Physiotherapie ist der Kostentreiber im Heilmittelbereich. Mit 114.389 Euro je 1000 Versicherte sind 2024 bei der AOK rund zwei Drittel der gesamten Heilmittelausgaben allein auf diesen Bereich entfallen. Insgesamt summierten sich die Heilmittelausgaben der AOK auf 4,79 Milliarden Euro. Foto: Gorodenkoff/stock.adobe.com

4,8 Milliarden Euro in 2024: Ungebremster Anstieg der AOK-Ausgaben für Heilmittel

Heilmitteltherapien von AOK-Versicherten haben 2024 mit knapp 4,8 Milliarden Euro zu Buche geschlagen. Das zeigt der Heilmittelbericht 2025 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Damit haben sich die Heilmittelausgaben innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt – ausgehend von 2,1 Milliarden Euro im Jahr 2015. Allerdings bleibt die Lohnentwicklung in den Heilmittelberufen hinter den Ausgabensteigerungen zurück.

Einspareffekt verpasst

Beim Anstieg der Ausgaben spielten Faktoren wie der Mengeneffekt oder die Demographie eine vernachlässigbare Rolle. Entscheidend war vielmehr eine gesetzliche Neuregelung zur bundeseinheitlichen Angleichung des Vergütungsniveaus im Jahr 2019. Sie führte dazu, dass ab 1. Juli 2019 für die jeweiligen Leistungspositionen bundesweit die Preise der Region mit den höchsten Vergütungen gültig waren. Dieser Höchstpreis wurde in den Jahren danach Schritt für Schritt durch bundeseinheitliche Versorgungsverträge abgelöst, die der GKV-Spitzenverband mit den Spitzenorganisationen der Heilmittelerbringer für jeden Leistungsbereich verhandelte.

In einer Modellierung hat das WIdO berechnet, welche Heilmittelausgaben 2024 erreicht worden wären, wenn die gesetzliche Anpassung 2019 nicht stattgefunden hätte. Dabei wurden die Kostensteigerungen der Heilmittelleistungen in den sechs Jahren vor der gesetzlichen Neuregelung und die Veränderungen in der Alters- und Geschlechtsstruktur der AOK-Versicherten berücksichtigt. Nach der Modellrechnung hätten die Heilmittelausgaben 2024 mit 4,03 Milliarden Euro knapp ein Fünftel (18,9 Prozent) unter dem realen Umsatz in Höhe von 4,79 Milliarden Euro gelegen. „Werden die Ergebnisse dieser Modellrechnung der AOK-Heilmittelausgaben auf die GKV-Ausgabenstatistik angelegt, so ist davon auszugehen, dass die Umsetzung der höchsten Vergütungen in 2019 für die Gesetzlichen Krankenkassen in 2024 zu Mehrausgaben in Höhe von mehr als 2,5 Milliarden Euro geführt hat“, so Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Das gab die AOK in 2024 für Heilmittel  aus

HeilmittelfeldVerordnungen je 1000 VersicherteBehandlungen je 1000 VersicherteGesamtumsatz 2024Umsatz je 1000 VersicherteDurchschnittlicher Umsatz je Patient
Physiotherapie40232943,21 Mrd. €114.389 €731 €
Ergotherapie40430806,6 Mio. €28.741 €1797 €
Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie (SSSST)28288578,9 Mio. €20.625 €1635 €
Podologie30244578,8 Mio. €6995 €427 €
Alle Heilmittel gesamt50042564,79 Mrd. €170.795 €933 €

Ergotherapie profitiert am meisten

Der Bereich der Ergotherapie hat von den gesetzlichen Neuregelungen am stärksten profitiert: Die vom WIdO modellierten Ausgaben für 2024 liegen in diesem Bereich mehr als ein Viertel unter den faktischen Heilmittelausgaben (25,7 Prozent). In der Physiotherapie liegt der Vergleichswert 16,8 Prozent unter den tatsächlichen Ausgaben, in der Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie (SSSST) 13,5 Prozent.

Die Auswirkungen der bundeseinheitlichen Vergütungsniveaus sind regional unterschiedlich: Während der modellierte Heilmittelumsatz in Hamburg nur knapp 4 Prozent unter den realen Kosten liegt, liegen die realen Heilmittelausgaben in Sachsen-Anhalt 51,1 Prozent über dem modellierten Umsatz. Das lässt sich dadurch erklären, dass das Vergütungsniveau in den östlichen Bundesländern weit unter dem Niveau aller anderen Bundesländer lag und sich die Preisanpassung dort entsprechend stärker auswirkte.

