Wenn nichts mehr geht im Gedankennebel und die Lebens-Batterie fast leer ist – Burnout-Diagnosen sind bei AOK-versicherten Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren um 77 Prozent angestiegen. Foto: Viskia – KI-generiert/stock.adobe.com

Ausgebrannt: Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen in zehn Jahren um 42 Prozent gestiegen

Die stetige Zunahme von Krankmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen und die damit verbundenen langen Ausfallzeiten der Beschäftigten sind wesentliche Treiber für den Anstieg der Fehlzeiten in den vergangenen Jahren. Das zeigen die Analysen des aktuellen Fehlzeiten-Reports 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) mit dem Schwerpunktthema „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“. Doch warum ist das so?

Dauer der Krankschreibung ist besonders lange

Die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen sind bei den AOK-versicherten Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren um knapp 42 Prozent gestiegen. Während 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder zu verzeichnen waren, lag dieser Wert 2025 bei 403 Tagen je 100 Mitglieder. Im Vergleich der verschiedenen Krankheitsarten lagen die psychischen Erkrankungen 2025 mit durchschnittlich 14,1 AU-Fällen je 100 Mitglieder zwar weit hinter den Atemwegserkrankungen, die mit 80,3 Fällen AU-Fällen je 100 Mitglieder die Statistik anführen. Sie nahmen aber bei der durchschnittlichen Dauer der Krankschreibung je Fall mit 28,5 Tagen einen Spitzenplatz ein.

Zum Vergleich: Bei den Atemwegserkrankungen waren es 2025 nur 5,7 Tage je Fall. Ein überdurchschnittlicher Anstieg von 77 Prozent war laut Fehlzeiten-Report bei den Burnout-Diagnosen zu verzeichnen: Während 2016 noch 11,0 Ausfalltage je 100 AOK-Mitglieder mit der Diagnose Burnout erfasst wurden, waren es 2025 bereits 19,5 Tage.

Insgesamt leicht rückläufige Fehlzeiten 2025 und im ersten Halbjahr 2026

Über alle Erkrankungen hinweg gab es bei den Fehlzeiten nach den Höchstständen der vergangenen Jahre jedoch einen leicht rückläufigen Trend. So waren 2025 insgesamt 23,3 Arbeitsunfähigkeitstage je AOK-Mitglied zu verzeichnen. Damit lag der Wert leicht unter dem Spitzenwert aus dem Jahr 2022 (24,5 Tage) und der Jahre 2023 und 2024 (jeweils 23,9 Tage), aber immer noch deutlich über dem Niveau vor der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU).

„Die eAU hat neben weiteren Faktoren wie dem Anstieg der Atemwegserkrankungen infolge der Corona-Pandemie und dem stetigen Zuwachs bei den psychischen Erkrankungen zu einer vollständigeren Erfassung der Krankmeldungen und zu einem Niveau-Shift nach oben geführt“, so die Einordnung von Helmut Schröder, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die erfassten AU-Tage unter dem Niveau des ersten Halbjahres 2025, sodass in diesem Jahr mit einem weiter sinkenden Krankenstand zu rechnen ist.

Quelle: Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) / Grafik: Kurtz – KI-generiert

Deutliche Unterschiede zwischen Berufsgruppen bei Krankmeldungen wegen Psyche

Bei den Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen: Weit vorne lagen 2025 Berufe im Dialogmarketing mit 39,0 AU-Fällen je 100 Mitglieder, gefolgt von Berufen in der Haus- und Familienpflege (25,6 Fälle) und Berufen in der Altenpflege (24,9 Fälle). Auf den weiteren Plätzen folgten zwei Berufe aus der Arbeit mit Kindern: Beschäftigte in der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6 Fälle) sowie Berufe in der Kinderbetreuung und -erziehung (23,0 Fälle).

„In diesen Berufen wirken mehrere psychosoziale Belastungsfaktoren, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken“, sagt Prof. Dr. med. Steffi Riedel-Heller, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig und Autorin im Fehlzeiten-Report. „Hohe emotionale Anforderungen, Verantwortung für andere Menschen und ein hohes Arbeitspensum in Kombination mit begrenzter Kontrolle über Arbeitsabläufe und oftmals unzureichende soziale Unterstützung wirken sich in häufigeren und längeren Fehlzeiten aus.“

Die längsten Ausfallzeiten bei den psychischen Erkrankungen entfielen laut Report auf die Diagnose „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“, gefolgt von depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.

