Zero-Getränke im Faktencheck: Sind Softdrinks ohne Zucker wirklich gesünder – oder unterschätztes Gesundheitsrisiko?

Sie stehen in jedem Kühlregal, tragen Namen wie „Zero“, „Light“ oder „ohne Zucker“ – und versprechen das Beste aus zwei Welten: süßer Geschmack ohne Kalorien. Für viele sind solche Getränke der Kompromiss zwischen Genuss und Gesundheit. Doch wie gut ist dieser Deal wirklich?

Was „Zero“ überhaupt bedeutet

„Zero“ heißt in der Regel: kein (oder nahezu kein) Zucker, dafür Süßstoffe (z. B. Aspartam, Acesulfam-K, Sucralose, Steviolglycoside) oder Zuckeraustauschstoffe. Kalorien werden so deutlich reduziert – aber der süße Geschmack bleibt.

Was die Studienlage für „Zero“ spricht: weniger Zucker, oft ein kleiner Vorteil

Aus gesundheitlicher Sicht ist ein Punkt ziemlich robust: Wer zuckerhaltige Softdrinks durch Getränke ohne Zucker ersetzt, spart Zucker und Energie – und das kann helfen, Gewicht und Stoffwechselwerte zu verbessern.

  • Eine große systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse (JAMA Network Open, 2022) kommt zu dem Ergebnis, dass Low-/No-Calorie-gesüßte Getränke als Ersatz für zuckergesüßte Getränke mit kleinen Verbesserungen bei Gewicht und kardiometabolischen Risikofaktoren verbunden sind – und in der betrachteten Zeit keine Hinweise auf Schaden zeigten.
  • Auch neuere Arbeiten, die sich explizit auf den Austausch von Zuckergetränken konzentrieren, berichten einen (kleinen) langfristigen BMI-Effekt zugunsten nicht-kalorischer Alternativen.

Wichtig: Der Vorteil entsteht vor allem dann, wenn „Zero“ wirklich Zuckergetränke ersetzt – und nicht einfach zusätzlich getrunken wird.

Der große Streitpunkt: Beobachtungsstudien finden Risiken – aber beweisen keine Ursache

In vielen Beobachtungsstudien (Kohorten) taucht ein Muster auf: Menschen, die häufiger „diet/zero“ konsumieren, zeigen statistisch öfter ungünstige Gesundheitsereignisse (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Ein prominentes Beispiel ist die französische NutriNet-Santé-Kohorte:

  • Dort war eine höhere Aufnahme von künstlichen Süßstoffen mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert.
  • In einer weiteren Auswertung derselben Kohorte war ein höherer Konsum künstlicher Süßstoffe mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert (insbesondere für Aspartam und Acesulfam-K).

Solche Ergebnisse sind ernst zu nehmen – aber: Assoziation ist nicht Kausalität. Gerade bei „Zero“ ist Reverse Causality plausibel: Menschen trinken oft erst dann mehr „Light/Zero“, wenn bereits Übergewicht, Diabetes-Risiko oder ein gesundheitliches Problem besteht. Genau diese Verzerrungen werden in der Debatte regelmäßig als mögliche Erklärung genannt.

WHO vs. Zulassungsbehörden: gleicher Datenpool, unterschiedliche Schlussfolgerungen

2023 sorgte die WHO für Schlagzeilen: Sie riet in einer Leitlinie von Nicht-Zucker-Süßstoffen zur Gewichtsreduktion ab – mit dem Argument, dass es keinen nachhaltigen Nutzen für Körperfett gebe und mögliche unerwünschte Effekte nicht ausgeschlossen seien.

Gleichzeitig sagen Lebensmittel-Sicherheitsbehörden: Die zugelassenen Süßstoffe gelten innerhalb der akzeptablen Tagesdosen als sicher. Ein aktuelles Beispiel ist Aspartam:

  • 2023 stufte die Krebsforschungsagentur IARC Aspartam als „möglicherweise krebserregend“ (Gruppe 2B) ein, während das WHO/FAO-Sachverständigengremium JECFA die zulässige tägliche Aufnahmemenge (ADI) bestätigte.
  • Die US-Behörde FDA listet ebenfalls ADI-Werte für mehrere Süßstoffe (Aspartam u. a.).

Das klingt widersprüchlich, ist aber erklärbar: IARC bewertet „Gefahr“ (hazard) – ob etwas grundsätzlich Krebs auslösen kann – während JECFA/FDA/EFSA „Risiko“ im realistischen Konsumkontext bewerten (Dosis, Exposition).

Was heißt das praktisch – ist „Zero“ nun gesund?

„Zero“ ist meist besser als Zuckerlimonade – aber nicht automatisch „gesund“.
Die Evidenz deutet darauf hin:

  1. Wenn du dadurch zuckerhaltige Softdrinks ersetzt, kann das ein sinnvoller Schritt sein (Kalorien/Zucker runter; oft kleine messbare Vorteile).
  2. Wenn „Zero“ dauerhaft sehr viel wird, bleibt Unsicherheit: Beobachtungsdaten finden teils ungünstige Zusammenhänge, die aber nicht beweisen, dass Süßstoffe die Ursache sind.
  3. Für den Alltag gilt: Wasser (oder ungesüßter Tee/Kaffee) ist die gesundheitlich robusteste Wahl; „Zero“ eher ein Werkzeug zum Reduzieren von Zucker – nicht die neue Basisernährung. (Das ist auch der Grundton der WHO-Leitlinie.)

Fazit

Zero-Getränke sind kein Gesundheitselixier – aber sie können der deutlich kleinere Übeltäter sein, wenn die Alternative eine tägliche Zuckerlimonade ist. Die beste Strategie ist oft nicht „Zucker vs. Süßstoff“ als Glaubensfrage, sondern: Süß-Gewohnheit insgesamt runterfahren. Wer „Zero“ als Übergang nutzt, gewinnt meist mehr, als er verliert. Wer es als Dauerlösung in großen Mengen trinkt, sollte zumindest wissen: Die Datenlage ist noch nicht „endgültig beruhigend“ – sondern weiterhin ein Feld, in dem sich Nutzen (Zuckerersparnis) und offene Fragen (Langzeitassoziationen) gegenüberstehen. pm/dt