Erstmals 2009 im Ohr einer japanischen Patientin entdeckt, entwickelt sich der offenbar den Klinikalltag schätzende Hefepilz Candida auris wegen seiner Resistenzen gegen Medikamente und Desinfektionsmittel allmählich zum medizinischen Albtraum. Foto: TopMicrobialStock/stock.adobe.com

Candidozyma auris: in Kliniken heimischer, potenziell tödlicher Pilz wird zur globalen Gefahr

Ein unscheinbarer Hefepilz hat sich in den vergangenen Jahren zu einer globalen medizinischen Bedrohung entwickelt: Candida auris (nach neuerer Taxonomie: Candidozyma auris). Er wurde erstmals 2009 in Japan identifiziert – in einem Gehörgang einer Patientin. Seither verbreitet sich der Pilz rasant und ist inzwischen in über 40 Ländern nachgewiesen worden. Besonders gefährlich: Seine ausgeprägte Resistenz gegen gängige Antimykotika und seine Fähigkeit, sich in Krankenhäusern hartnäckig zu halten.

Ein tückischer Pilz mit hoher Anpassungsfähigkeit

Während andere Hefepilze wie Candida albicans schon lange als Auslöser von Infektionen bekannt sind, zeigt sich Candida auris in einer neuen Dimension. Der Pilz überlebt auf Oberflächen wie Bettgestellen, Türklinken oder medizinischen Geräten über Wochen. Für Kliniken bedeutet das: Aufwändige Hygienemaßnahmen sind notwendig, um Ausbrüche einzudämmen.

Besonders tückisch ist, dass Candida auris zunächst oft unauffällig ist. Er kann sich auf der Haut ansiedeln, ohne sofort Symptome zu verursachen. Doch sobald das Immunsystem geschwächt ist – etwa bei Intensivpatienten, Menschen mit Kathetern oder Patienten nach Operationen – schlägt er zu. Und das tut er, seitdem er nachgewiesen wurde, weltweit. Sehr häufig in Asien, Afrika und Südamerika, sowie zunehmend auch in Europa.

Mögliche Krankheitsbilder und bakterielle Sekundärinfektionen

  • Blutstrominfektionen (Candidämie): Häufig lebensgefährlich, da die Erreger in den gesamten Körper gelangen.
  • Infektionen von Wunden und Operationsstellen.
  • Befall innerer Organe wie Herz (Endokarditis), Gehirn (Meningitis) oder Nieren.
  • Ohreninfektionen, da der Pilz erstmals dort entdeckt wurde.

In vielen Fällen tritt hohes Fieber auf, das nicht auf Antibiotika anspricht. Unbehandelt können diese Infektionen zum Tod führen. Die Sterblichkeit bei schweren Infektionen liegt Studien zufolge zwischen 30 und 60 Prozent.

Candida auris schwächt den Körper zusätzlich und kann den Weg für weitere Infektionen bereiten. Da Patienten mit diesem Pilz oft schwer vorerkrankt sind, verschärft er bestehende Leiden und erhöht das Risiko für bakterielle Sekundärinfektionen.

Wie erfolgt die Ansteckung?

Die Infektion geschieht meist über direkten Kontakt – etwa durch die Hände von Pflegepersonal oder kontaminierte Oberflächen. Auch medizinische Geräte wie Katheter oder Beatmungsschläuche spielen eine Rolle. Anders als viele andere Pilzinfektionen ist Candida auris weniger durch die Umwelt, sondern fast ausschließlich durch den Klinikalltag geprägt.

Symptome und erste Anzeichen

Besonders schwierig: Die Infektion zeigt sich erst spät. Manche Patienten tragen den Pilz wochen- oder monatelang auf der Haut, bevor Symptome auftreten. Typische Warnzeichen sind:

  • anhaltendes Fieber trotz Antibiotikatherapie
  • Schüttelfrost
  • allgemeine Schwäche
  • bei Ohrinfektionen: Schmerzen, Juckreiz, Ausfluss

Diagnostisch wird Candida auris oft erst spät erkannt, da herkömmliche Labortests ihn mit anderen Hefepilzen verwechseln können. Nur moderne Verfahren wie MALDI-TOF-Massenspektrometrie oder Genanalysen liefern sichere Ergebnisse.

Der Fluch der Resistenzen

Was war das für ein medizinischer Erfolg, welche Aufbruchstimmung hatte damals das Gesundheitswesen belebt. 1928 entdeckte der schottische Arzt und Bakteriologe Alexander Fleming das erste Antibiotikum. Auf einer seiner Bakterienkulturen hatte sich ein Schimmelpilz gebildet. Fleming sah, wie dieser das Wachstum der Bakterien hemmte und die Kultur abtötete. Von da ab hat sein Penicillin die Medizin revolutioniert und Millionen Menschen das Leben gerettet.