Sorgen um die eigene wirtschaftliche Existenz machen krank

In einer aktuellen Beschäftigten-Befragung für den Fehlzeiten-Report 2026 wird deutlich, dass Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation oder die Angst vor Arbeitslosigkeit bei den Beschäftigten mit mehr Belastungen wie Niedergeschlagenheit, Wut oder Erschöpfung einhergehen. „Angesichts einer zunehmend angespannten wirtschaftlichen Situation in Deutschland ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Sorgen wie auch die psychischen Belastungen und kognitiven Irritationen verstärken werden. Dies könnte sich perspektivisch auch negativ auf die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen auswirken“, so die Einschätzung von WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder.

Es gelte daher, im betrieblichen Setting unterstützende Angebote zu entwickeln, die helfen, die Situation für Unternehmen, Führungskräfte und Beschäftigte gleichermaßen zu entlasten.

Krankengeld-Ausgaben deutlich gestiegen

Die Relevanz des Themas „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt“ spiegele sich auch in den Statistiken zum Krankengeld wider, betonte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für das Krankengeld steigen seit vielen Jahren. 2025 machten sie nach vorläufigen Daten mit 21,6 Milliarden Euro etwa 6,1 Prozent der GKV-Gesamtausgaben aus.

Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es noch 11,2 Milliarden Euro, was damals einem Anteil von 5,2 Prozent an den Gesamtausgaben entsprach. „Dieser Anstieg hat unter anderem mit einer höheren Erwerbsquote und mit gestiegenen Löhnen zu tun. Aber auch die Fallzahlen und insbesondere die Dauer je Fall steigen. Hierbei sind die psychischen Erkrankungen ein wichtiger Faktor“, betonte Reimann.

So sei die Zahl der Krankengeldfälle wegen psychischer Erkrankungen zwischen 2021 und 2025 um knapp 25 Prozent gestiegen, während sie bei somatischen Erkrankungen wie beispielsweise Rückenbeschwerden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt rückläufig sei. Auch bei den Ausgaben schlagen die psychischen Erkrankungen durch: Während bei den somatischen Erkrankungen zwischen 2021 und 2025 eine Steigerung um 27 Prozent zu verzeichnen war, lag der Anstieg bei den psychischen Erkrankungen bei 54 Prozent.

„Das hat auch mit den überdurchschnittlich langen Falldauern bei diesen Erkrankungen zu tun“, so Reimann. Bei diesem Thema gebe es „ganz offensichtlich Handlungsbedarf“, um einem weiteren Anstieg entgegenzuwirken und die Beschäftigten möglichst gesund zu erhalten. Die AOK-Vorständin begrüßte in diesem Zusammenhang die Erleichterungen beim Krankengeld-Management der gesetzlichen Krankenkassen, die ab Januar 2027 greifen. Zudem verwies sie auf die Aktivitäten von AOK und anderen gesetzlichen Krankenkassen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung.

Riedel-Heller: Fehlzeiten kein Maß für Häufigkeit psychischer Krankheiten

Steigende psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeitszeiten bedeuteten nicht automatisch, dass psychische Erkrankungen in der Bevölkerung im gleichen Umfang zugenommen haben, sagte die Expertin Prof. Dr. med. Riedel-Heller. Die Fehlzeiten seien ein wichtiger Indikator, aber kein direktes Maß für die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung. „Psychische Erkrankungen werden heute besser erkannt, offener angesprochen und häufiger behandelt. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf reale Zunahmen psychischer Belastungen und einzelner Störungen, insbesondere bei jüngeren Menschen.“

Arbeit könne nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Ressource für psychische Gesundheit sein, betonte Riedel-Heller. „Gute Arbeit bietet Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit.“ Wenn man psychisch bedingte Fehlzeiten reduzieren wolle, sei die Gestaltung der Arbeitsbedingungen entscheidend: „Gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen, gestärkte Beschäftigte, frühe Unterstützung bei Problemen und gute Wege zurück in die Arbeit gehören zusammen“, so die Expertin.

Die Verantwortung für psychische Gesundheit dürfe nicht allein beim einzelnen Beschäftigten abgeladen werden. Neben der Förderung der individuellen psychischen Gesundheit des Einzelnen gehöre auch eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Verhältnisse am Arbeitsplatz dazu. Neben der Betrieblichen Gesundheitsförderung sei auch das Betriebliche Eingliederungsmanagement ein wichtiger Faktor für Betriebe, um psychisch erkrankten Beschäftigen Schritt für Schritt die Rückkehr in die Arbeitswelt zu ermöglichen.  