Löhne nur um durchschnittlich 35 Prozent gestiegen

„Das erklärte Ziel des Gesetzgebers war es, mit den Neuregelungen im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) die Attraktivität der Heilmittelberufe durch eine höhere Vergütung zu steigern und dadurch die Versorgung der Patientinnen und Patienten auch langfristig zu sichern“, so Helmut Schröder, Geschäftsführer im WIdO. „Die Lohnentwicklung dieser Berufe bleibt jedoch deutlich hinter den Umsatzsteigerungen zurück.“

Während die Heilmittelausgaben der AOK seit 2018 um 80 Prozent gestiegen sind, war bei den Entgelten für Berufe in der Physiotherapie, der Ergotherapie und der Sprachtherapie von 2018 bis 2024 nur ein Anstieg von 35 Prozent zu verzeichnen. Dies geht aus der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit hervor. 2024 lag das durchschnittliche bundesweite Medianentgelt einer sozialversicherungspflichtigen vollbeschäftigten Person im Heilmittelbereich bei 3296 Euro, 2018 waren es noch 2434 Euro. In der Physiotherapie stiegt das Medianentgelt um 36,1 Prozent, in der Sprachtherapie um 40,3 Prozent und in der Ergotherapie um 35,2 Prozent, wobei das Medianentgelt der Ergotherapeuten durchschnittlich am höchsten ausfiel.

Auch in Baden-Württemberg sind die Heilmittelausgaben stark angestiegen

Trotz dieses Anstiegs der Heilmittelausgaben, die um rund 66,5 Prozent von 2018 bis 2024 gestiegen sind, ist die Entwicklung der Löhne in den Heilmittelberufen in Baden-Württemberg nicht in gleichem Maße erfolgt. Die Entgelte für Fachkräfte in der Physiotherapie, Ergotherapie sowie Sprachtherapie stiegen von 2018 bis 2024 um 30,4 Prozent. Dabei zeigt sich, dass die Gehälter der Fachkräfte deutlich hinter den Ausgabenerhöhungen zurückbleiben.

In Baden-Württemberg lag das durchschnittliche Medianentgelt der Fachkräfte im Jahr 2024 bei 3352 Euro. Damit ist die Steigerung gegenüber 2015 (2353 Euro) zwar spürbar, jedoch nicht ausreichend, um mit den deutlichen Ausgabenerhöhungen Schritt zu halten. Die AOK Baden-Württemberg stellt darüber hinaus fest, dass die tatsächlichen Heilmittelausgaben im Jahr 2024 aufgrund der gesetzlichen Neuregelung zur Angleichung der Vergütung deutlich höher ausfielen als die modellierten Ausgaben ohne diese Anpassung. Die Differenz zwischen den tatsächlichen und den modellierten Ausgaben für 2024 liegt bei rund 10,2 Prozent, was den Unterschied zwischen den realen Ausgaben und den Ausgaben ohne die gesetzliche Anpassung widerspiegelt.

Im Hinblick auf die künftige Entwicklung der Gesundheitsversorgung fordert die AOK Baden-Württemberg eine verstärkte Aufmerksamkeit für die Lohnentwicklung in den Heilmittelberufen. „Die Zielsetzung des Gesetzgebers, mit der Neuregelung die Attraktivität der Heilmittelberufe zu steigern, wurde zwar durch eine Anpassung der Vergütung erreicht, jedoch bleibt die Lohnentwicklung hinter den tatsächlichen Kostensteigerungen zurück“, erklärt Carina Kilcher, Spezialistin Heilmittel bei der AOK Baden-Württemberg.

Info

Im aktuell erschienenen Heilmittelbericht 2025 werden die rund 14 Millionen Heilmittelverordnungen analysiert, die 2024 für die AOK-Versicherten abgerechnet wurden. Die Analysen zeigen Kennzahlen der Versorgung nach Alter, Geschlecht, verordnender Facharztgruppe und ICD-Diagnose. Abbildungen und Tabellen veranschaulichen die häufigsten Versorgungsanlässe und Prävalenzen.     pm/tok