Heute gibt es viel mehr Antibiotika mit gezielter Wirkung für spezielle Erkrankungen, und doch sind es nicht mehr genug. Der Grund: Der unsachgemäße Umgang mit Antibiotika in der Behandlung von kranken Menschen und der verantwortungslose Masseneinsatz in der Tierindustrie haben dazu geführt, dass immer mehr Keime immer mehr Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln und diese Medikamente dann nutzlos machen.

Bei Candida auris zeigt sich, dass auch Pilze solche Resistenzen gegen spezielle medizinische Pilzgifte entwickeln. Was dafür sorgt, dass Pilzerkrankungen gefährlicher werden und schwieriger zu behandeln sind.

  • Candida auris ist von vornherein oft resistent gegen Fluconazol, ein Standard-Azolderivat.
  • Manche Isolate zeigen auch Resistenzen gegen andere Azole wie Voriconazol; dafür sind neuere Azole (z. B. Posaconazol, Isavuconazol) oft noch wirksam – aber je nach Stamm unterschiedlich.
  • Auch gegen AmphotericinB wurden Resistenzen beobachtet in bestimmten Fällen.
  • Die Klasse der Echinocandine (z. B. Caspofungin, Micafungin) gelten häufig als wirksame Option, jedoch gibt es einzelne Isolate, die auch hiervon resistent oder teilresistent sind.

Pilze scheinen beim Entwickeln von Resistenzen erfinderisch zu sein. Sie nützen genetische Mutationen in Genen, die bei Azol-Wirkung eine Rolle spielen (z. B. ERG11) und Regulatorgene, die den Azol-Effekt abschwächen. Manche Isolate zeigen auch Resistenzen gegen andere Azole wie Voriconazol; dafür sind neuere Azole wie Posaconazol oder Isavuconazol oft noch wirksam – das ist aber je nach Stamm unterschiedlich.

Dann wäre da noch die Fähigkeit, Biofilme zu bilden. Diese schützen den Pilz vor Medikamenten und Desinfektionsmitteln. Auch die Anpassung der Zellwände/Membranen, Effluxpumpen und anderes mehr kann zur Resistenz beitragen, ähnlich wie das auch bei anderen multiresistenten Mikroorganismen der Fall ist.

Eine Therapie für alle Fälle gibt es nicht

Es gibt keine universelle Therapie, da der Wirkstoff abhängig ist vom Resistenzprofil (dem Antimykogramm) des jeweiligen Stammes. Vor Beginn der Therapie sollte möglichst eine Empfindlichkeitsprüfung erfolgen. Empfohlene Wirkstoffe in Deutschland (NRZMyk) sind Echinocandine, Amphotericin B und neuere Azole wie Posaconazol (je nach Wirksamkeit). Fluconazol wird als nicht zuverlässig wirksam angesehen. Es gibt wenig Medikamente, die selektiv Pilze angreifen, ohne auch menschliche Zellen zu schädigen. Das schränkt die Wirkstoffentwicklung ein. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Patienten mit einer Immunsuppression schwere Krankheitsverläufe haben und ein geschwächtes Immunsystem eine denkbar schlechte Basis für eine erfolgreiche Behandlung ist.

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie sind strenge Hygienemaßnahmen, die Isolierung von Patienten, die Entfernung potentieller Eintrittsstellen wie Katheter oder anderes Fremdmaterial, das Screening von Kontaktpersonen und die Überwachung innerhalb von Einrichtungen unerlässlich.  

Herausforderungen in der Therapie

Pilze wachsen oft langsam und die Identifikation braucht spezialisierte Verfahren, weshalb ein Befall oft erst spät erkannt wird. Eine späte Diagnose beziehungsweise eine fehlerhafte Identifikation, weil herkömmliche Tests den Pilz oft mit anderen Candida-Arten verwechseln, verzögert eine notwendige Therapie. Multiresistente Stämme können dazu führen, dass kaum ein Wirkstoff wirkt – manchmal muss man Kombinationstherapien probieren oder auf seltene Medikamente ausweichen. Die Nebenwirkungen der verfügbaren Medikamente wie etwa Amphotericin B können schwer sein, besonders bei geschwächten Patienten.

Es gibt Bemühungen, neue Antimykotika wie auch neue Wirkstoffklassen zu entwickeln. Einige werden gerade in klinischen Studien getestet. Kombinations-Therapien, in denen mehrere Wirkstoffe gleichzeitig eingesetzt werden, um Resistenzen zu überwinden, sind ebenfalls im Fokus der Forschung. Noch im Anfangsstadium ist die Forschung im Bereich Impfstoffe. Ebenso arbeitet man an einer effizienteren Diagnostik (zum Beispiel schnelle molekulare Tests, Gen-Sequenzierung, MALDI-TOF und anderes mehr), um schneller reagieren zu können.

Wie ist die Candida-auris-Situation in Deutschland?