In Baden-Württemberg liegen die AU-Tage unter dem Bundesdurchschnitt

So sieht es in Baden-Württemberg aus: Bei den AOK-versicherten Beschäftigten im Land stiegen die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen seit 2016 um knapp 30 Prozent: von 267 Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 347 im Jahr 2025. Etwa jeder sechste Ausfalltag geht damit auf eine psychische Erkrankung zurück.

„Auch wenn die Fehlzeiten bei uns niedriger sind als im Bundesschnitt, dürfen wir uns davon nicht beruhigen lassen. Der Anstieg zeigt, dass die psychische Gesundheit im Arbeitsalltag und darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit braucht.“
Johannes Bauernfeind
, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg

2025 gab es in Baden-Württemberg 12,3 AU-Fälle je 100 Mitglieder wegen psychischer Erkrankungen, bei den Atemwegserkrankungen waren es 78,4. Eine Krankschreibung wegen einer psychischen Erkrankung dauerte aber durchschnittlich 28,1 Tage, bei Atemwegserkrankungen nur 5,2 Tage. Die Fehlzeiten bei Burnout-Diagnosen haben sich seit 2016 fast verdoppelt (plus 96 Prozent, von 8,8 auf 17,2 Tage je 100 Mitglieder; bundesweit plus 77 Prozent). Die meisten Ausfalltage entfielen auf depressive Episoden (114,0 Tage je 100 Mitglieder), gefolgt von Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (106,9 Tage).

Über alle Erkrankungen hinweg verzeichnete die AOK in Baden-Württemberg 2025 im Schnitt 21,0 AU-Tage je Mitglied, das entspricht einem Krankenstand von 5,8 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die AU-Tage in Baden-Württemberg bei 20,9 Tagen je Mitglied (bezogen auf ein volles Versichertenjahr) und damit um 3,2 Prozent unter dem Wert des ersten Halbjahres 2025 (21,6 Tage). 

Im Durchschnitt aller Berufe gab es 2025 in Baden-Württemberg 12,3 AU-Fälle je 100 Mitglieder wegen psychischer Erkrankungen. Weit darüber lagen Berufe im Dialogmarketing (32,4 Fälle), in der Haus- und Familienpflege (22,1), in der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (20,6), in der Altenpflege (19,9) und in der Erziehungswissenschaft (18,9).

„Wer sich täglich um andere kümmert, braucht selbst verlässliche Rahmenbedingungen und Entlastung. Arbeitgeber sollten Belastungen deshalb im Blick haben und frühzeitig gegensteuern.“
Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg

Deutliches Plus bei Krankengeld-Ausgaben

Auch die Krankengeld-Ausgaben der AOK Baden-Württemberg sind deutlich gestiegen: 2025 lagen sie bei 1,3 Milliarden Euro und damit bei 6,6 Prozent der Gesamtausgaben. Zehn Jahre zuvor waren es 607 Millionen Euro (5,1 Prozent). „Dass das Krankengeld bei uns einen deutlich größeren Anteil an den Gesamtausgaben ausmacht als vor zehn Jahren, beobachten wir aufmerksam. Umso wichtiger ist es, Erkrankungen früh zu erkennen, Beschäftigte rechtzeitig zu unterstützen und ihnen nach längerer Krankheit den Weg zurück in den Job zu erleichtern“, sagt Bauernfeind.

„Psychische Gesundheit ist keine reine Privatsache der Beschäftigten, sondern eine gemeinsame Aufgabe von Beschäftigten, Betrieben und Krankenkassen. Je früher wir Belastungen erkennen und gemeinsam gegensteuern, desto besser gelingt es, Menschen gesund und damit motiviert und leistungsfähig im Job zu halten.“
Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg

Info

Der Fehlzeiten-Report wird seit 1998 vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Berliner Hochschule für Technik herausgegeben. Neben detaillierten Analysen zur jüngsten Entwicklung des Krankenstandes beinhaltet der aktuelle Report insgesamt 25 Beiträge zum Schwerpunktthema „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“. Weitere Informationen zum Fehlzeiten-Report plus eine Bestellmöglichkeit finden Sie hier.

Im Fehlzeiten-Report 2026 finden sich neben diversen Zahlen und Statistiken auch 25 Beiträge zum Thema „Mentale Gesundheit“. Foto: Springer