Erfahrungen aus der Coronapandemie haben gezeigt, dass die telefonische Krankschreibung verantwortungsvoll genutzt wurde und eine Möglichkeit sein kann, Arztpraxen zu entlasten und zu einer Reduzierung von Kontakten mit erkrankten Personen beitragen kann, so Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Foto: kebox/stock.adobe.com

AOK-Chefin: Abschaffung der telefonischen Krankschreibung wird Krankenstand nicht senken

Zu den Beschlüssen des Koalitionsausschusses, die unter anderem eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung vorsehen, äußert sich die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, kritisch: Der geringe Anteil der telefonischen Krankschreibungen könne den starken Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsmeldungen nicht erklären. 

Fehlgeleitete Ursachensuche und mehr Bürokratie

Hier lesen das Statement der Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbandes im Wortlaut:

Dr. Carola Reimann: „Mehrere Auswertungen haben gezeigt, dass die Einführung der Krankschreibung per Telefon nicht die Ursache für den starken Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsmeldungen in den letzten Jahren sein kann. Der geringe Anteil der telefonischen Krankschreibungen kann den starken Anstieg der AU-Fälle nicht erklären.“

„Er ist unter anderem durch die Einführung der elektronischen Krankmeldung im Jahr 2022 verursacht worden, die zu einer vollständigeren Erfassung der AU-Bescheinigungen bei den Krankenkassen geführt hat. Für einen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung sehen wir keine Evidenz. Daher ist ihre Abschaffung aus unserer Sicht keine Maßnahme, die den Krankenstand senken wird, sondern reine Symbolpolitik.“

„Zudem ist nicht nachvollziehbar, was die verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag mit dem erklärten Ziel der Entbürokratisierung zu tun haben soll. Sie wird im Gegenteil zu einem erheblichen Mehraufwand und zu einer zusätzlichen Belastung in den Arztpraxen und zu insgesamt höheren Kosten für das Gesundheitssystem führen.“

Das sagen die Fachleute zur elektronischen Krankmeldung (eAU)

Die krankheitsbedingten Fehlzeiten von AOK-versicherten Beschäftigten sind 2025 leicht zurückgegangen. Laut einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) bleibt das Niveau dennoch hoch. Eine Rolle spielt die seit 2022 vollständigere Erfassung kurzer Erkrankungen durch die elektronische Krankschreibung (eAU). Gleichzeitig verursachen vor allem Langzeiterkrankungen – zunehmend auch psychische Krankheiten – einen großen Teil der Ausfallzeiten.

AOK-versicherte Beschäftigte waren 2025 im Durchschnitt 23,3 Tage krankgeschrieben. Damit liegen die Fehlzeiten etwas unter dem Vorjahr (23,9 Tage) und rund einen Tag unter dem bisherigen Höchststand von 2022 (24,5 Tage). Der WIdO-Analyse zufolge hängt das seit 2022 hohe Niveau vor allem mit der Einführung der eAU zusammen. Seitdem werden Krankmeldungen automatisch von Arztpraxen an die Krankenkassen übermittelt. Dadurch werden insbesondere kurzzeitige Erkrankungen vollständiger erfasst. „Die Einführung der elektronischen Krankschreibung im Jahr 2022 hat bei den beruflichen Fehlzeiten zu einer bemerkenswerten Niveau-Verschiebung nach oben geführt“, sagte WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder.

Eine Modellrechnung des WIdO verdeutlicht diesen statistischen Effekt: Wären die Entwicklungen der Jahre 2016 bis 2019 fortgeschrieben worden, hätte das Jahr 2025 rechnerisch nur etwa 20,8 Fehltage ergeben – rund 2,5 Tage weniger als tatsächlich gemessen. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied bei kurzfristigen Erkrankungen. Während 2016 noch 6,7 Fehltage auf Erkrankungen bis zu 14 Tagen entfielen, waren es 2022 bereits 10,1 und 2025 durchschnittlich 9,1 Tage. „Der starke Anstieg der Fehlzeiten wegen Kurzzeit-Erkrankungen ist ein Hinweis darauf, dass wir heute viele Fälle erfassen, die früher nicht gemeldet wurden“, betonte Schröder. Besonders häufig lägen solchen Krankschreibungen akute Atemwegsinfektionen zugrunde.

Vor eAU nicht immer alle Fälle der Krankenkasse gemeldet

„Der Krankenstand liegt höchstwahrscheinlich aufgrund einer erhöhten Empfänglichkeit für Infektionen und aufgrund der neuen, zusätzlichen viralen Erkrankungen der letzten Jahre insgesamt höher“, so die WIdO-Expertin. Es gibt aber auch andere mögliche Gründe: So kann die Einführung der elektronischen Krankmeldungen zu einer vollständigeren Erfassung der AU-Bescheinigungen beigetragen haben. „Es ist zu vermuten, dass vor der Einführung der eAU nicht alle Versicherten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen bei der Kasse eingereicht haben, sodass wir nun ein vollständigeres Bild haben“, so Johanna Baumgardt, Forschungsbereichsleiterin für Betriebliche Gesundheitsförderung im WIdO und Mitherausgeberin des Fehlzeiten-Reports.

Die AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann ging auf einen anderen Aspekt ein, der zuletzt im Zusammenhang mit den hohen Krankenständen diskutiert worden ist: Mitte September 2025 hatte der damalige Bundesfinanzminister Christian Lindner die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung gefordert, weil es eine Korrelation zwischen dem hohen Krankenstand und der Einführung dieser Maßnahme gebe. „Diese gefühlte Wahrheit können wir nicht bestätigten“, betonte Reimann.

„Verschiedene Auswertungen des WIdO zu den Fehlzeiten in der Pandemie lassen den Schluss zu, dass mit der damals neu eingeführten Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung sehr verantwortungsvoll umgegangen worden ist.“ Weder 2020 noch 2021 seien im Zusammenhang mit der damals neu eingeführten Option höhere Krankenstände zu sehen gewesen. „Insofern haben die Erfahrungen aus der Pandemie gezeigt, dass die telefonische Krankschreibung verantwortungsvoll genutzt wurde und eine Möglichkeit sein kann, die Arztpraxen gerade in Infektionswellen zu entlasten und zu einer Reduzierung von Kontakten mit erkrankten Personen beitragen kann“, sagte Reimann.

Sie sprach sich für eine Beibehaltung dieser Möglichkeit aus, die der Gemeinsame Bundesausschuss im Dezember 2023 dauerhaft beschlossen hatte.    pm