2023 wurden in Deutschland insgesamt 77 Fälle von Candida-auris-Nachweisen gemeldet – diese Zahl ist etwa sechsmal so hoch wie in den Vorjahren. Hier gab es stets nur etwa ein Dutzend Fälle pro Jahr. Ist 2023 also nur ein einmaliger, zufälliger Ausrutscher in der Statistik? Leider wohl nicht, denn auch in anderen europäischen Ländern nehmen die Candida-auris-Infektionen deutlich zu.

Von den 77 Fällen in Deutschland in 2023 lag in 58 Fällen eine „Besiedlung“ vor. Das heißt: Der Pilz war zwar nachweisbar, aber nicht zwingend mit Symptomen einer Infektion verbunden. In 13 Fällen wurde eine tatsächliche Infektion diagnostiziert. In 6 Fällen war der Status unklar. Über Candida-auris-Infektionen lagen aktuell keine Zahlen vor.  

In Zukunft müssen wir wohl mit noch mehr solcher Fälle rechnen. Das deutliche Anwachsen der Fälle in Deutschland und Europa gibt schon eine Richtung vor. Auch die höhere Sensibilität für dieses spezielle Pilzproblem bei einer gleichzeitig besser werdenden Diagnostik mit höherer Trefferquote werden die Zahlen in der Candida-auris-Statistik nach oben schnellen lassen. Wird es ein breites, gezieltes Screening geben, könnten weitere Fälle dazu addiert werden, die früher nicht erkannt worden wären.

Letztlich deutet auch die Entwicklung der Patientenstruktur in Krankenhäusern, wo sich Candida auris offenbar besonders wohfühlt, auf mehr Infektionen hin. Immer mehr ältere und schwache Patienten mit schweren Grunderkrankungen, mehr invasiven Eingriffen, mehr Intensivpflege und einem häufigeren Einsatz von Fremdmaterialien wie Katheter oder Implantate stoßen in den Kliniken auf immer resistente Pilze – das begünstigt große Ausbrüche.

Was muss man tun, um das Problem unter Kontrolle zu halten?

Hygiene und Isolation zeigen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen aktuell schon Wirkung. Betroffene Patienten müssen sofort von anderen Patienten getrennt werden. Und das beginnt das professionelle Putzen mit den passenden Mitteln, denn Candida auris sind auch teilweise gegen Desinfektionsmittel resistent. Gleichzeitig gilt es auch das Personal intensiv zu schulen, damit sie den Umgang mit den Patienten sicher gestalten können, beziehungsweise die Umgebung optimal und nachhaltig wirksam reinigen und so von Pilzen befreien können.

In Deutschland Effektivere Meldesysteme: Seit Juli 2023 muss in Deutschland der Pilz-Nachweis aus Blut und primär sterilen Materialien sowie Ausbrüchen gemeldet werden. Das ist schon mal ein Fortschritt gegenüber vielen anderen Ländern, doch das Erfassen schwerer Fälle ist nicht genug. Da Menschen den Hefepilz lange unbemerkt mit sich herumtragen können, sind sie auch mögliche Überträger. Eine Meldepflicht für alle Candida-auris-Funde wäre hilfreicher. Weitergedacht, könnte man sich auch ein Screening von Patienten aus Hochrisikogebieten oder von Patienten, die aus dem Ausland kommen, vorstellen. Plus ein generelles Monitoring, um zum Beispiel eine schnellere, exaktere Rückverfolgbarkeit der Infektion zu gewährleisten.

Ein Pilz mit Pandemie-Potenzial?

Den Pilz ganz ausrotten? Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach nie möglich sein. Eher schon werden noch mehr Pilzarten mit weiteren Infektionskrankheiten auftauchen. In einem Artikel im Online-SPIEGEL schreiben die Autoren: „Meist vertragen Pilze hohe Temperaturen nicht, die menschliche Körpertemperatur von 37 Grad Celsius ist ihnen schlicht zu warm. Durch den Klimawandel steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit für heiße Tage mit Temperaturen ab 30 Grad Celsius und mehr. Das erhöht den Druck auf die Pilze, sich anzupassen. Laut einer 2019 veröffentlichten Studie könnte C. auris der erste Pilz sein, dem es durch den Klimawandel gelungen ist, sich an höhere Temperaturen anzupassen und dadurch auch in Menschen zu überleben.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Candida auris inzwischen als „vorrangig gefährlichen“ Pilzerreger ein. Grund: Seine Resistenz, seine Hartnäckigkeit und die steigende Zahl schwerer Infektionen weltweit. Manche Forscher vergleichen seine Bedrohung mit der von multiresistenten Bakterien. Für gesunde Menschen besteht zwar kaum Gefahr, doch in Kliniken kann Candida auris zur tickenden Zeitbombe werden. Experten fordern daher: konsequente Hygienemaßnahmen, verstärkte Forschung und die Entwicklung neuer Antimykotika.      tok