine früh einsetzende professionelle oder auch partnerschaftliche Unterstützung erfolgreich sein. Hilfreich sind Konsumtagebücher, feste Einkaufslisten und der bewusste Verzicht auf Spontankäufe. Eine Aufklärung in Schulen und Familien kann zudem vorbeugend wirken.
Wer sich als Betroffener auf dem Weg zur Kaufsucht selbst fragt, welche Emotionen er durch das Kaufen regulieren will, findet dann vielleicht zu neuen Rezepten, wie er stattdessen mit Wut, Angst oder Langeweile umgehen kann. So könnten die Versuchungen der Konsumwelt allmählich ihren Reiz verlieren.
Ist der Onlinehandel ein Brandbeschleuniger für Süchte?
Ja, eindeutig. Der Onlinehandel verstärkt die Problematik: Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit, Rabattaktionen, einfache Zahlungsmöglichkeiten und gezieltes Marketing wirken wie Katalysatoren. Besonders gefährlich ist die fehlende soziale Kontrolle – man kann jederzeit und heimlich konsumieren.
Vor allem: Der Onlinehandel kennt seine Kunden und die jeweiligen Vorlieben, kann mit eingeblendeter Werbung und gezielter Ansprache auf weitere Produkte verweisen. Dann liest man „Sie haben sich für XY interessiert. Weitere Angebote finden Sie hier… “ und sieht dann eine Liste mit all den preiswerten Produkten, an die man gerade nicht gedacht hat und die man aber unbedingt noch mitbestellen muss. Selbstverständlich nach Geschlecht und Alter sortiert.
Was kaufen Süchtige typischerweise ein?
Zwar sind Frauen statistisch etwas häufiger betroffen, doch auch Männer entwickeln eine Kaufsucht. Die Unterschiede zeigen sich eher in den bevorzugten Produkten: Frauen neigen zu Kleidung, Schmuck und Kosmetik; Männer eher zu Elektronik, Werkzeugen, Autos oder Sammlerartikeln.
Im Suchtfall sind es oft Produkte, die eine kurzfristige emotionale Befriedigung versprechen: Mode, Accessoires, Beauty-Produkte, Elektronik, Spiele oder Lifestyle-Artikel. Alles zwischen Notfallsets und Nippes, Küchenartikeln und Kitsch kann der Ersatzbefriedigung dienen. Nicht der Nutzen der Produkte steht im Vordergrund, sondern allein das Glücksgefühl beim Kauf.
Hinzu kommen der Einfluss von Influencern auf Social-Media-Plattformen oder ein möglicher Gruppenzwang in Beruf und Freizeit. Wenn bekannte Gesichter ein Produkt empfehlen, kann es doch nicht falsch oder unnötig sein. Dann muss man es eben auch haben, auch wenn man es dann nie anzieht oder ausprobiert.
Neben psychischen Ursachen wie Stress, Depression oder niedrigem Selbstwertgefühl spielen auch gesellschaftliche Faktoren eine Rolle: Konsumdruck, Werbung und die ständige Verfügbarkeit von Waren. Zudem ist Kaufsucht oft eine Begleiterkrankung anderer psychischer Störungen. Eine offene Diskussion und Enttabuisierung können dazu beitragen, dass Betroffene früher Hilfe suchen. tok
Kaufsucht in Zahlen
Schätzungen: 5 bis 7 Prozent der Bevölkerung sind von einer Kaufsucht betroffen.
Der Anteil der Frauen liegt bei rund 60 Prozent.
Durchschnittliches Erkrankungsalter: Mitte 20 bis Anfang 30 Jahre.
Hohe Überschneidung mit Depressionen und Angststörungen.
Kuriose Facts zur Kaufsucht
Das „Shopping-High“ ist real: Studien zeigen, dass beim Kaufen die gleichen Hirnareale aktiviert werden wie beim Verliebtsein – Dopamin pur.
Black-Friday-Effekt: Menschen kaufen an Rabatt-Tagen oft bis zu 60 Prozent mehr unnütze Dinge – nur, weil „Sale“ draufsteht.
Schnäppchenjäger-Paradox: Viele Kaufsüchtige lieben Sonderangebote – und geben dadurch insgesamt mehr Geld aus, als wenn sie regulär gekauft hätten.
Typische „Schrankleichen“: Untersuchungen zeigen, dass Kaufsüchtige bis zu 30 Prozent ihrer Kleidung nie tragen – sie bleibt unberührt im Schrank.
Verpackung macht glücklich: Für manche ist das Auspacken („Unboxing“) aufregender als der eigentliche Besitz. Deshalb sind Online-Bestellungen besonders verführerisch.
Männer und ihre Gadgets: Während Frauen oft Mode kaufen, sind Männer berüchtigt für „Spielzeugkäufe“ – von Drohnen über Smartwatches bis hin zu exotischen Grillgeräten.
Kuriose Sammlungen: Es gibt dokumentierte Fälle von Kaufsüchtigen, die Hunderte Salzstreuer, Gartenzwerge oder Kuscheltiere angehäuft haben.
„Kaufsucht light“: Viele Nicht-Süchtige kennen den „IKEA-Effekt“: Man geht für eine Kerze rein – und kommt mit einem vollgepackten Wagen raus.